13. Februar 2010
Thomas Eggerer: „Fence Romance“ – Galerie Daniel Buchholz, Berlin. Vom 5. Februar bis 17. April 2010Die Malerei ist, hundertmal totgesagt, auch heute noch der Darling des Kunstmarkts. Kein Wunder, dass dieses traditionelle und konventionalisierte Medium zu einem vielseitig ausdifferenzierten Industriezweig geworden ist. Zu einer Branche, die für jeden etwas bietet, für den Freund des Konzeptuellen in Trockenmalweise ebenso wie für den Liebhaber pastos aufgetragener Dekorativität. Selten aber konnte man eine Ausstellung finden, in der eine Malerei zur Verhandlung kommt, der all das fehlt. Der all das fehlt, was mit der spezifischen Attraktivität des Mediums, mit Kulinarik, Könnerschaft und im weitesten Sinne vielleicht sogar Geschmack zu tun hat – und die dennoch für sich einnimmt. Zugegeben ist Malerei, etwa als Genrefrage oder Medienreflexion, sowieso nicht das vordringliche oder gar ausschließliche Thema von Thomas Eggerers aktueller Schau „Fence Romance“. Deren Thema ist vielmehr der begehrende Blick, eine zugleich unbeholfene und absichtsvoll dargestellte Sehnsüchtigkeit. Dennoch sehen wir in den Bildern verschiedene Rhetoriken des Malerischen. Wir erleben in dieser bewusst als Parcours gehängten Ausstellung einen demonstrativen Abgleich, ein Mit- und Gegeneinander verschiedener malerischer Darstellungs- und Inszenierungsmuster. Es müsste also mit dem Teufel zugehen, wenn dieses selten Kunstlose, offensiv Plakative, gebilligt Unattraktive in den Gemälden, wenn diese leidenschaftlich ausgebreiteten No-gos in Eggerers Malerei nicht doch eine besondere Rolle spielen würden.
Was Eggerer in seinen neuen Bildern betont ausspielt, ist das messerscharf (oder kokett?) zugespitzte Konfliktpotenzial zwischen Inhalt und Form. Etwa in Thirsis (2009), einem kleinen Hochformat, dessen grünes, zu den Bildrändern hin elegant ausfransendes All-over nur widerwillig seinen „Helden“, einen jungen Mann mit Flöte, freigeben will. Das klassische Figur-Grund-Problem wird hier zu einer Studie in Sachen wechselseitiger Aufwertung. Denn was so einfach sein könnte – einen Flötenspieler in einem Setting zu platzieren, das beispielsweise Natur suggeriert – das oszilliert in Eggerers Bild als ziemlich skrupulöse Problemstellung, für die malerisch erst einmal allerhand Nebenkriegsschauplätze eröffnet werden: vom Abkleben bestimmter Stellen bis hin zu unmotiviert zufälligem Farbgetropfe auf dem klammernden Grün, auf dass darin ein bizarrer Effekt entstehe. Bei einer Malerei, die sich der Figuration widmet, erleben wir relativ oft, dass sie unweigerlich Hierarchien aufmacht zwischen dem, was uns ein Bild im Sinne seines Sujets vermitteln will, und der Frage, in welchem Rahmen das passiert. Bei Eggerer wird dies in eine potenziell unendliche, gegenseitige Zuspitzung überführt, die sich kaum mit formalen, mal- und kompositionstechnischen Gründen erklären würde. Jener schlichte Betriebsablauf des Verhältnisses von Figur und Grund wird hier vielmehr zu einem Kammerspiel ausgebaut, bei dem sensationelle Kräfte- und Interessensverschiebungen stattfinden. So ist beispielsweise der Ellenbogen, der physisch doch eine buchstäblich „tragende“ Rolle spielen würde für jemanden, der sich in dieser spezifischen Art auf dem Boden lagert, gleichsam wie zufällig von der malerischen Modellierung des Hemd tragenden Körpers ausgespart. Was allerdings nicht heißt, dass er nicht bewusst gestaltet wäre. Im Gegenteil – er ist geradezu ein schwarzes Loch, die Einstiegsstelle in das Bild. Denn hier schiebt sich der Bildgrund oder vielmehr das, was der Maler gestalterisch als Unterzeichnung, im Verlauf der Bildherstellung oder schlicht nach Lust und Laune mit ihm veranstaltet hat, nach vorne. Der Ellenbogen bildet ein alternatives Zentrum des Bildes, und zwar aufgrund der Sogkraft der formalen Mittel. Hier wird die malerische Behandlung zum Inhalt, dreht spannungsvoll ab vom ansonsten abgeschmackt romantischen Sujet des Flötenbläsers.
