The Exhibitionist – das erste Magazin für Kuratoren

Mythen für Makler

Astrid Mania
25. Februar 2010
„The Exhibitionist“ No 1., Journal on Exhibition Making, January 2010. Jens Hoffmann (Hg.), erscheint bei Archive Books, Berlin. ISSN 2036-6494, Euro 10,--

Es ist erstaunlich, was im Kunstbetrieb so alles unkommentiert bleibt. Da erscheint ein neues Magazin von und für Kuratoren, dessen Launch Mitte Februar in Berlin stattgefunden hat – und kaum einer nimmt’s zur Kenntnis. Vielleicht ist das Thema ja selbst für Kunstaficionados zu speziell, zumal sich die Macher des Hefts ausdrücklich an ihre Kollegen wenden. Dabei ist das Vorhaben als solches, dem Kuratorenstand ein Fachorgan zu verschaffen, zunächst einmal in hohem Maße löblich und an der Zeit. Denn der Trend zur „Kuratisierung“ der Kunstwelt ist ungebrochen, auch wenn ein Großteil des Ausstellungspublikums vom Berufsbild des Kurators eine allenfalls diffuse Vorstellung haben dürfte. Kuratoren prägen die Kunstöffentlichkeit stärker denn je. Unter steigendem Effizienzdruck und in einem stärker als je zuvor von privaten Interessen geprägten Ausstellungsbetrieb sind Kuratoren Interpreten und Makler. Im besten Fall sind sie Anwälte der Künstler und des Publikums. Im schlechtesten Fall bügeln sie als Zensoren Widerhaken und Widerspenstigkeiten weg. Kuratoren sind die Fernsehredakteure des Kunstbetriebs. Man sieht sie nicht, aber sie prägen die Sendeformate. Sie sind das (vorhandene oder fehlende) Gewissen der Kunst.

Angesichts dieser Machtposition und der Ausweitung der weltweiten Kreativindustrie in den letzten Jahren wundert es niemanden, dass der halbe Kunstbetrieb sich um den Kurator dreht. Weltweit werden Kuratoren-Kurse im akademischen Kontext etabliert. Die Aufarbeitung der kunsthistorisch lange vernachlässigten Ausstellungsgeschichte hat begonnen. Vereinzelte Kuratoren erfreuen sich innerhalb des gewohnheitsmäßig mit sich selbst beschäftigten Kunstbetriebs gar der Medienpopularität von Popstars (man denke nur an Jan Hoets Selbstinszenierungen mit Boxhandschuhen, die im Vorfeld „seiner“ documenta sogar in Massenmedien vervielfältigt wurden), auch wenn es weiten Teilen des Publikums völlig gleichgültig sein mag, wer in einem der glänzenden Museen in aufwendiger architektonischer Hülle die Kunstwerke zusammengestellt hat. Lässt man aber außer Acht, dass der Massentourismus sich nicht für Autorennamen interessiert, wäre es an der Zeit für einen fundierteren, öffentlicheren Diskurs und vor allem eine Kritik (und Selbstkritik) des machthabenden Museumsberufsstandes. Man weiß nicht, ob man sich erst einmal ein Manager-Fachblatt oder gleich eine Forschungsvierteljahresschrift wünscht. Sicher ist, dass es neben den verstreuten Handbüchern einen regelmäßigen Ort für Denkanstöße und für die Durchsetzung notwendiger Standards geben müsste.

Genau das nimmt sich nun eine in Berlin erscheinende Zeitschrift vor. „The Exhibitionist“ will das Zentralorgan der kuratorischen Selbstreflexion werden. Dabei schrecken die Herausgeber auch vor welthistorischen Ansprüchen nicht zurück. „The Exhibitionist“ orientiert sich in der Aufmachung des Covers an den Pariser „Cahiers du cinéma“, jenem Magazin also, in dem seit den frühen 1950er-Jahren die maßgeblichen Diskussionen über den zeitgenössischen Film stattfanden, die Auteur-Theorie weiterformuliert und herangezogen wurde, um dem – nach eigenen kreativen Maßgaben schaffenden – Regisseur in den Rang eines Künstlers zu verhelfen. In den Worten von Herausgeber Jens Hoffmann: „… what connects The Exhibitionist with Cahiers du cinéma is a shared belief in the idea of the author, which applies to exhibition making just as much as it does to filmmaking. The application of the auteur theory to curating has been one of the most remarkable developments in our field in recent years, and it finds another level of urgency, intensity, and self-recognition in these pages.“ So ist der Autorenfilm entstanden, ein Bollwerk gegen die Allgewalt der Hollywood-Studios. Die „Cahiers“ sind zum theoretischen und ethischen Mythos geworden und waren für Generationen so etwas wie die Glaubenskongregation der europäischen Kinokultur. Und diese Höhen will „The Exhibitionist“ gewissermaßen aus dem Stand erklimmen?

Immerhin bezieht das Heft redaktionell eindeutig Position. Das ist im Grunde erfrischend. Wie viele kuratorische Handbücher gibt es schon, nach deren Lektüre man mehr über diesen mysteriösen Beruf weiß als vorher? Zugleich aber schreiben die Redakteure die Rolle des Autoren-Kurators fest, indem sie den historischen Autorenbegriff auf den Kurator übertragen. Mit dem Auftreten des „Autoren-Kurators“, der eine starke, eigenständige These vertritt und in seiner Schau argumentiert, statt nur schön zu arrangieren, wurde der Kurator, wie wir ihn heute kennen, überhaupt erst geboren. Es ist zunächst also einsichtig, dass die Autorenfrage gestellt wird, weil sie sich mit einer Qualitäts- und Verantwortungsdiskussion verknüpfen lässt, sozusagen nach der persönlichen Haftung des Kurators fragen könnte. Dabei vernachlässigt das neue Branchenblatt aber die Unterschiede zwischen der eigenen historischen Situation, die von jener der „Cahiers“-Filmemacher grundverschieden ist.

