15. Januar 2010
Thierry de Duve: Auf, ihr Menschen, noch eine Anstrengung, wenn ihr post-christlich sein wollt! Übers. v. Sabine Schulz. Diaphanes Verlag, Zürich, Berlin 2009. 54 Seiten, 8 EuroIm Sommer des Jahres 2001 erschien eine kleine Aufsatzsammlung, herausgegeben von Jacques Derrida und Gianni Vattimo, mit dem lapidaren Titel „Die Religion“. Was dem aufgeklärten Publikum damals wie eine Fußnote einiger Intellektueller zu einem eher randständigen Thema anmuten musste, bewies seine ungeahnt dramatische Aktualität nur Wochen später. Mit den Anschlägen vom 11. September rückte drastisch in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, was seither unter dem Schlagwort einer „Rückkehr der Religionen“ firmiert. Den säkular verfassten westlichen Gesellschaften begann zu dämmern, dass sie einer Frage nicht länger ausweichen könnten, wenn sie die Ereignisse, die sie zu überrollen drohten, überhaupt verstehen wollten. Es ist ihre Gretchenfrage: „Wie hast du’s mit der Religion?“
Erstaunlicher indes als das konservative Comeback konfessioneller Religiosität muten die jüngsten Reaktionen prominenter Freigeister an. Während die offiziellen Vertreter religiöser Institutionen den unerwarteten Rückenwind zu Propaganda, Pomp und Spektakel nutzen, beginnen neuerdings Philosophen, Kultur-, Medien- und Bildwissenschaftler, das religiöse Erbe von innen heraus zu erschließen. Autoren wie Jean-Luc Nancy, Alain Badiou, Slavoj Žižek oder Giorgio Agamben warten mit Arbeiten auf, die jenseits jedweder ideologiekritischen Reserve die biblischen Testamente unmittelbar ernst, sprich: beim Wort nehmen. Gewiss nicht der Letzte in dieser Reihe ist ausgerechnet der belgische, in Brüssel, Ottawa und Paris lehrende Kunsttheoretiker Thierry de Duve.
Ausgerechnet: Denn nichts deutete in seinem Werk bislang auf ein genuin religiöses Interesse hin. Wollte man seinen kunsttheoretischen Ausgangspunkt schlagwortartig verdichten, so lautete er „Kant nach Duchamp“. Die These ist längst Programm geworden, Titel seines bislang erfolgreichsten Buches, in dem er den Versuch unternahm, die Frage des ästhetischen Urteils nach der Erfahrung „Duchamp“ und im Kontrast zu ihr an Immanuel Kant zu überprüfen. Wer die unter dem programmatischen Titel „Auf, ihr Menschen, noch eine Anstrengung, wenn ihr post-christlich sein wollt“ gerade im Diaphanes-Verlag erschiene Schrift zur Hand nimmt, hat also nicht nur Mühe, darin den furiosen Kunsttheoretiker wiederzuerkennen, der de Duve zweifellos ist. Er bleibt auch mit der Frage, welche Konsequenzen sein religionstheoretischer Exkurs für das Konzept gegenwärtiger Kunst hat, allein. Was der konsternierte Leser auch als Herausforderung begreifen kann.
Dabei geht es de Duve um nichts Geringeres als um eine radikale Neueinschätzung des Christentums als Ganzes. Indem er die drei Grundworte der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – als politische Übersetzung der christlichen Trias von Glaube, Liebe, Hoffnung ausliest, möchte er zeigen, dass diese Übersetzung fehlerhaft war, weil sie einer bis heute andauernden fatalen Vermengung von politischer und theologischer Sphäre vorgearbeitet hat. Diese möchte er entflechten, und zwar im Rückgriff auf das ursprüngliche Christentum und dessen Ressourcen. Kurz, die Hypothese lautet, „dass die Französische Revolution die drei christlichen Maximen nicht radikal genug ausgetragen hat und dass sie aus diesem Grund … daran scheiterte, den potentiell anti-religiösen Gehalt des Christentums weiter voranzutreiben.“
Womit die Katze aus dem Sack wäre. De Duves Überlegungen erinnern dabei durchaus an Nancys „Dekonstruktion des Christentums“: Zu dessen Wesen, ja zum Wesen des Monotheismus überhaupt gehöre, dass er sich vom Religiösen löse und sich der Alternative Theismus vs. Atheismus zuletzt entzöge. „Der ‚Eine‘ Gott“, so Nancy, „ist genau genommen nicht mehr ‚ein Gott‘.“ Denn dieser Gott hat sich absolut zurückgezogen, absolut transzendiert, der Mensch ist ihm nicht länger unterworfen. Er ist frei, und Gott ist Freiheit. Das Christentum aber, so de Duve, besitzt als „Religion des Austritts aus der Religion“ einen nachgerade exemplarischen Schauplatz, an dem sich der religionsgeschichtliche Skandal des Monotheismus gleichnishaft verdichtet: Golgatha.
