Thaddeus Strode bei neugerriemschneider

Untot in Kalifornien

Dominikus Müller
29. November 2007
Thaddeus Strode, „when bells ring, but we can’t hear them“ bei neugerriemschneider, Berlin. Vom 17. November 2007 bis 19. Januar 2008

„Kalifornien oder Tod“ ist der Titel eines Lucky Luke-Comics, in dem sich der französische Cowboy mit dem amerikanischen Frontier-Mythos konfrontiert sieht. Es ist der existentialistische und etwas pathetische Schlachtruf der Siedler, die in einem langen Treck gen Westen den amerikanischen Traum des Fortschritts und der Prosperität im gelobten Land bis an die Grenzen des Pazifiks treiben. „Kalifornien und Tod“ oder besser noch „Untot in Kalifornien“ könnte man der Schau des kalifornischen Malers Thaddeus Strode bei neugerriemschneider in Berlin als alternativen Titel zur Seite stellen. Unter der Überschrift „when bells ring, but we can’t hear them“ nimmt sie Bezug auf den Mythos der Totenglocke und begibt sich in sehr amerikanisch bunt-poppigen Bildern mit eindeutigem Comicbezug ins Zwischenreich der Untoten.

Der Klang dieser Glocke – darauf spielt der Titel an – kann in der Mythologie von Lebenden nicht vernommen werden. So taucht sie dann auch konsequenterweise gar nicht als Motiv auf. Stattdessen versammelt Strode nicht weniger eindeutige andere Symbole: von einem sich vier mal wiederholenden Totengräber auf der zentralen Arbeit The Doppelganger’s Boneyard über die abbrennende Kerze im Bild daneben, dessen Titel requiem for a drag queen (a lullaby) eine ähnlich direkte Sprache spricht wie die Entrance betitelte Suche nach dem Eingang in die Unterwelt, bis hin zur comicartigen Darstellung einer Hinrichtung in Executioners and Prisoners (praise for the morning). Strode sucht den Tod oft in der Tiefe, unter Baumstümpfen und im Aushub des Totengräbers, der auch mal seine Schaufel mit völlig unbedarftem Blick in die Brust eines Mannes mit schmerzverzerrtem Gesicht stößt.

Das klingt alles sehr blutig und brutal, ist aber dank der an Comics erinnernden Darstellungsweise so grotesk verfremdet, dass man eher die Ernsthaftigkeit dieser Themen anstatt ihren Humor suchen muss. Strodes Bilder sind erstmal alle „lustig“, sie machen Brutales und Ernstes so dermaßen leicht genießbar, wie es eben nur Comics leisten können – denn im Comic stirbt man ja nicht. Ganz egal, was einem zustößt. Ob man nun 500 Meter tief in einen Canyon stürzt, in die Luft gejagt oder von einer Dampfwalze überrollt wird, man biegt schon in der nächsten Sequenz putzmunter um die Ecke, als wäre nichts geschehen. Witz als letzter Ausweg im Angesicht dessen, was ernster nicht sein kann. Schließlich ist Humor immer auch eine Übersprunghandlung, die dann auf den Plan tritt, wenn es nicht mehr weiterzugehen scheint. Er ist genau wie Zynismus eine Inversion, die am Laufen zu halten imstande ist, was eigentlich nicht mehr geht, und die erlaubt, das auszuhalten, was eigentlich nicht mehr auszuhalten ist.

Aber um was geht es hier denn eigentlich? Was ist das nun, das hier durch die Bilder geistert? Man könnte sich natürlich einer Lesart anschließen, die ausgehend von den Referenzen auf Popkultur und Oberfläche Strodes Bilder als Suche nach dem Verdrängten begreift; als Öffnen eines Spaltes in Richtung der Tiefenschichten der „ernsten Themen“, durch den das Unsichtbare im Bereich des Sichtbaren wenn schon nicht greifbar, so zumindest spürbar gemacht werden kann. Eine Suche, die unter der Leichtigkeit der kalifornischen Sonne, wo alles immer „easy-going“ und „great“ ist, die Ernsthaftigkeit von Tod und Vergänglichkeit auszugraben versucht. Sowohl die Comicfiguren wie auch die Graffitireferenzen in Strodes Bildern sprechen in ihrer fröhlichen Farbigkeit die Sprache einer amerikanisch-leichten popkulturellen Feier der Oberfläche. Die Thematik des Grabens, die Vanitas-Motive und die Suche nach dem Eingang in die Unterwelt sowie der Verweis auf die psychoanalytisch formatierte Figur des Doppelgängers setzen die suggerierte Dimension der Tiefe entgegen. Auch auf der Ebene der Bildkomposition, die aus mehreren distinkten „flachen“ Elementen durch eine schichtende Technik auf überzeugende Weise den Effekt von Räumlichkeit und Tiefe erzeugt, könnte man Strodes Arbeit leicht in dieser Richtung interpretieren.

Doch liegen nicht all diese Verweise auf das Verdrängte und die Dimension des Unbewussten zu sehr auf der Oberfläche? Sind sie nicht zu „bewusst“ zitiert, um den tatsächlichen Gehalt der Bilder auszumachen? Wird also das Unsichtbare nicht viel zu offensichtlich „nicht“ sichtbar gemacht, aber beständig beschworen? Anders gewendet: Nimmt man die psychoanalytische Grundierung der Arbeiten Strodes auf und fragt mit deren Instrumentarium zurück, kommt man dann nicht zu dem Schluss, dass das Symptom dieser Ausstellung ganz woanders liegen muss als im Ausgestellten? Im Comic stirbt man nicht – das wäre in dieser Beschwörung des Untoten auch als Kommentar in Richtung des Marktes lesbar. Könnte man darin vielleicht sogar die sich ansatzweise formulierende Angst sehen, dass der Markt einen bitte schön weiter am Leben zu halten habe? Dass diese schöne Erfolgsstory „Kunstboom“ bitte weiterzugehen habe? Dazu passte dann auch die auffällige Hängung, die nur zwei von sechs Bildern im üblichen Ausstellungsraum präsentiert und die restlichen vier im Maschinenraum der Galerie – dem Büro, dort wo harter ökonomischer Tacheles geredet wird.

So hat man es hier womöglich mit einem fantastischen Kommentar auf einen Markt zu tun, der allen längst nur noch irreal vorkommt, entkoppelt von der Wirklichkeit in einer nicht mehr zu greifenden Spekulationsblase. Obwohl alle Beteiligten immer wieder beteuern, „dass es so nicht mehr weitergehen kann“, folgt man jeden Tag aufs Neue dem „Immer weiter! Immer weiter!“ des Eingangs zitierten amerikanischen Frontiermythos bis über die Wasserkante des Pazifik hinaus. Und um einen anderen Big Player der Berliner Galerielandschaft während der Eröffnung seiner Galerie beim Blick auf den Spreekanal rund um die Museumsinsel zu zitieren: „Es geht nicht mehr weiter, hier ist jetzt Ende der Fahnenstange. Da ist nur noch Wasser.“ Aber auf die Museumsinsel gezogen ist er trotzdem. Ach du, Berlin, schönes gelobtes Land der Kunst, wo die Mieten noch immer billig sind und der Euro in Strömen fließt, jetzt wo der Dollar zum historischen Tiefflug ansetzt. Sind wir es, die die Totenglocke nicht hören möchten?


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