„The Global Contemporary. Kunstwelten nach 1989“ im ZKM, Karlsruhe

Beduinenkitsch mit Belting

Kersten Knipp
9. November 2011

„The Global Contemporary. Kunstwelten nach 1989“ im ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe. Vom 17. September 2011 bis 5. Februar 2012

Da stehen sie, die frommen Männer. Neben der Moschee sind sie zu Hunderten, vielleicht zu Tausenden, versammelt zum Gebet. Bereit, den Weltenschöpfer zu ehren. Hoch ragt die Moschee auf, um dann, in einer gewissen Höhe, überzugehen in die oberen Etagen des Pariser Centre Pompidou mit ihren glasumhüllten Rolltreppen. Unmöglich zu sagen, wie viele Besucher die Treppen gerade transportieren. Aber wenn die Ethnologen recht haben mit ihrer Behauptung, dass schon ein einziger Beobachter reicht, um der Szene, die er gerade studiert, ihre Unschuld und Unmittelbarkeit zu rauben – dann dürfte das fromme Ritual seine Unschuld längst verloren haben. Durch die Zuschauer auf den Rolltreppen verwandelt sich die Andacht in ein Event. Denn wer sich beobachtet weiß, geht auf Distanz, zu sich selbst und dem, was er tut. Die Gnade der Selbstvergessenheit schmilzt dahin, an ihre Stelle tritt das Bewusstsein, Teil einer Ausstellung zu sein.

Oasis heißt die Installation der AES Group – eine Sammlung mehrerer Fotomontagen, die in der Ausstellung „The global contemporary. Kunstwelten nach 1989“ im ZKM zu sehen ist – als Teil des Forschungsprojekts „Global Art and the Museum“ (GAM), das 2006 von Hans Belting, Andrea Buddensieg und Peter Weibel initiiert wurde. Die russische Künstlergruppe hat die Ansichten verschiedener Kunst- und Sakralbauten miteinander verschränkt: So verwächst die Guggenheim-Filiale in Bilbao oder das Mutterhaus in New York mit einer Moschee. Das lauschige Beduinenzelt, in dem diese Bilder zu sehen sind, ist selbst Teil einer Ausstellung – gründlicher kann man Klischees kaum auseinandernehmen: Wenn die Fotografien der Installation in wildem Mix emblematische Ansichten von Moscheen und Museen verbinden, wenn also regionalspezifische religiöse Symbole Teil eines globalen Bilderreigens werden, der über Fernsehen und Internet längst auch fester Bestandteil der arabischen Kultur geworden ist, dann werfen sie wie beiläufig eine Frage auf, die Anhänger einer romantisch gestimmten Authentizitätsvorstellung in Ost und West gleichermaßen in Verlegenheit bringen dürfte: Wie spricht man in Zeiten, in denen fromm-frivole Embleme, Ikonen und Readymades ständig um den Globus kreisen, weiterhin von unmittelbarer Offenbarung? Wie können geistliche Führer im Osten den Bilderschrott ignorieren? Und umgekehrt: Wie kann ein auf exotische Bilder versessenes Publikum im Westen sich seit nahezu zwei Jahrhunderten an den immer gleichen Orient-Klischees erfreuen?

Es ist kein Zufall, dass viele der in der Ausstellung vertretenen Künstler auf Fotografie setzen: Sie ist, neben dem Film, das zentrale Medium zeitgenössischer Gesellschaften – in den hoch entwickelten des Westens ebenso wie in denen der südlichen Welt, die teils auf weniger entwickeltem technologischem Standard leben mögen, auf Fernsehen und Internet aber längst nicht mehr verzichten müssen. So sind auch sie mit den globalen Bilderwelten längst vertraut. My Mother Likes Pop Art, because Pop Art is Colorful heißt eine Arbeit des türkischen Künstlers Halil Altındere, die eine ältere Türkin, in traditioneller Kleidung und mit Kopftuch verhüllt, beim Durchblättern eines Bandes zur Pop-Art zeigt. Und die thailändische Künstlerin Araya Rasdjarmrearnsook hat für ihr Video Dow Song Duang Frauen aus ihrer Heimat am Ufer eines nebelverhangenen Flusses gefilmt, versunken in die Betrachtung von Jean-François Millets Gemälde Die Ährenleserinnen – eine verklärte Projektion harter Arbeit auf dem Felde, das die Bäuerinnen, mit den Mühen der Landwirtschaft vertraut, nicht ohne Ironie betrachten dürften. Die Künstler in „Global Art“ greifen so den weltweit zirkulierenden Bilderzirkus auf, fragen nach den Strategien der Repräsentation ebenso wie den Voraussetzungen ihrer Rezeption.

