3. Juli 2010

Kinder und Abhängige hassen Ironie, weil sie nicht wissen, woran sie sind. Wer auf Vertrauen angewiesen ist, will nicht verunsichert sein Gegenüber belauschen, ob es vielleicht das Gegenteil dessen meint, was es sagt. Je sicherheitsbedürftiger der Beobachter, desto naiver ist deshalb die Ironie-Definition. In zugespitzter Form schrumpft sie auf die uralten Vorstellungen der römischen Rhetoriker zusammen. Im ersten nachchristlichen Jahrhundert etwa soll Quintilian schlicht festgestellt haben, Ironie sei nichts anderes, als das Gegenteil von dem zu formulieren, was man eigentlich sagen wolle. Das war schon damals weit weniger klug als das komplizierte chirurgische Ironieverständnis der Sokratiker. Sokrates, der große Ahnherr der Ironie, hatte fünfhundert Jahre vor Quintilian die Ironie als pädagogisches Spezialinstrument eingesetzt. In einer Zeit, als die Sicherheit und Autonomie kleiner griechischer Stadtstaaten durch politische Expansion und den Einfluss anderer Kulturen bedroht schien, mag Ironie zugleich eine praktische Verstellungsform von allgemeinem Nutzen gewesen sein. Ironiker werden nicht so leicht mit störenden Meinungen ertappt. Vor allem aber wollte Sokrates seine Schüler mit seiner passiven Ironie zu einer aktiven Erkenntnis verleiten. Der scheinbar unwissende Philosoph ebnet seinem Gegenüber den Weg. Nicht die Antwort wird geliefert, sondern die Perspektive, aus der sich die Idee kreativ verstehen lässt. Konstruktive Doppelbödigkeit könnte man das nennen. Schon damals mag sie ein Versuch gewesen sein, vermittelnd mit neuen Einflüssen umzugehen, die Unsicherheit im Umgang mit unvertrauten kulturellen Codes zu überspielen. Ironie macht flexibel, wenn man Unsicherheit genießen kann. Erscheint Ironie in heutigen Zeiten deshalb wie damals als hilfreiches Instrument?
Vielleicht nämlich sind die heutigen Herausforderungen an die sogenannte westliche Welt denen an Griechenland zu Sokrates’ Zeiten nicht ganz unvergleichbar. Dies meint zumindest die britische Literaturwissenschaftlerin Claire Colebrook, der wir die jüngste, 2004 erschienene Darstellung der Geschichte des Ironiebegriffs[1] verdanken. Glaubt man Colebrook, war Sokrates in der Lage, gewohnte alltägliche Werte und Erfahrungsmuster ganz einfach nicht zu akzeptieren und in einem Zustand der ständigen Infragestellung zu leben. Da wo die vorab getroffene Entscheidung der Einbeziehung des Neuen, der Rechnung mit Unbekannten, im Wege stünde, verlockt Sokrates mit spöttischem Tänzeln, scheinbarer Naivität, bodenlosen Fragen zum Dialog. Der Dialog selbst ist der Freiraum, indem auch der philosophische Erkenntnisexperte nicht mit Definitionen die Unsicherheit überspielt, sondern die Unsicherheit als Chance nutzt, den Ideen näher zu kommen. Anders gesagt, die komplizenhafte Einsicht des römischen Publikums in die gegenteilig verdrehte Aussage des Rhetors ist eine vollkommen andere Ironie als diejenige des Sokrates. Die Institutionalisierung der Ironie als fester rhetorischer Topos schafft Erleichterung. Man zog einen Lustgewinn daraus, genau zu wissen, worum es geht. Man begriff sich als eingeweiht. Ironie ist also ein Werkzeug, das sich auf kulturelle Kontexte bezieht. Ironie ist ein Spiegel der Gesellschaft, die sie nutzt. Ironie kann in autokratischen Zeiten Pazifismus sein. Sie kann auch eine politische Herabsetzungstechnik sein. Goebbels war ein glänzender Ironiker, den die Massen gut verstanden. Ironie ist ein Chamäleon. Manchmal ist sie sogar Lebensstil.
