4. Juni 2010
Thomas Kratz – Croy Nielsen, Berlin. Vom 28. Mai bis 7. Juli 2010
Manche Künstler sind eine Marke. Verlässlich wie vom Fließband produzieren sie Werke mit hohem Wiedererkennungswert. Andere wiederum haben den Stilwechsel zum Programm und damit zum Markenzeichen erhoben. Und dann gibt es die Künstler, die zwar vehement auf die Bühne des Kunstbetriebs drängen, sich aber dennoch mit aller Macht gegen jede Form der Kategorisierung stemmen. Künstler wie Thomas Kratz. Geradezu erratisch nehmen sich die performativen Auftritte ebenso wie die Ausstellungen und Ausstellungsbeiträge aus, mit denen er in schöner Regelmäßigkeit für vorsichtiges Interesse, aber auch handfeste Irritationen sorgt – und das nicht nur in der jungen Galerie- und avancierteren Offszene Berlins. Wer das Wagnis unternimmt, einen roten Faden in den weit verzweigten, ja schier divergierenden Aktivitäten Kratz‘ zu finden, wird sich unweigerlich verheddern.
Seine notorisch sprunghaft wirkende Produktion lässt sich, wenn überhaupt, locker zwischen den Polen Malerei und Performance ansiedeln. Dennoch ist Kratz weder als performender Künstler noch als konzeptuell-emphatischer Maler oder gar kuratierender Entrepreneur zu etikettieren. Vielmehr bringt er sein Projekt in eine derartige Schieflage, dass es ziemlich massiv an jene Eckpunkte rührt, innerhalb derer sich Kunst gegenwärtig vollzieht und hinter denen es legitimer- oder interessanterweise mit ihr weitergehen könnte. Dass Kratz, nebenbei, so nicht wenig an seinem ureigenen Mythos zu arbeiten scheint, ist ein nicht unwesentlicher und gleichzeitig amüsanter Aspekt des Projekts ...
Wir brauchen uns somit nicht wirklich zu wundern, wenn Kratz bei seiner ersten „echten“ Ausstellung bei Croy Nielsen – nach einer Ausdauerperformance im Winter letzten Jahres – recht konventionell mit Malereien und einer Skulptur antritt. Noch weniger brauchen wir uns darüber zu wundern, dass er es schafft, selbst dieses konventionelle Ausstellungsformat mit ausreichend Sperrfeuer einzudecken, dass sich niemand in die Schusslinie des Künstlers wagen will. Friedlicher ausgedrückt: Kratz zaubert wieder einmal jenen berüchtigten, aber umso schwerer zu erzielenden Effekt des, genau, ganz und gar Unentscheidbaren hervor. Denn was diese Ausstellung ist, was sie mit ihren Mitteln wollen könnte, lässt sich so einfach nicht sagen. Zunächst einmal sind da unterschiedliche Werkgruppen – serielle, nach einer Art Alibi-Konzept ausschließlich mit den Fleischfarben bzw. Inkarnattönen verschiedener Farbenhersteller gemalte und Artemis oder Apoll betitelte Kleinformate (allesamt von 2010), dazu zwei expressiv-rudimentäre, als malerisch-schnelle Tinteeruptionen auf ungrundierte Leinwand gesetzte Torsi (Ohne Titel, beide 2009). Kombiniert werden diese Gruppen mit eher sporadischen, lapidar in unterschiedlichen Idiomen des Malerischen wühlenden Einzelarbeiten sowie einer suggestiven Brunnenskulptur (Ohne Titel, 2010) mit riesenhafter menschlicher Silhouette.
Hier legt uns der Künstler zwar eine interpretatorische Leimroute aus – rund ums Thema „Körperdarstellung“. Diese ist aber längst nicht überzeugend genug, um über alle die ostentativen Brüche zwischen den Arbeiten und den dahinterstehenden Ansätzen hinwegzusehen, über die schier peinvollen Qualitätsunterschiede, wie sie sich zwischen einer Art miniaturisierter Einlassung auf Willem de Kooning (Ohne Titel, 2010) und der Kirchentagskunst-Ästhetik jener maliziös-schrecklichen Tintentorsi und den im Vergleich dazu konzeptuell „safen“ Inkarnat-Malereien auftun. Und im Umkehrschluss? Wir könnten zwar jenes ominöse Konzept der – visuell immerhin ziemlich reizvollen – Inkarnat-Bilder, samt der durch die kapriziöse Titelwahl suggerierten Dimension von Mythos und Gender-Diskurs, für bare Münze nehmen, dann aber hätte sich das Genre des „bad painting“ auf der Basis von „dumb concept“ eine eher zwiespältige Facette hinzuverdient.
Nun könnte man dem Künstler ja auch unterstellen, er hätte schlicht und ergreifend keine Ahnung von dem, was er da tut. Oder dass er sich zwar künstlerisch in Szene setzen will, sich aber einfach nicht entscheiden kann, wie. Letztendlich zwingt uns die unverschämte Sicherheit, mit der Kratz macht, was er macht, dennoch Respekt ab. Auch diese Schau – ihr hemmungslos lustvolles Driften und Schlingern in Idiomen und Qualitäten, Medien und Konzepten, schieren Blödheiten und genialischen Höhenflügen – hat diese ganz spezielle Kratz-Magie, wo uns die völlige und völlig selbstverständliche Unentscheidbarkeit seines Tuns plötzlich geradezu zum Vergnügen wird. Schließlich gibt es nur wenige Metiers, wo genau solche sonst zweifelhafte Qualitäten letztlich für Qualität sprechen. Eines davon ist halt die Kunst.