Doch das Thema „Global Art“ ist für Europa noch aus anderer Hinsicht von Bedeutung, erklärt ZKM-Direktor Peter Weibel auf dem Symposion „Global Studies – Die Frage nach dem Kunstbegriff“, nämlich in ökonomischer. Europa spiele im globalen Kunstmarkt nur noch eine marginale Rolle. Der größte regionale Markt, mit 35 Prozent des weltweiten Umsatzes, sei der chinesische. Ihm folgten die USA mit 25 Prozent, diesen wiederum die arabischen Länder mit 15 Prozent. China und Arabien setzten aber nicht nur ökonomisch, sondern auch und vor allem künstlerisch neue Impulse: „Dort leben viele Künstler, die etwas zu sagen haben. Sie beschäftigen sich mit wichtigen gesellschaftlichen Fragen und entwickeln darum eine politisch motivierte Ikonografie und Bildersprache. Es handelt sich hier bei den meisten Fällen um eine Art Wiedergewinnung der Welt.“

Die Frage ist nur: welcher Welt? Es ist sicher kein Zufall, dass der Begriff der „global art“ in Karlsruhe derzeit in engem Verhältnis mit dem der „Sammlung“ oder auch der „Ausstellung“ gedacht wird. Eine Ausstellung, die Kunstwerke aus verschiedenen Gegenden vereint, kann global sein – aber sie muss es nicht. Eine Anhäufung regionaler oder gar folkloristischer Kunst aus allen vier Himmelsrichtungen macht noch keine globale Ausstellung, sondern bestenfalls eine internationale. Global wird sie – vielleicht –, wenn sie sich ihrem Thema aus ortsspezifischen Blickwinkeln nähert und darüber einen kulturüberschreitenden Dialog entfacht. Die Relativierung des eigenen Standpunkts also – und genau das leistet die Ausstellung: Die Werke vermitteln, dass die Blicke des Südens auf den Norden, des Westens auf den Osten – und umgekehrt – längst nicht so klar sind wie es scheint.

Wie fragwürdig die Sehgewohnheiten des westlichen Publikums sind, zeigt etwa der brasilianische Künstler Roberto Cabot in seiner Fotomontage Favela Chic. In der Ferne ragt der Eiffelturm in die Höhe, einer der eindruckvollsten Symbole westlichen Fortschrittsglaubens. Doch er erhebt sich über keine Pariser Stadtlandschaft, sondern über eine Favela, ein Armenviertel am Rande Rio de Janeiros. Den Betrachter trennt davon eine hohe Mauer – und zwar genau jene, die derzeit eine Kluft durch das israelisch-palästinensische Grenzgebiet zieht. Will sagen: Frieden und allgemeiner Wohlstand sind begrenzt auf einen kleinen, nämlich den westlichen Teil der Welt. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass der Westen seine Fortschrittsträume – symbolisiert durch den Eiffelturm – auf diese Regionen projiziert. Unter der imaginierten Ordnung blüht die Realität der Gewalt. Fragen mag man sich freilich, ob der symbolische Aufwand, den Cabot in seiner Deutung der „global art“ betreibt, nicht ein wenig hoch, um nicht zu sagen: aufdringlich ist.

Doch „global art“ erschöpft sich nicht in wohlfeiler Kritik des Westens. Der südafrikanische Künstler Pieter Hugo fragt in seiner Arbeit Nollywood – in Anspielung auf die nigerianische Filmproduktion, die ganz Afrika mit populären Filmen versorgt – welche Vorstellung manche Afrikaner überhaupt von sich selber haben. Eine Frau, die soeben offenbar Teile eines Menschen verschlungen hat, dessen Hand ihr jetzt noch aus dem Mund ragt – das sind in Splatter-Manier aufgefrischte Reminiszenzen an den alten Menschenfressermythos, die noch heute für wohliges Schaudern sorgen.

Dass ethnisch oder kulturell definierte Gruppen dazu tendieren, sich selbst zu romantisieren, gibt auch das in Paraguay lebende Künstlerpaar Erika & Javier zu verstehen: The Weight of Memory heißt ihre Arbeit aus dem Jahr 2007. Sie zeigt einen paraguayischen Indianer, geschmückt mit den für ihn relevanten Erinnerungsspeichern: einer Kette mit insgesamt sieben Datensticks. Auch in gern als „authentisch“ gepriesenen Gruppen setzen die jeweiligen Traditionen längst auf die digitalen Medien – wenn sie sich ihnen nicht längst schon ergeben haben: Beide Arbeiten zeigen, dass Gesellschaften, denen man bisweilen das Attribut „traditionell“ anheftet, längst nicht so ursprünglich sind, wie man es im Westen gelegentlich glauben will.

Entsprechend erklärt Hans Belting, dass viele der in Karlsruhe ausgestellten Arbeiten mit den etablierten westlichen Kunsttechniken spielen. Doch selbst, wenn sich die westliche Moderne sich seit jeher als hegemonial, dominant und universal verstanden habe – diese Zeit gehe nun ihrem Ende entgegen. Heute fächerten sich ein westlich dominierter Kunstbegriff und die daraus folgende Kunstproduktion auf: „Die Ausstellung zeigt Arbeiten, die sich mit dem Kunstbegriff auf ironische, spielerische Weise beschäftigen, die ihn nicht aus einer westlichen, sondern einer globalen Perspektive aufgreifen – einer Perspektive nach der Moderne“, so Belting. Eben das wird hier demonstriert: Die Postmoderne als weltumspannendes Panoptikum.


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