13. Dezember 2006
Wenn vom turbobeschleunigten wirtschaftlichen, demografischen und urbanen Wachstum Chinas die Rede ist, dann zumeist in abstrakten Zahlen und numerischen Verhältnissen. Diesen am Fallbeispiel Pekings konkrete Gestalt und ein Gesicht zu geben ist Anliegen der von
Gregor Jansen kuratierten Ausstellung „totalstadt. beijing case.“ im Museum für Moderne Kunst des ZKM. Die Präsentation baut auf einer Ausstellung auf, welche, ebenfalls unter Federführung Jansens und dem Titel „Informal City? Beijing Case“ die Ergebnisse eines viermonatigen Gastaufenthaltes von zwölf deutschen und chinesischen Künstlern in der chinesischen Hauptstadt vorführte. Diese waren auf Initiative der Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut der Megacity eingeladen, deren Struktur zu erkunden, und die Karlsruher Präsentation erweitert nun abschließend die Gruppe der Teilnehmer des Stipendiatenprogramms um 16 Künstler, deren Werke sich ebenfalls mit den Umwälzungen im zeitgenössischen China beschäftigen.
Die Videoinstallation Looming (2006) von Heike Baranowsky und Waszem Khan ist dabei fast schon so etwas wie ein Signetwerk, das programmatisch das kuratorische Anliegen zusammenfasst: Von verschiedenen erhöhten Standpunkten in der Stadt zoomt die Kamera langsam aus einer urbanen Totalen auf einen fokussierten Ausschnitt, der es erlaubt, einzelne Menschen in ihren alltäglichen Verrichtungen – beim Spazierengehen, Einkaufen oder Arbeiten – zu beobachten. Von der Spannung zwischen ornamentaler Masse und Individuum lebt ebenfalls die Wandarbeit Kartoffelzähler (1968/2006) von Thomas Bayrle, bei der allerdings das Publikum selbst den Zoom vollziehen muss: Von Weitem scheint sich ein abstraktes Muster über die Fläche zu ziehen, das sich bei näherem Hinsehen als das rapportartig wiederholte, plakative Motiv von Kartoffelbauern bei der Lektüre der Mao-Bibel erweist. Die Vorlage hierfür stammt aus der Propagandazeitschrift „China im Bild“ und ist mit in Sunah Chois aus deren fotografischen Quellen schöpfende, gleichnamige Videoarbeit China im Bild 1966-73 (2006) eingeflossen. Gemeinsam mit anderen Werken ist das Video auf Bayrles Tapeten-Wand installiert, die so sinnhaltig den historischen Hintergrund für die zeitgenössischen Bedingungen formuliert.
Wenn die Nahaufnahme das Leitmotiv der Ausstellung darstellt, dann ist Entschleunigung der richtige Begriff für ihr Tempo. Viele der präsentierten Künstler haben sich für das Medium Video entschieden, um in unaufgeregten Bildern, die sich der Geschwindigkeit des urbanen Flimmerns entgegensetzen, der Erzählung von Einzelschicksalen oder dem Gruppenporträt breiten Raum und vor allem Zeit zu gewähren. Die Künstlerin Zang Kexin hat sich, angeregt von den Thesen eines Freizeitforschers, der im heutigen China allein den Menschen über Fünfzig wahren Lebensgenuss bescheinigt, nach Peking aufgemacht, um diese Behauptung zu überprüfen. Die Überhalbhunderter (2006) ist das angenehm gelassene foto- und videografische Beweismaterial, das diese Generation bei sportlichen Aktivitäten, Geselligkeit und Tanz zeigt und dabei in den aufgezeichneten Gesprächen das Geheimnis ihres Glücks offenbart. Auch Ma Yingli hat sich die Zeit genommen, in ruhigen Kameraeinstellungen und langen Sequenzen die Erfahrungen eines Rentnerpaares zu dokumentieren, das aufgrund der Modernisierung seines Stadtviertels in eines der unzähligen Neubaugebiete Pekings umgesiedelt wurde. Das Video From Beixin Qiao To Tiantong Yuan (2006) begleitet seine Protagonisten während eines Tages und erlaubt durch deren freimütige Aussagen intime Einblicke in die Lebensumstände, Mentalität und praktische Weisheit der Menschen, die in den eintönig erscheinenden Wohnsilos leben.
Ein verlassenes Haus steht im Zentrum der Installation Immemorial Heterotopia (2006) von Echo Yinsin Ho. Die Künstlerin hat in Peking Orte aufgesucht, die sie als Manifestationen des Foucaultschen Konzeptes begreift. Sie setzt die Vorstellung von Heterotopien als Räume, die sich von anderen durch Exklusivität und eine besondere soziale Aufladung unterscheiden, bildhaft um, indem sie eine Fotografie ihres Geburts- und Elternhauses in regelmäßigen Intervallen durch die Leuchtschrift „Heterotopia“ überblenden lässt und so gleichsam die repräsentierte Architektur dem Zugriff entzieht. Die Erinnerungen an einen verlorenen Ort und eine verlorene Zeit, die in der Arbeit visuell und akustisch beschworen werden, machen das frühere Zuhause zu einer Art privater Heterotopie, deren Zugang allein der Künstlerin wirklich vorbehalten ist.
Solche abweichenden Orte inmitten des zeitgenössischen Pekings hat auch der Poet Xi Chuan aufgesucht, der religiöse Architekturen und Bilder aus der Profanität der Stadt herausgefiltert hat. Kirchen, Tempel, Votivbilder und Symbole der unterschiedlichsten Kulte sind fotografisch dokumentiert und erscheinen unter dem melancholischen Titel Der letzte Aberglaube? (2005) als bedrohte Relikte einer zunehmend isolierten spirituellen Haltung – im urbanen Gefüge ebenso wie im sozialen.
Nun leidet die Welt des globalen Kuratierens und der wuchernden Biennalen wahrlich keinen Mangel an Projekten, die sich mit den dramatischen Auswirkungen zeitgenössischen entfesselten Städtewachstums beschäftigen, gerade für den und im asiatischen Raum. Was die Karlsruher Ausstellung auszeichnet, ist die Tatsache, dass Architektonisches hier eher in den Hintergrund tritt – ein Konzept, das sich auch in der stimmigen und durchdachten Hängung niederschlägt, die sich modulartig über drei Ebenen des Museums erstreckt und damit den Gedanken der unaufhaltsam in die Höhe strebenden Stadt aufgreift, in der die Kunstwerke Fenster in beschaulichere Welten eröffnen.