Beispielsweise in der gedankenschweren deutschen Frühromantik, als Ironie zum Medium einer integralen Weltsicht wurde. Für Friedrich Schlegel etwa war Ironie das Synonym einer umfassenden Poetisierung der Welt: „Es gibt alte und neue Gedichte, die durchgängig den Hauch einer göttlichen Ironie atmen. Es lebt in ihnen eine wirklich transzendentale Buffonerie. Im Innern die Stimmung, welche alles übersieht, und sich über alles Bedingte unendlich erhebt, auch über die eigene Kunst, Tugend oder Genialität.“[2] Der allumfassenden, transzendentalen Stimmung steht dabei schon das Bewusstsein des Begrenzten und Fragmentarischen gegenüber. Die Frühromantiker sind Sokratiker, nicht Quintilianisten. Sie sind Griechen, nicht Römer, was gerade Schlegels Erörterung der sokratischen Ironie verdeutlicht. Diese enthalte und errege nämlich „ein Gefühl von dem unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten, der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung.“[3] Wer sich auf einen einzigen Standpunkt einigt, wer sich seiner Wahrheit sicher ist und die Tatsachen dingfest macht, hat sich in dieser Perspektive bereits abgründig verirrt. Einseitigkeit ist naiv. Sie ist kindlich. Das Ich soll um sich selber tänzeln, nicht mit bürokratischer Stupidität bloßer Vollständigkeit Ausdruck verleihen. Wo alles zementiert ist, macht Ironie frei.
Wer das weiß, hält auch die Postmoderne für weniger beliebig als angenommen. Der scheinbaren Beliebigkeit des „Anything Goes“, des gleichgültigen Alles-ist-möglich, liegt bei Philosophen wie Jean-François Lyotard eine tiefe Skepsis gegenüber essentialistischen Sinnstiftungen zugrunde. Nach dem „Ende der großen Erzählungen“ (Lyotard) wächst die Affinität zur behänden Ironie, die undogmatisch ist und Grenzen zerfließen lässt. Gibt es überhaupt eine Alternative dazu?
In seinem Essay „Postmodernismus, Ironie und Vergnügen“ brachte Umberto Eco 1983 die rhetorische Seite des damaligen Ironieverständnisses auf den Punkt: „Die postmoderne Antwort auf die Moderne besteht in der Einsicht und Anerkennung, dass die Vergangenheit, nachdem sie nun einmal nicht zerstört werden kann, da ihre Zerstörung zum Schweigen führt, auf neue Weise ins Auge gefasst werden muß: mit Ironie, ohne Unschuld. Die postmoderne Haltung erscheint mir wie die eines Mannes, der eine kluge und sehr belesene Frau liebt und daher nicht mehr sagen kann: ‚Ich liebe dich inniglich’, weil er weiß, dass sie weiß (und dass sie weiß, dass er weiß), dass genau diese Worte schon, sagen wir, von Liala geschrieben worden sind. Es gibt jedoch eine Lösung. Er kann ihr sagen: ‚Wie Liala jetzt sagen würde: Ich liebe dich inniglich.’“[4] In den Achtzigerjahren fanden Frauen das sogar romantisch.
Im Für und Wider der Postmoderne spiegeln sich am Ende all die gegensätzlichen Wertungen, mit denen der Ironie schon immer begegnet wird: Bietet sie die befreiende Möglichkeit alternativer Standpunkte und erweiterter Perspektiven auf die Welt? Kann Ironie ein Mittel produktiver Veränderung sein oder ist sie, wie der Zynismus, an den sie häufig grenzt, Ausdruck eines nihilistischen Weltbildes? Kann Ironie integrativ sein oder bleibt sie am Ende immer ein Instrument elitärer Verständigung, das diejenigen ausschließt, die sie nicht erkennen? Und wenn es hier eigentlich um Kunst gehen soll: Verstärkt Ironie in der exterritorialen Zone des Kunstbetriebs nur die Marktzynismen, ist sie Doping für die Banalität oder hilft sie beim Überschreiten der Form- und Denkverbote? Gibt es Zeiten, in denen ohne Ironie gar keine Kunst möglich ist?
