Tony Oursler bei Hans Mayer, Düsseldorf

Total Maximal

Magdalena Kröner
29. März 2012

Tony Oursler: „Lapsed Fantasist” – Hans Mayer, Düsseldorf. Vom 17. März bis 1. Mai 2012

Wahrscheinlich erinnert sich jeder an den Moment, an dem er zum ersten Mal einer Arbeit von Tony Oursler gegenüberstand: Man schaute einer Fratze ins Gesicht, die leise murmelte, sang oder fluchte, die vor sich hin kicherte und mit den Augen rollte, und fand das komisch und unheimlich und abgründig. Schließlich hatte man so etwas noch nie gesehen. Das Vertraute und Banale menschlicher Befindlichkeiten schlug im Werk dieses Künstlers um in einen verstörenden Moment ungeschönter Selbsterkenntnis.

Nun zeigt Tony Oursler nach ziemlich genau zehn Jahren neue Arbeiten bei Hans Mayer in Düsseldorf – und es ist wohl das Verspielteste, was man von diesem Künstler je gesehen hat. Oursler inszeniert ein vielstimmig raunendes Theatrum mundi aus Glas und Pappmaché, Gummimasken und ausgestopften Tieren, das sein stiller Programmierer erst kurz vor der Eröffnung zum Sprechen und Laufen brachte. Doch eine Arbeit wie Determinist Dilemma, von einem begeisterten Hans Mayer gar mit frühen Combines von Robert Rauschenberg verglichen, führt tatsächlich vor allem ein Dilemma vor. Der raumhohe, spektakelige Turm ist versehen mit einigen durchaus effektvollen Projektionen: sprechende Köpfe, blinzelnde Tiere und täuschend echtes Feuer. Doch wo Rauschenberg die Welt tatsächlich in wie zufällig gefundenen Dingen zueinanderzwang, wo Zeitungsausrisse und Autoschilder oder auch mal eine ausgestopfte Ziege sich zu einem eindringlichen Spiegel der Welt verdichteten, bleibt bei Oursler alles im Ungefähren. Alles geht, nichts muss.

Unerwartet für einen, dessen Stärke einst die präzise Beobachtungsgabe war, die, kombiniert mit einer comichaften Verkürzung der Welt, eindringliche Geschöpfe und Bilder schuf, deren Wirkung man sich kaum entziehen konnte. Oursler sucht mit viel Technik und Material die Welt in den White Cube zu zwingen, doch bleibt das Ganze ein Spielplatz, auf dem man sich rasch langweilt, eben auch, weil in der Kakophonie der Stimmen keine ist, der man länger lauschen wollte.

Dazu zeigt er, für viele überraschend: Malerei. „Ich hatte einfach wieder Lust, zu malen“, sagt der 54-jährige New Yorker. „Früher habe ich in bewegte Bilder hineingemalt, jetzt bringe ich das Video zurück in die Malerei.“ Gegen die Lust, nach Jahren immer stärkerer technischer Verfeinerung wieder einmal das zu tun, was er bereits als Student Ende der 70er-Jahre am California Institute of Fine Arts tat, ist nichts zu sagen. Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Für Cydonia hat der Künstler ein Tortenstück aus dem Planeten Mars herausgeschnitten. Darauf finden sich versprengt ein paar Augen und Münder als Videobilder, die auf der von Kratern durchsetzten Oberfläche entdeckt werden wollen.

Neu sind auch die „Microworks“, bei denen sich Oursler von Kleinstprojektoren, nicht größer als eine Handfläche, inspirieren ließ. Seine Mikrowelten wirken wie Platons Höhle mitten im amerikanischen Alltag: Hier kehrt, eingehüllt in Plastikspielzeug, der in den großen Assemblagen eingeführte Reigen archaischer Symbole im Kleinen und Kleinsten wieder. Wie Ameisen krabbelnde, nackte Frauen, ein rotierender Totenschädel, Feuer, das die Wände entlang lodert, dazu ein paar geschminkte Männergesichter, die raunen „It's beautiful, so beautiful...“.

Im Gespräch erzählt Oursler, wie sehr die „Microworks“ von Erkenntnissen der Robotik beeinflusst wurden, also dem, was der japanische Wissenschaftler Masahiro Mori schon 1970 mit dem Begriff des „Uncanny Valley“ beschrieb: Je menschenähnlicher ein Roboter ist, desto unheimlicher wird er uns. Beim Stichwort „Uncanny“ kommt unweigerlich der kürzlich verstorbene, große, böse Puppenspieler der amerikanischen Popkultur, Mike Kelley, mit seiner legendären, gleichnamigen Schau vom Anfang der 90er-Jahre in den Sinn. Die Idee des großen Welttheaters und einer die menschlichen Abgründe offenlegenden Geste hat Kelley in immer neuen, teils kaum erträglichen Varianten durchgespielt. Er hat die Latte fürs Unheimliche zu Lebzeiten so hoch gehängt, das alles andere dagegen wirken muss wie ein Kinderkarussell. Auch Tony Ourslers neuer Maximalismus.


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