Fast didaktisch geht es in Friday’s Child (2009) zu, einer Art Panoramaproduktion über Blick, Standort, Perspektive und Sensation, die es darauf anzulegen scheint, uns die Ambivalenz alles Bildlichen bzw. das Trügerische an jeder visuellen Wahrnehmung als Theaterstück in Malerei vor Augen zu führen. In dem überbreiten Querformat ist ein bühnenhaftes Setting mit zwei klar voneinander getrennten Zonen entwickelt. Mehrere Menschen – eine Schülergruppe mit ihrer Lehrerin? – wurden vor einer großen verglasten Front platziert, wie man sie aus Zoos oder von naturkundlichen Dioramen her kennt. Doch was in der Welt hinter der Trennscheibe, sozusagen als Gegenstand des Interesses stattfindet, ist wie ausgetilgt, oder, besser gesagt, ersetzt durch einen zentrierten Farbflecken in tiefem Kardinalsviolett. Er könnte kunstloser, unwilliger, desinteressierter kaum sein. Ist, wenn man so möchte, gepinselt, und nicht gemalt. Und mit der Figurenkonstellation sozusagen als Stellvertreter verschiedener Arten des Sehens sind wir, wie bei einem Renaissance-Gemälde, auf einmal mit von der Partie. Fühlen uns in unserer eigenen Position der Betrachtenden adressiert, ja aus der Reserve gelockt. Denn diese gemalte Bühne repräsentiert jene, auf der wir selber stehen. Hier wird klar, dass und wie Eggerer uns (ent-)konditioniert. Wie er uns gleichsam zu Zuschauern unserer selbst macht, uns mit seinen Bildern misst, uns einen Baukasten in Sachen Mehrdeutigkeit des Blicks und des Begehrens hinsetzt.
Damit wir aber auf diese Weise in seine Bilder schauen, unternimmt er alles Mögliche. Einerseits, damit wir uns nicht in ihnen verlieren, und andererseits, damit wir weder die Sujets noch deren malerische Behandlung vorschnell allzu wichtig nehmen. Zu diesem Zweck schießt er uns hin- und her zwischen Themen, Darstellungs- und Repräsentationsmustern, verunmöglicht uns die Zuordnung, Kategorisierung der Bilder. Er stellt mit schulmeisterlicher Gründlichkeit Gemälde her, die ihren Als-ob-Status wie ihr Gerippe nach außen kehren, und schnelle, skizzenhaft-gestisch gemalte Papierarbeiten, als rhetorisch-rasante Versionen und Impromptus auf die langwierig ertrotzten Acrylgemäle. Oder morphologisch argumentierende und als Kunst relativ uninteressante Collagen, die aber erahnen lassen, welchen ikonischen Kosmos Eggerer analysiert: Ihn interessiert alles Habituelle, jede Form des sich Positionierens, des sich in die Welt Stellens, ja das, wie Form sich formiert. Das kann sich am Auftreten eines Dreiecks ebenso festmachen wie in der Körperhaltung einer gymnastischen Übung. Damit zeigt er uns aber auch, wie automatisiert solche Formen sozialer Anwesenheit ablaufen, wie vorgefertigt soziale Codes immer schon sind, und lässt uns damit über deren Ränder, in ihre Ab- und Hintergründe blicken. Denn das, was diese Bilder von Flötenspielern, melancholischen jungen Männern, einer Gruppe von Menschen auf einer Segeljacht auch zeigen, sind ebenso imaginierte wie konkrete Lebensmöglichkeiten und -stile. Da webt in deren malerischer Produktion immer auch ein Stück weit Psychologie mit, fließt individuelles Begehren ein.
Es hat Züge des Modellhaften, wie Eggerer mit konzeptuellen Argumenten und psychologischer Motivation auf Malerei zugreift. Und es ist dieses doppelte Faszinosum, das einen an diese sonst unattraktiven Bilder bindet. Und auch, dass Eggerer durch die formal und inhaltlich verquer zueinander gebrochene Formulierung seiner eigenen Projektion uns hilft, die unsere zu erkennen. Nicht, dass man sich zu den jungen Menschen auf der Yacht gesellen wollte, nein, man glaubt nicht einmal, dass das auf Eggerers Wunschliste stünde. Diese Gruppe freizeitbeseelter dynamischer Jugendlicher scheint vielmehr ein Ventil, ein Vehikel, um dem verlangenden Blick ein Objekt zu geben. Dass Eggerer all dies in einer Malerei vollzieht, die ihrer geradezu herbeigeholten Unbeholfenheit wegen doch ein Nebenthema werden muss, dass man hier bei der Beschreibung seiner Operation ständig zwischen formal-malerischem und analytisch-konzeptionellem Vokabular wechseln muss, ist als Qualität nicht zu unterschätzen. Und wie sehr er all das ohne Rücksicht auf, nun doch, Geschmack hinbekommt, erhöht wahrscheinlich den Reiz. Trotzdem würde mich ernsthaft interessieren, wem bitte schön diese Kunst einfach gefällt?