17. März 2010
Thomas Feuerstein: „where deathless horses weep“ – Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Innsbruck. Vom 6. Februar bis 6. April 2010Es war ein aufsehenerregender Versuch, den der Biologe und Chemiker Stanley Miller mit seinem Kollegen Harold Clayton Urey im Jahr 1953 durchführte. Beide simulierten mit dem berühmten „Ursuppen-Experiment“, wie Leben auf der Erde hätte entstehen können – ohne göttliche Intervention. Bei diesem proto-Frankenstein‘schen Schöpfungsakt wird eine Atmosphäre aus einfachen Elementen elektrischen Entladungen ausgesetzt, wodurch sich organische Moleküle bilden. Es handelt sich also nicht gerade um eine wissenschaftshistorische Randnotiz, die sich Thomas Feuerstein da ausgesucht hat, wenn er in der Elisabeth & Klaus Thoman Galerie den Miller-Urey-Aufbau nachstellen lässt und zum Zentrum seiner Ausstellung macht: Bei ihm jedoch wird die biochemische Elementarküche zu einer Metapher für den künstlerischen Schöpfungsakt – um den sich auch nicht gerade wenige Mythen und Verklärungskonstrukte ranken.
Auf den ersten Blick scheint Feuersteins Aneignungsgestus vor allem vermessen. Denn das berühmte und wissenschaftlich durchaus umstrittene Experiment hatte gewaltige Auswirkungen nicht nur auf das biochemische Weltbild, sondern auch auf das religiös-geistesgeschichtliche. Und mit nichts weniger als dieser kopernikanischen Wende auf Molekularebene vergleicht der Künstler sein eigenes Tun? Geht es nicht kleiner? Vor allem geht es noch um einige Grad komplizierter, denn Some Velvet Mourning (2009) verknüpft das Miller-Urey-Experiment mit späteren Versuchen zu hydrothermalen Quellen am Meeresgrund, die ihre Umgebung mit zahlreichen Elementen anreichern und so ebenfalls organische Moleküle entstehen lassen. Kurz und gut, hier simuliert eine große Destillationsapparatur eine noch viel größere, natürliche Destillationsmaschinerie. Das Experiment schöpft dabei nicht aus dem Nichts. Es verwandelt etwas Unscheinbares, Niedriges in etwas Greifbares, Höheres. Und so hält es auch Feuerstein. Sein gläserner Katalysator wird mit einer chemisch reichhaltigen Flüssigkeit, nämlich dem kondensierten Atem der Ausstellungsbesucher gefüttert, der sich als Eisschicht auf einer tiefgekühlten Tierskulptur (der Replik einer populärkitschigen Pferdedarstellung) niederschlägt und von dort aus in flüssiger Form in den Reaktor geleitet wird. Am Anfang war nicht das Wort, sondern der Hauch. Und der wird der Materie eingeblasen. Und plötzlich ist überall Schöpfung. Amen.
Und was ist diese Schöpfung? Schnaps. Tatsächlich entsteht aus der Puste des Betrachters in mehreren Destillationsschritten Ethanol – sprich Alkohol, Spiritus. Dieser wiederum wird in den Kreislauf des Feuerstein‘schen Versuchsaufbaus rücküberführt, in Form von trinkbarem Alkohol, der so weitere Besucher befeuern und die Ausstellung als Destille in Gang halten kann. So vermessen ist das also doch nicht, wenn nicht Weltgeist, sondern Weingeist entsteht. Es ist ein recht bodenständiges Sinnbild für den Schöpfungsakt, das sich hier formt, und es ist hochgradig partizipativ und performativ. Das Sprechen über Kunst kondensiert an Kunst und führt zu Kunst. Es ist eine Art betriebsinterner Zirkelschluss, zu dessen Verbildlichung sich die beiden Laborversuche hervorragend eignen, denn auch hier zündet es nur, wenn die entsprechenden stofflichen Substanzen und chemischen Voraussetzungen gegeben sind.
Umrahmt werden die emsig vor sich hin arbeitenden Kolben, Röhren und Gefäße von einer Reihe ihrer – veredelten – Produkte, die zwar nicht weniger kühl und elegant als die chemische Apparatur daherkommen, dennoch einen Hauch von Bohème und Baratmosphäre verbreiten. In einem gläsernen Schrank locken allerlei goldene, durchsichtige und farbige Flüssigkeiten in edlen Flaschen, versehen mit individuellen und vom Künstler entworfenen Etiketten. Die Namen sind reine Kunstgeschichte. Le Grand Verre verweist offenkundig auf Marcel Duchamp; Genius in the Bottle spielt (wie so vieles in dieser Schau) mit dem Klischee des alkoholisch inspirierten Künstlers, aber eben auch mit der etymologischen Wurzel der „Inspiration“. Daimon Revolutionaire mit dem Unterslogan „Modernité – Normité – Determiné“ und dem Motiv eines blauen Kreuzes auf weißem Grund gibt der konstruktivistischen Kunst ihren revolutionären Esprit zurück und führt den Begriff des Dämons in die Ausstellung ein. Dieser geistert mit seinen sehr verschiedenen Bedeutungen und Erscheinungsformen in irrationalen Weltbildern, aber auch der Physik und Informatik durch diese Ausstellung und ihre Werke und stellt zudem das verbindende Element zwischen Mystik und Wissenschaft, zwischen Geisterwelt und Geisteswelt dar – ein kulturhistorisches Gemisch, das sich wiederum auch im großen Reaktor abbildet.
Nun ist die zeitgenössische Kunst nicht gerade arm an Versuchen, Kunst und Wissenschaft miteinander reagieren zu lassen oder auch zwangszuverschmelzen. Im Feuerstein‘schen Labor aber wird trotz einer Ready-made-artigen Vereinigung der Disziplinen – der apparative Versuchsaufbau ist das Werk – an den richtigen Punkten zwischen beiden Sphären unterschieden. Die biochemische Ursuppe, aus der sich Aminosäuren produzieren lassen, ist nichts weiter als der diskursive Humus, aus dem mit Glück und Methode Kunstwerke sprießen. Dabei wird ein Bild vom Künstler und seinem kreativen Vermögen gezeichnet, das sich angenehm abhebt von einem historischen und heute geradezu mythologisierten Genie-Begriff: Dieser wird hier eigentlich permanent verwässert, entzaubert, dekonstruiert – und zwar in dem Maße, in dem die große Destille ihre Produktionsprozesse betreibt. Was sie auf der chemischen Ebene verschmilzt, zergliedert sie auf der konzeptuellen. Some Velvet Mourning ist eine komplexe Apparatur, die künstlerische, kreative und vielleicht sogar erkenntnistheoretische Prozesse abbildet. In ihr brodelt eine kulturhistorische Ursuppe, aus der man letztlich zurückbekommt, was man in sie einspeist. Die Verbindung von Kunst und Wissenschaft, sie funktioniert hier deshalb so gut, weil die Kunst an keiner Stelle die Deutungshoheit aufgeben will. Sie instrumentalisiert, sie borgt sich das biochemische Experiment einzig zum Zwecke einer immanenten Selbstanalyse, die ausgesprochen sinnfällig und klug gerät. Und wer will, kann sich an ihr betrinken – immer noch der sicherste Notausgang aus aller Theorie.