The Fate of Irony: Editorial

Fluchthilfe gegen den Sachzwang

Gerrit Gohlke
23. April 2010

Bei einem so flüchtigen Element wie der Ironie, kann man sich fragen, welche Halbwertzeit es eigentlich hat. Die politische Karikatur des 19. Jahrhunderts zeigt, dass Parodie und Satire, polemischer Witz und entlarvende Pointen auch nach 150 Jahren noch verständlich sind. Betrachtet man aber Kunst der 1990er Jahre, die zu ihrer Entstehungszeit als ironisches Spiel mit den Erwartungen der Betrachter verstanden wurde, ist hier und da allenfalls noch der kokette Augenaufschlag zu erahnen. Manches Werk verrät noch den schachspielerischen Witz, mit dem es die Konventionen des Kunstbetriebs unterlief. Die Ironie in eigentlichem Sinne scheint aber häufig verflogen wie eine ätherische Substanz. Zurückgeblieben ist pure Form, Stil, die Signatur einer Epoche, aus der uns die Ironie wie ein archäologischer Befund ansieht. All die ironischen Bezüge auf den Kunstmarkt seit der Jahrtausendwende mögen auch einmal so enden. Schon jetzt sehen einige Großskulpturen Damien Hirsts nicht mehr ironisch, sondern nur groß (und nach einer vergangenen Mode) aus. Waren die monumentalen Gartenkunstwerke Jeff Koons, seine Puppies, nun ironisch oder hatte man sie vielleicht missverstanden. Und wenn sie es waren, gegen wen hatten sie sich eigentlich gerichtet? Gegen die Kunstwelt, die alles hinnahm, was groß genug war? Gegen den guten Geschmack? Gegen unsere naive und bigotte Hoffnung, Kunst sei weiser und tiefsinniger als das Unterhaltungsbedürfnis, das wir mit ihr befriedigen wollen?

Wenn Ironie eine Widerspruchstechnik ist, gar ein Erkenntniswerkzeug, ein Geburtshilfetrick zur Geburt paradoxer Gedanken, dann würde man gern wissen, welche Alternativen ironische Werke hatten. Betrachtet man die nicht-staatliche, die subversiv ihre Nische suchende Kunst totalitärer Systeme, ist klar, dass es Alternativen oft nicht gab. In einer übermächtigen Gesellschaft ist Ironie klug. Jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Besiegt wurde der polnische Militärrat von streikenden Werftarbeitern, nicht von Ironikern, die sich über die Appratschikverknöcherung der Getreuen um General Jaruzelski belustigten. Und doch ist Zofia Kuliks Grafik, die in großformatigen Triptychen die polnische Heldenikonologie dekonstruierte, intelligente, notwendige Kunst. Ironie kann Konventionen blockieren. Sie kann ein Heilmittel gegen Denkverbote sein. Sie kann eine humane Geste in Zeiten der Erstarrung sein. Als literarische Waffe hat sie sogar Macht. Doch wozu dann Ironie in einem Kunstsystem wie unserem? Wozu Ironie, wenn jeder alles sagen kann, weil der Kunstbetrieb sich jeden Widerspruch als formale Bereicherung einverleibt? Wird Ironie dann zum Dandytum, weil sie als Vorstufe zum Zynismus die unbegrenzten Möglichkeiten beflügelt?

Wer so fragt, übersieht, dass die Stromlinienform eines Kunstbetriebs, der über Jahre nur noch Erfolgskriterien und Preise reflektieren wollte, ein guter Nährboden für beißende Ironie gewesen ist. Ironie ist ein schleichendes Gift gegen die Dummheit der Gedankenlosigkeit. Wenn die sokratische Ironie müde Denkgewohnheiten überwinden half, hat der Kunstbetrieb diese Technik sicher nötig. Wie formal aber darf die Ironie von 2010 dann sein? Wäre die äußere, spottende Ironie der Kunstkritik hier mit der produzierenden, stoischen Ironie der Künstler kompatibel? Brauchen wir eine andere, trotzigere Ironie in einer Welt schneller ironischer Gesten? Wann hilft Ironie, wann eher ihre ironische Vermeidung?

Der KAI 10 | Raum für Kunst hat das Wagnis auf sich genommen, kuratiert von Zdenek Felix und Ludwig Seyfarth, all diese Fragen wieder aufzurollen. Im Grunde muss jede Ironie-Ausstellung es heute mit den langen Ironiedebatten der 90er Jahre aufnehmen. Sie muss die Frage nach Realismus und Handlungsfähigkeit von Kunst, nach formaler Erstarrung und Rhetorisierung stellen. Sie muss subversive soziale Ironie von der Ironie als Firnis glamouröser Oberflächen abgrenzen. So viele Ironien, so viel Notwendigkeit, eine eigene Haltung einzunehmen. Fordert uns Ironie heute gerade dazu auf? Aus dem Tänzeln des ausweichenden Sprechens den Konformismus der Effizienz- und Sachzwanggesellschaft zu überwinden? Brauchen wir eine unkonventionellere Ironie, wie der Künstler Olav Westphalen im ersten Beitrag fordert? Gibt es in einer Gesellschaft des bedeutungslos ironischen Bildgebrauchs eine Kunstironie als Gegenserum, wie Carsten Probst vorsichtig zu hoffen scheint? Gibt es eine Ironie in den Museen, die sich des Leidensdrucks entsinnt, aus dem sie stammt, wie Probst mit Nietzsche überlegt?

Die Frage nach Ironie und Ernst, Rhetorik und Argument zielt auf die Legitimationskrise aktueller Kunst. artnet freut sich, eine so (unironisch) ernsthafte und spannende Frage als Medienpartner des KAI 10 | Raum für Kunst in einem gemeinsam erarbeiteten Ironie-Dossier analysieren zu können. In einer gemeinsamen Produktion mit den Kuratoren und Redakteuren der Institution suchen wir nach einer Bestandsaufnahme aktueller Ironie in der Kunst. Unser Dossier wird 14-tägig herausragenden Autoren eine Plattform bieten, nach dem Schicksal der Ironie in der heutigen Kunst zu fragen. The Fate of Irony ist auch das Schicksal der Relevanz oder Irrelevanz zeitgenössischer Kunst. Es steht etwas auf dem Spiel. Wir laden Sie ein mit uns zu denken und wo nötig zu streiten. Wir freuen uns auf spannende Beiträge zu einem spannenden Ausstellungsprojekt.


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