27. Oktober 2008
Aller Anfang ist schwer, der Start der
Temporären Kunsthalle Berlin war schwerer. Jeder wünscht der Berliner Kunstszene einen Aufbruch, damit der kreative Reichtum der armen Stadt endlich in gewitzt argumentierenden Ausstellungen und visionären kuratorischen Programmen sichtbar würde. Besonders die weitgereisten Berliner Künstler wünschen sich neue und beweglichere Institutionen, denen der auf Zeit errichtete, von
Adolf Krischanitz entworfene Würfel auf dem Schlossplatz als eine Art Versuchslabor den Weg weisen könnte. So groß aber die Hoffnungen und Sehnsüchte sind, so wenig kann das bisherige künstlerische Programm des vom Himmel hernieder gefallenen Kubus als Beispiel kuratorischer Revolutionsanstrengungen gelten.
Kurz vor ihrer Eröffnung am 29. Oktober 2008 haben die beiden Initiatorinnen Constanze Kleiner und Coco Kühn deshalb die Beschleunigungsstufe gezündet und sich Verstärkung geholt. Der Künstler und managementerfahrene Publizist Thomas W. Eller soll neben Constanze Kleiner als zweiter Geschäftsführer „die Leitungsposition für die programmatische und inhaltliche Ausrichtung der Kunsthalle“ besetzen, wie es heißt. Eller, Gründungschefredakteur und zuletzt Herausgeber dieses Magazins, ist ein Wanderer zwischen den Welten, der auch als geschäftsführender Direktor bei artnet nicht aufhörte, Kunst zu produzieren und zuletzt etwa den Wettbewerb für ein Kunst am Bau-Projekt im westfälischen Minden gewann und 2006 mit dem Kollwitz-Preis ausgezeichnet wurde.
Nun muss Eller Wunder wirken. Wo das Kunsthallen-Team bisher zwar engagiert und respektabel agierte, sich aber allzu vorschriftsmäßig in die schweratmige Berliner Staatskunstlandschaft zu fügen schien, muss der herbeigerufene Stratege eilig Entscheidungen treffen, damit nicht allein noch mehr schöne Kunst in Berlin zu sehen sein wird, sondern die Berliner Museumsszene am lebenden Objekt beobachten kann, wie es aussieht, wenn eine Institution brennende Fragen untersucht und mit Mut zur Kontroverse die veränderte Bedeutung und Funktion der zeitgenössischen Kunst darstellt. Eller, ein Künstler als Kritiker und Querdenker, vertritt seit Jahren unbeirrbar die Ansicht, dass die grassierende Hysterie und Event-Manie des Kunstbetriebs das Ergebnis einer stetigen Ausdifferenzierung der Märkte ist, auf denen Konsumentenbefriedigung nicht notwendig Kunstintelligenz hervorbringen muss. Jeder nach seiner Façon, hat der Kritiker Eller stets geschrieben, und niemals hinzuzufügen vergessen, dass das alte und neue Etikett „Kunst“ nichts besagt, solange man nicht begründet, von welcher Kunst zu welchem Zweck die Rede ist.
Nun wird er in einer Halle, die morgen mit einer Ausstellung von Candice Breitz ihre Pforten öffnet und sich so als Schild der internationalisierten Berliner Künstlerschaft positioniert, genau diese Fragen beantworten müssen. „Kunst mit Blick auf die Zukunft in der Mitte Berlins zu präsentieren“, wie es in der Presseerklärung nichtssagend heißt, wird da nicht reichen. Berlin braucht eine Programmdebatte über das, was der Stadt fehlt. Es kann nicht bloß um ein Schaufenster dessen gehen, was die deutsche Kapitale reichlich hat, nämlich weltweit nachgefragte Kreativität. Beobachter erwarten mit Spannung, ob der die Fronten wechselnde Kritiker einen neuen, ernstzunehmend programmatischen Ton in die Debatte bringen könnte. Wenn ein Künstler erfolgreich ungelernt Kritiker sein kann, muss ein Nicht-Kurator auch eine Kunsthalle neuerfinden dürfen. Die Kunsthalle und Berlin könnten weiteren Erfindungsreichtum gut gebrauchen.