14. Oktober 2011
Fat Freddys Kalamitäten mit seiner heißgeliebten, heißgehassten Katze zuckerten nicht nur manch endlos lange Schulstunde, sondern, will man den Tagebuchnotizen von einst Glauben schenken, sicherten schlicht des Pennälers Überleben. Und ebenso, wie Fat Freddy’s Cat regelmäßig ihr Debakel im Kampf gegen die Westcoast Kakerlaken erlebte, die Freddys trautes Zimmerchen zu okkupieren trachteten, gehörte zum Kollateralschaden der heimlichen Lektüre unter der Schulbank deren regelmäßige Okkupation durch die tückisch heranschleichende Staatsmacht, hier: der Lehrkraft. Deren mit der Zeit resigniert klingende Einlassung, ob man denn nicht mal „etwas Vernünftiges“ lesen wolle, verhallte zwar ob des als kriegerisch empfundenen Aktes der Konfiszierung unerhört. Doch auch die spätere Lektüre einer „Kritik der reinen Vernunft“ änderte schier nichts am Faible für Comic, Trash, Perry Rhodan und Popkultur - mithin all das, was die etablierte Hochkultur gemeinhin mit Geringschätzung straft. Der „Lust am Unseriösen“ ist offensichtlich mit Vernunft schwer beizukommen.
Die „Lust am Unseriösen“ markiert auch das Stichwort, unter das Thomas Becker seine Versuche zur Klärung des Verhältnisses zwischen „Hoher“ und „Niederer Kultur“, zwischen legitimer und populärer Kunst stellt. Dem aufkeimenden Verdacht, dass derlei so neu nicht sei, quittiert der Autor mit einer breitgestreuten Philippika gegen die Altvorderen der sogenannten Postmoderne, die bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts den akademischen Dünkel wider die Massenkultur zu attackieren begannen. Neben Roland Barthes „Mythen des Alltags“ (1957), der erklärtermaßen mit dem „biederen Anprangern“ der Alltagskultur Schluss machen wollte, wirkte vor allem Umberto Ecos „Apokalyptiker und Integrierte“ (1964) - eine kunterbunte Aufsatzsammlung über Superman, Mickey Mouse und Webeslogans - wie ein Aphrodisiakum für biederernste Geisteswissenschaftler. Allein der Untertitel „Zur kritischen Kritik der Massenkultur“ las sich wie eine programmatische Aufforderung an die sich ausdifferenzierenden Kulturwissenschaften. Lautete deren Credo doch, die schöngeistige Abstinenz gegen die Hervorbringungen der Massenkultur endlich hinter sich zu lassen.
Alles ein Missverständnis also? Thomas Becker zumindest glaubt „das seltsame Schauspiel einer permanenten Verspätung“ der postmodernen Theoriediskurse gegenüber der künstlerischen Avantgarde dingfest machen zu können, die seit jeher davon lebte,sich die Produkte der populären Kultur anzueignen und damit ästhetisch zu nobilitieren. Die Verspätung hat durchaus Methoden – Diskursanalyse und Dekonstruktion –, aber auch Konsequenzen. Denn der demonstrativen Anerkennung des bislang Verfemten wie beispielsweise des Comics durch den postmodernen Intellektuellen implizierte eine Verkennung seiner Codes und Eigenlogik, seiner formalen Komplexität und historischen Binnendifferenzierung. Nurmehr als codeloses, sprich sinnfreies Rauschen identifiziert, hat die erklärte Nähe zur Subkultur, zu Splatterfilm, Soap-Opera und Softporno deshalb den Charakter bloßer Koketterie mit dem vermeintlich Trivialen. Diese „Lust am Unseriösen“ ist unseriös, ein Fake, an dem auch die Prominenz und Auspreisung von Art Spiegelmans Comic „Maus“ bis dato nichts änderte.
Dabei ist die Lust am Unseriösen so alt wie die Avantgarde selbst, vielleicht so alt wie Kunst überhaupt, seit sie sich von außerästhetischen, sprich: religiösen, moralischen, politischen Vorgaben zu emanzipieren und wider den verkrusteten Akademismus der Lehranstalten zu revoltieren begann. Wobei die ästhetische Anverwandlung des vormals als künstlerisch unwürdig Erachteten in den verschiedenen kunstgeschichtlichen Epochen eben auch von verschiedenen Strategien getragen war. Während etwa Marcel Duchamps „Readymades“ beliebige Objekte der Nicht-Kunst als Kunst dadurch ausstellte, dass er sie ausstellte, adoptierte die Pop Art Andy Warhols oder eines Roy Lichtenstein Produkte der Massenkultur, die sich ihrerseits längst an der Ästhetik der Hochkultur schadlos gehalten hatten. Walt Disneys Donald Duck etwa, dem Roy Lichtenstein schon 1961 künstlerischen Adel verschaffte, beutete seinerseits graphisch, narrativ wie sprachlich die künstlerische Avantgarde des 19. Jahrhunderts beherzt aus.
Das aber bedeutet, dass die Differenz zwischen Kunst und Nicht-Kunst, zwischen Low und High Culture nicht, wie zuweilen insinuiert, längst verschliffen ist. Sie wurde nur unscharf, durchlässig in beide Richtungen dank eines intermedialen Transfers, der den im akademischen Milieu klammheimlich noch immer favorisierten Vorrang von Diskurs, Sprache und Schriftlichkeit früher oder später den Garaus bereiten dürfte. Diese Aussicht allein schon genügt, Thomas Beckers materialreiche Studie dem theoriefreudigen Leser anzuempfehlen. Weniger empfehlenswert sind indes die nachgerade zerrbildhaften Simplifikationen, mit denen der Autor seine postmodernen Kombattanten so lange zurechtstutzt, bis sie in sein argumentatives Grundschema passen. Wirklich ärgerlich aber ist die klobige, verpanzerte Sprache, diese Mischung aus Soziologendeutsch und DFG-kompatiblem Antragsjargon, deren sich Thomas Becker befleißigen zu müssen glaubt. Man muss Karl Kraus nicht unbedingt mit der Muttermilch genuckelt haben, um die oft ausufernden Satzkaskaden schlicht ungenießbar zu finden. Im Text selbst jedenfalls findet sich von der „ästhetischen Lust“, die er wieder und wieder aufruft, keine Spur – leider.
Thomas Becker: Die Lust am Unseriösen. Zur politischen Unschärfe ästhetischer Erfahrung. Philo Fine Arts, Hamburg 2011. 346 Seiten. ISBN 978-3-86572-670-4. EUR 18,00