„Train Fantôme“ bei Cruise & Callas, Berlin

Weg ins Ungewisse

Jutta von Zitzewitz
1. Juni 2011

„Train Fantôme“ mit Frauke Boggasch, Olaf Breuning, Cornelia Brintzinger, Aleksander Cigale, Claudia Comte, Annabelle Craven-Jones, HR Giger, Sebastian Hammwöhner, Uwe Henneken, Alexandra Hopf, Nick Laessing, Catherine Lorent, Julia Pfeiffer, Resonator, Stefan Rinck, Torbjørn Rødland, Aïda Ruilova, Kerstin Schröder, Katja Strunz, David Tibet, Mark Titchner, Gabriel Vormstein, Louis Wain – Galerie Cruise & Callas, Berlin. Vom 29. April bis 2. Juli 2011

Die Frage, warum Cruise & Callas ihre Gruppenausstellung ausgerechnet unter das Thema der Romantik gestellt hat, beantwortet die Galeristin Kirstin Strunz mit dem Verweis auf ihre literarischen Vorlieben und ihre Zusammenarbeit mit der Künstlerin Alexandra Hopf, bei der sie diese ins Zeitgenössische fortgesetzt sieht. Hopfs Arbeiten waren schließlich der Ausgangspunkt für die Schau, bei der es auch um Dunkelheit geht. Wie im „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis gehe es um den Weg in den Berg hinein, der ins Ungewisse, ins Geheimnisvolle und in die eigene Psyche hinabführe. Und weil Strunz den Gedanken nicht in teutonischer Schwere versinken lassen wollte, wählte sie die „Geisterbahn“ als Leitmetapher der Schau.

Wer deshalb plakative Schockeffekte, Totenköpfe und andere morbide Delikatessen erwartet, liegt aber falsch. Einzig die Arbeit des fantastischen Realisten H.R. Gigers im Erdgeschoss stellt eine Verbindung zum Horrorgenre dar. Die Zeichnung des schweizer Künstlers, der als Schöpfer der Spezialeffekte in Alien berühmt wurde, erinnert eher an die Traumvisionen von Alfred Kubin. Der blaue Vogel in Expanded Drawing, Nr. 40 ist ein Geschöpf der Nacht, keine Frage, bedrohlich wie der „Rabe“ von Edgar Allen Poe und ebenso geheimnisvoll. Das dunkeltonige Ölgemälde von Frauke Boggasch daneben, das zwischen Geste und Reflektion, zwischen Abstraktion und Figuration schwebt, wirkt wie eine wesensverwandte Schöpfung, die aus dem Abgrund der menschlichen Psyche emporzusteigen scheint.

Beherrscht aber wird der erste Teil der Ausstellung im Erdgeschoss der Galerie von den zwei großformatigen Arbeiten Alexandra Hopfs, die direkt im Eingangsbereich hängen. Stormy Night und Illusion and Resistance sind höchst virtuose Sternenfantasien auf schwarzem Grund, die den Betrachter mit dem weiten Assoziationsraum, den sie eröffnen, bewusst allein lassen. In diesen soghaft wirkenden Arbeiten erscheinen neben Bildern von fernen Galaxien und Milchstraßen konstruktivistische Strukturen, die wie hauchdünne Gitter über dem Schwarz des Bildgrunds schweben. Alexandra Hopf bewahrt in ihren Bildern auch die Ambivalenz der Romantik als dunklen Zwilling der Aufklärung. Unendlichkeit, Geheimnis und Dunkelheit waren und sind nur die andere Seite der Medaille, die jeden Winkel der Welt im Schlaglicht der Vernunft zu erhellen suchte. Novalis selbst verkörperte diese Ambivalenz – der romantische Dichter der „Hymnen an die Nacht“ war zugleich Bergbauingenieur.

Diese Janusköpfigkeit der Romantik wird im selben Raum zusätzlich in zwei verschiedene Positionen aufgespalten. So treten die okkult-expressiven Fratzenbilder, die der britische Musiker David Tibet mit bunten Wachsstiften auf schwarzes Papier gebannt hat, in einen Dialog mit dem kühlen Konstruktivismus einer Faltmetallskulptur von Katja Strunz.

In den Räumen einer ehemaligen Motorradgarage, die vom rauen Charme der Industriearchitektur lebt, haben es installative Arbeiten nicht eben leicht, sich gegen die fast skulpturale Präsenz dieser Umgebung zu behaupten. Genau daraus schlägt Gabriel Vormstein sein künstlerisches Kapital. An der Wand bastelte er eine Vitrine – einen kitschigen Miniaturaltar samt Porzellanmadonna, Plastikblumen, Votivgaben und einem profanen Stromzähler. Augenzwinkernd spielt Vormstein hier mit der Verunsicherung des Betrachters in zeitgenössischen Kunsträumen, mit ihrer latenten Erwartungshaltung, dass womöglich alles, was einem begegnet, Kunst sein könnte – ob Heizkörper, Leitungen, Feuerlöscher oder eben Stromzähler.