Denn von wem grenzt der Berufsstand sich eigentlich ab? Von einer diktatorischen Unterhaltungsindustrie? Oder von den Künstlern, die seit den Surrealistenausstellungen den „kuratorischen“ Autorenbegriff praktisch und unausgesprochen vorbestimmt hatten? Wenn der Kurator hier über den Umweg der Auteur-Theorie in den Rang eines Regie führenden Künstlers erhoben werden soll, wäre der Vergleich mit den kuratierenden Künstler-Künstlern und deren Ansätzen so abwegig nicht. Überhaupt wäre es spannend, zeitgenössischen kuratierenden Künstlern, Kritikern, Kunsthistorikern eine Plattform zu bieten oder zu fragen, ob bildende Künstler andere Ausstellungen machen als Kuratoren mit ihren oft sehr unkonventionellen Ausbildungswegen. Zu Wort kommen hier aber fast überwiegend prominente Vertreter ihres Fachs wie Jean-Hubert Martin, Beatrix Ruf, Massimiliano Gioni oder auch Nancy Spector. Und zwar mit Texten, die nach thematischen Blöcken geordnet sind und auch die Struktur für alle kommenden Hefte – „The Exhibitionist“ soll zweimal jährlich erscheinen – vorgeben. So gibt es die Rubrik „Curators‘ Favorites“, in der die wohl persönlichsten Texte erscheinen und die Autoren erfreulich subjektiv und offen begründen, warum ihnen die von ihnen ausgewählte Schau tatsächlich gefallen hat.

Überhaupt tut es gut, wenn Kuratoren über die Ausstellungen anderer schreiben und sich nicht, wie meist in Publikationen zu diesem Thema üblich, über eigene Projekte auslassen (was denn auch hier leider in der Sektion „Typologies“ der Fall ist, in der bestimmte Ausstellungsformate – diesmal die Einzelausstellung – diskutiert werden sollen). Ein interessanter Versuch ist auch die Sektion „Assessments“, in der stets mehrere Kuratoren über ein- und dieselbe Ausstellung schreiben sollen. Den Auftakt markiert die Istanbul Biennale, an der Jessica Morgan (Kuratorin für zeitgenössische Kunst an der Tate Modern) die fehlende Dramaturgie bemängelt, deren politische Ausrichtung Ulrike Groos (Direktorin Kunstmuseum Stuttgart), Yilmaz Dziewior (Leiter Kunsthaus Bregenz) und Jill Winder (Kuratorin der Publikationen am BAK, Utrecht) aber loben. Noch spannender wäre ein, sicherlich schwer zu organisierendes, Round-Table-Gespräch gewesen, aber so erhält man doch eine Ahnung davon, welche konzeptionellen und auch ästhetischen Strategien für die einzelnen Kuratoren wesentlich sind. Die Erkenntnisse, die man aus „The Exhibitionist“ gewinnen kann, erfolgen also nicht aufgrund klarer Statements oder Forderungen, sondern müssen ex negativo oder, wenn man so will, ex positivo aus den Texten extrahiert werden.

Am Ende, nach der Lektüre, bleibt man mit sehr gemischten Gefühlen zurück. Froh, dass es ein solches Fachmagazin endlich gibt, enttäuscht über dessen ideologische Ausrichtung. Froh, dass sich hier niemand im Theoriepfuhl suhlt und nur konkrete Ausstellungen besprochen werden, enttäuscht über den Mangel an grundsätzlicher Klärung, an grundlegenden Texten über das Selbstbild und die vielen anderen Rollenbilder, die dem Kurator jenseits dem des Über-Kurators (der sich über die pusseligen Handwerker-Kuratoren und im schlimmsten Fall auch über die Künstler erhebt) zur Verfügung stehen. Etwas mehr Selbstkritik stünde dem „Exhibitionist“ gut zu Gesicht. So besetzen wieder einmal die üblichen Verdächtigen mit ihren Konzeptionen das Feld. Will der „Exhibitionist“ wirklich das kanonische Fachblatt der Ausstellerzunft werden, wird er sich den blinden Flecken, der Verstromlinienformung des Ausstellungsbetriebs, dem Schwinden kritischer Öffentlichkeit und der wachsenden Abhängigkeit der Institutionen widmen. Kuratoren gleichen immer öfter alerten Managern einer Branche, die sich ihre Standards aus der Unterhaltungsindustrie auszuleihen beginnt. Die Magier sind Ausnahmen geworden, die Scouts abseits der ausgetretenen Pfade werden in vielen großen Häusern längst als Exoten belächelt. Mangel an Anpassung herrscht im Kunstbetrieb jedenfalls nicht. Man sollte den Druck auf die Institutionen nicht durch den Autorenmythos verbrämen. Wir brauchen also den „Exhibitionist“, aber er sollte den lästigen Mythos des Genie-Kurators nicht noch weiter befördern. Der ist allen nur im Weg. Selbstkritik ist machbar. Gelingt sie, freut sich bald der ganze Kunstbetrieb auf jede Nummer dieses Hefts.


Weitere Artikel von Astrid Mania


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken