The Fate of Irony (2): Notizen zum ironischen Ich

Die Jagd nach dem eigenen Schatten

Carsten Probst
23. April 2010

Die Ironie ist keine amerikanische Erfindung. Doch was wäre das Zeitalter der Ironie ohne Amerika? Mit der Mayflower kam auch das Fernsehen über den Atlantik, heißt es bei Don DeLillo. Das ist natürlich auch Ironie. Gemeint ist die „amerikanische Sehnsucht“ nach der universellen Dritten Person, nach dem großen weiblichen oder männlichen Ego, die man zu sein träumt vor dem Fernseher, im Kino, in den Online-Games. Um 1620, zu Mayflower-Zeiten, musste man sich noch mit Siedlerreisen begnügen und hoffen, dass in der Neuen Welt das alte europäische Ich endlich abstirbt. Heute sind die Gadgets für die Auswahl der gewünschten Rollen leichter zur Hand, und schneller.

„Real“ zu sein in Amerika, das heißt die Rolle eines bodenständig-realen „Ichs“ zu spielen, ohne es für ganz voll zu nehmen. "Wahre" Ichs gibt es eben nur noch im alten Europa, das inzwischen zur Metapher verblasst ist für alles, was man schon immer hinter sich lassen wollte. Nicht von ungefähr reklamiert so ziemlich jede gutbürgerliche Familie Neuenglands für sich, von einem Passagier der Mayflower abzustammen, als wäre es ein Makel, nicht früh genug ausgewandert zu sein. Ein „Ich“ darzustellen, um damit die andere Seite, die man hinter sich lassen möchte, abzuspalten, wissend, dass man sie trotzdem weiter mit sich herumschleppt - darin besteht aber nun einmal die Ironie. Denn der Spott des Ironikers trifft immer das Andere an einem selbst, den Schatten, den man nicht los wird und der zugleich die Bedingung der Ironie ist. Die Ironie ist der Grenzfall, der spielerisch verzierte Eingang zur Spaltung, zur Schizophrenie, der Ironiker ist der geistige Borderliner, der keinen Schmerz mehr kennt in seinem selbstverstümmelnden Spiel. Seine Ironie verlagert das Pathos der eigenen Geschichte in den Bereich des Rollenspiels, der sozialen Strategieplanung vor dem Wandspiegel. Universale Gesetze akzeptiert sie nur noch als Zitat. Amerikanisch auf diese Weise wollte die abendländische Welt schon sein, bevor es jenes Amerika überhaupt gab, das nachträglich zum Sündenbock für die Existenz all dieser Selbsterfindungs-Sehnsüchte erklärt werden konnte.

Demnach läge das fransenhafte Beginnen des ironischen Zeitalters mit dem des sogenannten „Zeitalters des Bildes“ historisch gleichauf. Wobei mit dem Zeitalter des Bildes das heutige, gegenwärtige gemeint sein soll - dasjenige, das Bilder weitgehend bedeutungslos gemacht hat. Denn dem Bild geht es in diesem Zeitalter genau wie dem amerikanischen Ego. Ein Bild, das erscheint und sich überall als Kopiervorlage für alle möglichen lebensnahen Situationen anbietet, also sein Bild-Sein behauptet, muss zugleich seine Realität, seine Bedeutung hinter der Oberfläche möglichst negieren und hinter sich lassen. So sind Medienbilder. Ihre Strahlen führen nirgendwo hin, daraus schöpfen sie erst ihr kulturelles Selbstbewusstsein. (Anders wären diese Bilder vermutlich auch nicht auszuhalten.)

Ein Bild mit Schatten, mit einem bedeutungsdräuenden, raunenden „Dahinter“ erscheint daran gemessen wie ein Leben in der vierten Dimension - auf zwei historisch auseinandergedrifteten Kontinenten zugleich. Auch in dieser Hinsicht erweist sich die Entwicklung der technischen Virtualität als Gadget eines alten Wunsches, ein „relatives“ Leben zu führen, in dem man sich ungestört in Echtzeit aufspalten kann. Virtualität wäre in ihrer technischen Umsetzung damit nur die zweite Ableitung der vorausgegangenen Bedeutungsabspaltung.

