11. September 2010
Fast könnte man meinen, die deutsche Avantgarde vergangener Epochen würde sich aus Künstlern der zweiten Reihe rekrutieren. Dieser Eindruck drängt sich zumindest beim Durchblättern von Auktionskatalogen auf. Die Preise, die für Vertreter der Klassischen Moderne, der Nachkriegskunst, aber auch für Positionen der westdeutschen oder ostdeutschen jüngeren Vergangenheit aufgerufen werden, sind mitunter beschämend niedrig. Manche Künstler sind Opfer der Geschichte. Bei anderen sind biografische Brüche verantwortlich dafür, dass sie aus dem Blickfeld der öffentlichen Kunstbetrachtung rücken, bei noch anderen wiederum das mangelnde Talent zur Selbstvermarktung. Mitunter liegt es aber auch an der systemischen Bräsigkeit von Institutionen.
Auf Theodor Werner trifft gleich mehreres zu. Ein bisschen hat er sich selbst im Weg gestanden. Zu sehr spürt man in vielen seiner Werke ein Suchen nach dem eigenen Stil, das in deutlichen Anleihen bei Künstlerkollegen seiner Generation zum Ausdruck kommt: in jungen Jahren etwas verspäteter Impressionismus, dann ein bisschen Max Ernst, ein Schuss Wassily Kandinsky und später hier ein wenig Ernst Wilhelm Nay oder dort ein wenig Emil Schumacher. Das führte wohl dazu, dass die eigene Handschrift, die durchaus vorhanden war, sich nie deutlich als Position durchsetzte.
Dabei hatte seine Karriere zwar spät, aber vielversprechend Fahrt aufgenommen: Der 1889 geborene Werner ging 1930 nach Paris, wo er Mitglied der Gruppe Abstraction-Création wurde. 1935 kehrte er allerdings nach Deutschland zurück, wo er von den Nazis bald mit Ausstellungsverbot belegt wurde. Er bestritt seinen Lebensunterhalt dann als dienstverpflichteter technischer Zeichner. Ein großer Teil seiner bis dahin entstandenen Bilder wurde 1945 bei einem Bombenangriff vernichtet. Nach dem Krieg wurde Werner Professor an der Berliner Akademie und schloss sich der Gruppe ZEN 49 an. Er nahm an den ersten beiden Ausgaben der documenta 1955 und 1959 teil. Danach wurde es um ihn, wie um seine abstrakten Kollegen, deutlich ruhiger.
Werners Werk leidet aber auch unter der Betriebsblindheit der Institutionen. Hat man es etwa im Rheinland inzwischen verstanden, die ZERO-Künstler und ansatzweise auch das Informel durch Ausstellungen wieder präsenter zu machen, ist das Interesse für diese Kunst andernorts deutlich geringer. Theodor Werner war also wenig glücklich: Nach seinem Tod 1969 hinterließ er seinen Nachlass der Bayerischen Gemäldesammlung in München, die damit offensichtlich kaum etwas anzufangen weiß.
So ist es hauptsächlich der Kunsthandel, der Werners künstlerisches Erbe zu pflegen versucht. Besonders in München, dem letzten Wohnort des Künstlers, sind immer wieder Werke in Ausstellungen zu sehen. Selten jedoch ist ein Gemälde aus der Vorkriegszeit darunter, wie es jetzt von Irene Lehr aus Berlin angeboten wird, die in Stuttgart Teile des Bestands der Galerie Valentien versteigert. Phönix 2 aus dem Jahr 1937 ist eines der ganz wenigen Werke, die aus dieser Phase überlebt haben – und der Titel insofern unfreiwillig symbolhaft. Tatsächlich aber würde man ohne ihn das Abbild eines Vogels auf dem prismatisch abstrakten Gemälde gar nicht ohne Weiteres wahrnehmen. Die Taxe ist mit 20.000 Euro bereits auf Rekordkurs. Der letzte Höchstpreis lag mit 22.000 Euro netto, erzielt 2004 bei Karl & Faber in München, nur geringfügig darüber. Ähnlich hohe Zuschläge wurden zuletzt in D-Mark-Zeiten, in den frühen 1990er-Jahren, erzielt. Bei Theodor Werner hätten die Institutionen also noch Gelegenheit, ihre Bestände preiswert abzurunden.