Ohne auf das letzte, vielleicht abgründigste Jesuswort, das schon Luther ratlos machen sollte, eigens einzugehen, legt de Duve es auf seine Weise aus. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34) Für de Duve stellt dieses Verlassen den Ausbruch Gottes aus der Religion selbst dar. „Der Tod seines Sohnes zeugt davon. Durch diesen Tod zeigt Gott den Menschen, dass ER es ihnen überlässt, wie sie ihre Freiheit fürderhin nutzen. Er überlässt es also ihnen, das Politische und das Religiöse zu entwirren, während ER sich zurückzieht.“
Und die Kunst? Und das Bild? Dass sich mit der Fleischwerdung Gottes in Jesus Messias auch die Frage der Bildlichkeit, der Sichtbarkeit überhaupt neu konfiguriert, ist evident. Ebenso das weitergehende Problem, wie dies mit dem für die abrahamitischen Buchreligionen schlechterdings konstitutiven Diktum des Bilderverbots in Einklang zu bringen ist. Doch diesen grundlegenden Fragen weicht de Duve mit einem Paradoxon aus: „Das grelle Übermaß an Sichtbarkeit“, so der Autor, „jenes Zuviel des Visuellen, das das Spektakel kennzeichnet, dient dazu zu verbergen, dass es das Unsichtbare gibt und dass es zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem keine Vermittlung gibt.“ Wenn einerseits (nicht nur) im Christentum das Bild selbst zur Austragungsstätte des Bilderverbots wird, wenn andererseits die „Gesellschaft des Spektakels“ die Form ist, unter der das Religiöse seine jahrtausendealte Demission frivolerweise überdauert, bestimmte sich bildende Kunst womöglich als ausgezeichnete Praxis, auf dem Bildlosen im und als Bild zu beharren. Mit aktuell kursierenden Schlagworten wie Emanzipation, Säkularisierung oder Rationalisierung des Bildes kommt man hier nicht weiter, sondern allenfalls mit einer Generalrevision des Konzepts der Bildlichkeit selbst, die dieses Buch leider schuldig bleibt.
Worüber sich Thierry de Duve ebenfalls ausschweigt, was sich allerdings zwischen den Zeilen umrisshaft abzuzeichnen beginnt, ist die Konzeption einer Kunst, die die frohe Botschaft des Evangeliums einmal mehr ernst nimmt; ernster, also radikaler und radikal anders jedenfalls als ihre von wem auch immer autorisierten Fürsprecher. Was, so lässt sich von hier aus spekulieren, die großen Agenten des Spektakels – die kapitalistische Ökonomie, das tele-technische Dispositiv wie die konfessionelle Religiosität – gleichermaßen verstören würde, wäre eine Kunst, die in ihren Artefakten zum Zeugen und Advokaten des Unsichtbaren würde, der Stille, der Unwahrnehmbarkeit selbst. Gefordert wäre dann eine Kunst jenseits des Spektakels, eine unspektakuläre Kunst. Womit man dann doch wieder bei Marcel Duchamp wäre? Er jedenfalls sagte es so: „Aber die ganze Anstrengung wird sein gegen das was jetzt passiert das Schweigen die Langsamkeit und die Einsamkeit zu erfinden.“