Nietzsche, obwohl lange nach den Siedlern der Mayflower geboren, war wohl der erste, der das Denken des bedeutungslosen ICH-Bildes konsequent vorexerziert hat. Um ein Sprachbild wie „Gott“ überhaupt noch auszuhalten, musste seine Bedeutung negiert und in diesem Fall mit Hilfe einer schlichten Inversion gelöscht werden, indem „Gott“ für „tot“ erklärt und damit als Begriff sinnlos wird. Nietzsches Ironie ist gewissermaßen dadaistisch. Gott wird in ein ironisches Prinzip verwandelt, in eine unendliche Negation, deren Lust sich auch auf den Verlust-Schmerz richtet, den die Negation zugleich erzeugt. Nietzsches ironische Lehre war widersprüchlich, sie wirkt entdeckerisch, sie betritt Neuland wie die weit gereisten Siedler. Sie ist noch nicht im Gelände geübt, noch nicht erfahren genug auf ihrem Terrain, sie strauchelt; Nietzsches Performance war noch nicht cool, alles andere als das: Sie war sich selbst noch die größtmögliche Quelle geistiger Leiden. Nietzsche lebte die Ich-Negation geradezu vor, indem er in langjährige Umnachtung fiel. Gerade die Heftigkeit seiner sprach-neurotischen Grenzsituationen, in der die Aussage von „etwas“ direkt neben der Aussage von „nichts“ steht oder das eine in das andere ohne weiteres übergeht, macht ihn aber zu einer Figur mit der exemplarischen Grunddisposition, die das ironische Zeitalter auszeichnet. Und wie soll man sich wehren gegen diese Ironie der paradoxalen Gleichzeitigkeit? Hat die Ironie ein Schicksal, Fate of Irony, oder ist unser Schicksal die Ironie? Durch sein explizites nervliches Leiden unterscheidet sich Nietzsche wesentlich von seinen „Töchtern“ und „Söhnen“ und „Enkeln“ des Ironischen Zeitalters. Aber seine Voraussetzung, dass man sich auf keine Sprachfigur, keine Sprache überhaupt, keine Erscheinungsform und kein Bild mehr beziehen kann ohne diese ironische Distanzierung, ohne die selbstgängige Negation oder Explosion von Bedeutung - hat er mit ihnen gemein.

Obwohl Ironiker immer für unberechenbar und daher für potenziell gefährlich gehalten werden, ähnlich wie Schizophrene, verdeutlicht Nietzsches Beispiel zugleich, dass die Ironie nur unter einem erheblichen Druck zustande kommt, mag dieser Druck einer äußeren, historischen oder einer inneren, psychischen Situation entspringen: Innen und außen haben gerade hier fließende Grenzen. Aus einer geschwächten, getriebenen Situation heraus entsteht eine Distanz, die immer auf Geschichte verweist und auf das ins Wanken geraten von Sprachbildern und Bedeutungen. Wenn ich keinen Kommunikationspartner mehr zu finden glaube, weil mir die Semantik meiner Sprache, meiner bisherigen Zeichen, nicht mehr abgenommen wird; wenn mir scheint, dass mir kommunikativ der Atem abgeschnitten wird, entwickle ich, sofern ich mich nicht stumpf ergebe, eine Strategie kommunikativen Überlebens. Wenn mir das Wasser der Isolation bis zum Hals steht, kommuniziere ich in der Sprache des Wassers – ahnend, dass ich sie nie beherrschen werde. Aber diese Sprache umgibt mich, es scheint ihr egal zu sein, wer sich ihrer annimmt, und ich habe nicht die Aussicht und überhaupt auch nicht den Gedanken, mit ihr einen Aufstieg zu machen. „Ich“ will nur überleben. „Ich“ assimiliere „mich“, verwandle „mich“, wissend um „meine“ bleibende Fremdheit. Das Wasser ist nicht „mein“ Element, aber gerade dieses „Nicht“ prägt meine Form der Kommunikation. „Ich“ springe über „meinen“ Schatten, „ich“ lasse ihn hinter „mir“, „ich“ werde ihn aber dennoch nicht los. Ein Teil meines untauglichen Vorlebens verfolgt „mich“, und „ich“ muss „mich“ darauf beziehen. Es zieht „mich“ sozusagen an den Beinen hinunter. Das ist die Geburt des Ironikers, die Strategie, mit einem Klotz am Bein zu schwimmen.

Die Kultivierung der Ironie zeugt zunächst von Erfindungsgabe, mit derart klotzigen Missständen umzugehen und das metaphysische Überlebensleiden der Ironie locker zu überspielen. Technologie ist ein guter Weg, das Fernsehen mittlerweile eine Ikone dieser Kulturtechnik, kurz davor, das bedeutungslose, omnipräsente Bild, ohne das nichts real ist, an das Web 3.0 abzutreten. Ironiegetränkte Maßnahmen, Prothesen, die als solche nicht mehr greifbar sind. Kultur-Technik, lustbringend und daher selbstreproduktiv bis in die fünfte, die zwanzigste Ebene plus unendlich. Manchmal scheint es, als vollzöge die Gegenwart nur, was sie sich von der jüngeren Kunstgeschichte abgeschaut zu haben meint: Pop Art als medial multiplizierter Lifestyle - dann sieht es so aus, als liefe Kunst heute ihren eigenen Schatten hinterher im Versuch, die Schatten der Bilder wiederzufinden, sie einzufangen und sichtbar zu machen und das Wissen um die nervlichen Leiden an der unausweichlich voranschreitenden Aufspaltung der Bedeutungen nicht zu verdrängen. Schwankend ungewiss zu bleiben, zum Gegenbild einer schattenlosen Ironie der Bilder zu werden - das wäre nicht die schlechteste Rolle einer heutigen Kunst. Wir wissen ja nicht, was kommt.


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