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Tim Lee bei Johnen + Schöttle, Köln

Knick in der Optik

Georg Imdahl
13. März 2009
Tim Lee – Galerie Johnen + Schöttle, Köln. Vom 27. Februar bis 9. April 2009

Die 150. Ausstellung bei Johnen + Schöttle ist die letzte der Galerie in Köln, bevor Jörg Johnen endgültig nach Berlin umzieht. Dort wird er in absehbarer Zeit die Dependance an der Schillingstraße aufgeben und einen neuen Standort beziehen. Als mögliche Adresse gilt das ehemalige Büro des Architekten Oswald Mathias Ungers an der Marienstraße in Berlin-Mitte. Den Schlusspunkt in Köln, wo die Galerie Johnen + Schöttle seit 1984 zu den Impulsgebern zählte, setzt der Kanadier Tim Lee. Mit der Wahl des Künstlers aus Vancouver schließt sich auch programmatisch ein Kreis der Galeriearbeit in Köln, lag doch einer ihrer Schwerpunkte auf der Kunstszene der kanadischen Metropole, namentlich mit Jeff Wall,Ian Wallace und Rodney Graham.

Der 1975 in Seoul geborene Lee ist ein subtiler Ironiker. Kennzeichnend für sein bisheriges Œuvre ist der wiederholte Einsatz des Spiegels als Metapher für Reflexion und Wahrnehmung, vor allem aber für die Gleichzeitigkeit von Klarheit und Konfusion. Genau in diese Lücke zielt Lee immer wieder mit Foto-Arbeiten, die bei aller Deutlichkeit des Sichtbaren spontan Rätsel aufgeben: Wenn sich Lee etwa auf einem Stuhl festgebunden auf den Kopf drehen und in dieser Position fotografieren lässt, dabei ein Buch mit Schriften von Robert Smithson liest, das er kopfüber in der Hand hält, und das Foto des Buchcovers wiederum verkehrt herum montiert hat. Das Foto dieser grotesken Sitzposition schließlich wird dann selbst kopfüber aufgehängt. Verstanden? So geschehen in der Fotografie namens Upside-Down, Water Torture Chamber, Harry Houdini, 1914 von 2004. Hier sieht man einen jungen Mann, auf einem Stuhl sitzend, bei der Lektüre. Irgendwann fallen die seltsam aufgedunsenen, nach oben fliehenden Backen auf und vielleicht auch das leicht abstehende Haupthaar – und dann begreift man, dass an diesem Bild und seiner vermeintlichen Plausibilität nichts offenkundig plausibel ist, und natürlich sind in einer wenig bequemen Haltung wie dieser die Entfesselungskünste eines Houdini besonders gefragt. Vor allem aber ist dies Verwirrspiel eine Versinnbildlichung menschlicher wie auch apparativer Wahrnehmungsprozesse – die ebenfalls das Gesehene zunächst auf den Kopf stellen.

Einige Arbeiten gleichen regelrechten Vexiervorrichtungen, die das Sehen zum Thema haben, aber unmöglich machen. Dazu gehört Untitled (The Pink Panther, 2049/2092) von 2007, eine Vitrine, in der in kühler Präsentation einige Linsen wie wertvolle ethnische Objekte auf Metallständern aufgestelzt sind: eine markante Hornbrille, eine Lupe, eine Nikon-Kamera und ein 300-mm-Teleobjektiv. So prägnant die Sehapparate als Fetische ausgestellt und zelebriert werden, so wenig sinnvoll erscheint ihre Reihung und Ausrichtung aufeinander: Durch Brille und Lupe in den Sucher zu schauen, funktioniert nicht. Der Durchblick gelingt – wenn auch mäßig – allenfalls in der Gegenrichtung, nämlich wenn man vor dem Objektiv steht und durch dieses hindurchschaut. Zwei C-Prints von 2007 zeigen Selbstportraits des Künstlers, der hier die ausgestellten Instrumente verwendet, also vor der Hornbrille eine Lupe auf der Nase trägt und mit der Riesenkamera sich selbst im Spiegel fotografiert (Untitled I (The Pink Panther 2092), 2007). Lee hat diese Aufnahmen in einem Pavillon von Dan Graham gemacht – er parodiert damit den Schauspieler Steve Martin alias Inspector Clouseau, den man gemeinhin mit Brille und Lupe in Verbindung bringt, und persifliert sich selbst in dem Klischee als fotografierender Asiate. Jens Hoffmann hat zu dieser Arbeit bemerkt: „Lee, ein koreanischer Kanadier, spielt einen Amerikaner, der einen Engländer verkörpert, der einen Franzosen spielt, so dass alle ethnische und nationale Identität und sogar die Subjektivität selbst instabil werden.“

In dem Bestreben, „über anderer Künstler Gedanken nachzudenken“, covert Lee Arbeiten von Kollegen, so etwa Dan Grahams Roll, ein Schlüsselwerk von 1970, das Graham mit zwei Kameras in Szene gesetzt hatte: Auf dem Boden liegend rollte er seinen Körper um die eigene Achse und filmte eine Kamera vor ihm, von der er selbst gefilmt wurde. Lee kondensiert Grahams Doppelfilm-Installation in seiner Paraphrase Untitled (Studio Roll, 1970) von 2009 zu einem digital bearbeiteten einminütigen Ein-Kanal-Video, in welchem alles in Bewegung geraten ist. Die Rotation seines Körpers und jene der Kamera sind minutiös aufeinander abgestimmt, woraus sich eine suggestive Spiralbewegung ergibt. Eine komplizierte Apparatur hat Lee auch in Untitled III (Aleksander Rodchenko, 1928) aus dem vergangenen Jahr geschaffen, wo er in einer konstruktivistischen Skulptur zwei Spiegel und eine Kamera zu einem Monument der Selbstbetrachtung macht.

Mit dezentem Humor verknüpft Lee Elemente der Populärkultur mit Kunstwerken, die sämtlich auf das Thema der Wahrnehmung und ihrer Selbstbespiegelung verweisen. Im konkreten Fall deckt er mitAlexandr Rodčenko, Dan Graham und Steve Martin eine Bandbreite ab, die vom Konstruktivismus über die Konzeptkunst bis zur Comedy reicht. Lee tritt als Darsteller auf, der die Paradigmen von Minimal und Concept Art aufführt und unterschiedliche Rollen aus der Welt von Kino und Popmusik annimmt. Seine leise Kölner Schau, eine Übernahme aus dem Project Space der Londoner Hayward Gallery, ist in ihrer Kargheit sorgsam austariert. Sie verwandelt den White Cube in ein Laboratorium der Wahrnehmung, über deren Bedeutung und Möglichkeiten sich hier ergiebig reflektieren lässt.


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