Längst jedenfalls ist die Globalisierung im Zentrum des Kunstbetriebs angekommen. Wir haben es immer häufiger mit Werken zu tun, die sich auf spezielle soziale und politische Kontexte beziehen, über welche die meisten Europäer wenig wissen. Die Globalisierung erfordert es, gewohnte alltägliche Werte und Erfahrungsmuster infrage zu stellen und nach neuen Gemeinsamkeiten zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft zu suchen. Manche Denker stellen das Überleben ironischer Kommunikation im Kontext einer immer globalisierteren Welt in Frage. Besonders radikal tat das schon Mitte der 1990er-Jahre erstaunlicherweise ein Autor, der das Stilmittel der Ironie selbst extensiv einsetzt, nämlich Boris Groys: „Da keiner mehr weiß, was der andere weiß, ist Humor unmöglich geworden: Wenn man eine Bemerkung hört, hat man keine Mittel mehr, um festzustellen, ob diese Bemerkung ironisch gemeint war oder nicht, denn in unserer pluralistischen Gesellschaft können wir keine Meinung von vornherein als ‚unseriös’ einstufen. So zieht man es vor, auch bei einer offensichtlich widersinnigen Bemerkung ernst zu bleiben, um den Sprechenden nicht zu beleidigen, falls er es ernst gemeint haben sollte. Erst wenn der Sprecher versichert, dass seine Bemerkung ironisch gemeint war, zwingt man sich zum Lachen...“[5]
Die Ironie zu beerdigen und die Zukunft der interkulturellen Kraft der Tautologie zu überantworten, wie es Groys tut, hat der amerikanische Philosoph Richard Rorty in seinem 1989 erschienen Buch „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ dadurch vermieden, dass er zwischen Einzelperson und politischer Sphäre unterscheidet. Im öffentlichen Leben seien verbindliche, eindeutige Aussagen notwendig, auch wenn man als Individuum davon überzeugt sei, dass es keine „einzige dauernde Wirklichkeit hinter den vielen vorübergehenden Erscheinungen zu finden“ gäbe. Gerade dadurch, dass er mehrere Möglichkeiten zulässt, sei gerade die Ironikerin in der Lage, ihr Urteil über verschiedene Meinungen und kulturelle Kontexte in der Schwebe zu halten und einseitige Wertungen zu vermeiden.
Wenn Rorty schreibt: „Das Gegenteil von Ironie ist gesunder Menschenverstand. Denn er ist die Parole derer, die alles Wichtige unbefangen in Begriffen des abschließenden Vokabulars beschreiben, das sie und ihre Umgebung gewohnt sind“,[6] dann kann man daraus, wie schon bei der romantischen Ironieauffassung, eine unmittelbare Parallele zur Kunst ziehen: Die Kunst bestätigt nicht die Auffassungen und eingeschliffenen Wahrnehmungen des gesunden Menschenverstandes, sondern führt uns, wie die Ironie, immer wieder etwas vor, das wir zunächst vielleicht miss- oder gar nicht verstehen.
Die Fragen, die sich aus dem Problem der Ironie ergeben, stehen exemplarisch für die Frage nach den Voraussetzungen für das Verständnis auch der heutigen Kunst. Ist die sprichwörtliche, unausweichliche Ironie des Schicksals zum Schicksal der Ironie selbst geworden? Hat die Ironie ihr Reservoir erschöpft oder kann sie immer noch eine sinnvolle – oder eine den etablierten „Sinn“ produktiv unterlaufende – künstlerische Strategie sein? Ein Maßstab für die richtige Antwort mag der Betriebszusammenhang sein, in dem die Ironie als Werkzeug eingesetzt wird. In Zeiten der Geldgier mögen die ironische Bastelei, der ironische Cartoon, die ironische Performance einen menschlichen Tonfall zurück ins Bewusstsein bringen. In Zeiten absolutistischer Staatskunst, kann Ironie ästhetische Opposition erlauben. Es gibt schließlich nicht nur die Ironie gegen andere, es gibt auch die Selbstironie. Die Gegenwartskunst kann Selbstironie gut gebrauchen. Mehr noch, der Kunstbetrieb sollte sich bemühen, vom Talent der Künstler zu Ironie zu profitieren. Ironie ist noch immer die beste Gegenstrategie zu fundamentalistischen Weltbildern. Eines der fundamentalistischsten Weltbilder wäre eine Kunst, die zwischen Glamour und Geld das Bewusstsein ihrer eigenen Subjektivität und Relativität verliert. Kunst bar aller Ironie hat es immer gegeben. Ist aber nicht ein Merkmal unserer Zeit, dass gute Kunst bar alle Relativität kaum noch vorstellbar ist?
[1] Claire Colebrook, Irony, London/New York 2004.
[2] Friedrich Schlegel, Schriften zur Literatur, München 1972, S. 12.
[4] Umberto Eco, Nachschrift zum ‚Namen der Rose’, München/Wien: Hanser 1984, S. 78 f.
[5] Boris Groys, Die Zukunft gehört der Tautologie, in: ders., Logik der Sammlung. Am Ende des musealen Zeitalters, München 1997, S. 88.
[6] Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität. Frankfurt, M.: Suhrkamp 1989, S. 128.
Mehr im Dossier The Fate of Irony
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Ludwig Seyfarth