Ein ähnlich doppelbödiger Witz zeichnet die surrealistischen Arbeiten von Julia Pfeiffer aus, die in ihrer Keramikarbeit und in ihrer Fotografie Schwerkraftspiele veranstaltet und Alltagsdinge mit einem absurden Eigenleben ausstattet. Das erinnert an die Nonsenswelt tschechischer Trickfilme in Stop-Motion-Technik und steht dem Künstlerpaar Anna und Bernhard Blume sichtlich näher als Salvador Dalí, auch wenn der Keramikteppich am Podest der Skulptur herabfließt wie die Uhren in den Gemälden des Spaniers.

Teil zwei der Ausstellung befindet sich im Kellergeschoss der Galerie. Dort dominieren Fotografien, Multi-Media-Installationen und Skulpturen. Man trifft auf zwei Constantin Brâncuşi-Paraphrasen, die von unterschiedlichen Künstlern stammen, obwohl sie mit verblüffend ähnlichen Mitteln arbeiten. Guillaume von Claudia Comte setzt der ätherischen Perfektion der Bronze Vogel im Raum eine Baumarktvariante dieser klassischen Plastik entgegen, einen Anti-Brâncuşi aus armen Materialien, mit Gebrauchsspuren und Macken. Ebenfalls wie eine Arte-Povera-Version präsentiert sich die mit zwei Spiegeln zwischen Decke und Boden verspannte Stütze aus verkohlten Holzelementen Tomorrow is yesterday again von Sebastian Hammwöhner, die die Endlose Säule des Rumänen zitiert. Der abstrakte Essentialismus Brâncuşis wird von beiden Künstlern auf den Boden der Gegenwart zurückgeholt, ohne aber dessen utopisches Potenzial aufzugeben.

Am tiefsten in die Erde begibt sich das Duo Resonator – hinter dem sich der bildende Künstler Frank Lüling und der Musiker Oliver Schmid verbergen – das im Untergeschoss der Galerie ein grandioses Environment installiert hat. Fuchs heißt diese Multi-Media-Arbeit. Es ist ein geschlossener Raum, ein verlassener Fuchsbau vielmehr, in dem der Besucher Bergmannskleidung, Fuchsmasken und eine Wohnzimmergarnitur der 1960er-Jahre samt klobigem Fernsehmöbel vorfindet. In gewohnt intensiver Manier haben sich die schweizer Künstler in Schaffhausen am Rhein auf eine manische Suche nach ergiebigem Klang- und Bildmaterial begeben. Das Ergebnis ist ein hypnotischer Remix aus Ortstönen- und bildern, der als Loop auf dem Fernsehen gezeigt wird. Die Unterwasser- und Höhlenaufnahmen lassen die romantisch überformte Rheinlandschaft fremdartig und exotisch erscheinen.

Ein Faible für technische Tüfteleien aller Art und für die romantische Figur des Einzelgängers, der sich am Rand der Wissenschaft bewegt, hat der Brite Nick Laessing. Seine Arbeit ist eine Hommage an den russischen Naturforscher Wiktor Stepanowitsch Grebennikow, der sich in den 1980er-Jahren den Parawissenschaften zuwandte und behauptete, eine Antigravitionsmaschine, eine so genannte „Levitationsplattform“ erfunden zu haben. Der Super-8-Film, den Laessing stilecht auf einem russischen Projektor abspielen lässt, zeigt undeutlich und ausschnitthaft Maschinenteile, die der Künstler bei seiner Recherche an der Wirkungsstätte des Forschers in Russland vorfand. Zusammen mit einer Edition, die Auszüge aus dem Tagebuch Grebennikows fantastischen Handzeichnungen des Forschers präsentiert, ergibt sich ein faszinierendes Mosaik, das ebenso verrätselt und versponnen ist wie sein Objekt.

Auch wenn naturgemäß nicht alles aufgeht, was Cruise & Callas unter ihrem romantischen Oberthema vereint haben: Eine grandiose Schau wie „Train Fantôme“ hinterlässt den Wunsch nach mehr solcher thematischen Gruppenausstellungen in Berliner Galerien. Wenn sich Galeristen jenseits kommerzieller Interessen so dezidiert als Kuratoren zeigen, artikulieren sich Unterströmungen, thesenhafte Zuspitzungen und Entdeckungen mit einer Beiläufigkeit, wie sie bei großen zeitgenössischen Leistungsschauen kaum denkbar ist. Die Eigenheit einer Handschrift, wie sie Cruise & Callas mit ihrer Gruppenschau hinterlassen, kommt mit großem Gewinn allen zugute, die neugierig auf Korrespondenzen im zeitgenössischen Geschehen jenseits der großen Namen sind.


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