Textilkunst von Kandinsky und Münter in Murnau

Eine Tasche von Kandinsky

Ute Strimmer
24. August 2011

„Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. Perlenstickereien und Textilarbeiten“ – Münter-Haus, Murnau. Bis 15. April 2012

Wassily Kandinsky, der geistige Urheber der Idee des Blauen Reiters, war 1896 als Dreißigjähriger aus Moskau nach München gekommen, um sich der Malerei zu widmen. Die Isar-Metropole galt als Traumstadt für die originellsten Köpfe und Begabungen aus aller Welt. Aus Prag, Wien, Paris und sogar aus Amerika strömten junge Maler, Schriftsteller und Journalisten in die königliche Residenzstadt. Und so sprach der Künstler begeistert von „München, der Märchenstadt.“ Gabriele Münter, eine gebürtige Berlinerin, war hier seit 1902 seine Schülerin in der Malschule „Phalanx“ – und wurde prompt seine Geliebte. Bis zum Ersten Weltkrieg waren die beiden eng miteinander verbunden, selbst wenn Kandinsky anfangs noch verheiratet war. Lange Zeit hoffte Gabriele Münter, Kandinsky würde das ihr gegebene Eheversprechen eines Tages auch einlösen. Doch dazu kam es nicht. Als russischer Staatsbürger musste er nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges Deutschland fluchtartig verlassen. Zurück in der Heimat heiratete er die wesentlich jüngere Nina von Andreewsky. 1922 lehrte er dann am Bauhaus in Weimar. Seine Bilder, Skizzen, Bücher, Studien und Möbel, die sich noch im gemeinsamen Murnauer Domizil befanden, übereignete Kandinsky als letzten Gruß seiner langjährigen Münchner Partnerin. Über die wechselhafte Beziehung beider Genies ist viel geschrieben worden, warum die Beziehung zu Münter zerbrach, ist bis heute nicht recht geklärt.

In der Phase der ersten Verliebtheit jedoch entstanden entzückende, kleine perlenbestickte Taschen, Kleider und Wandbehänge – von Kandinsky entworfen und von Münter umgesetzt. Diese zeigt erstmals die Ausstellung „Perlenstickereien und Textilarbeiten“ im Murnauer Münter-Haus. Die Textilarbeiten stehen für das Jugendstil-Konzept des Gesamtkunstwerks der Künstler und die Suche nach neuen künstlerischen Ausdruckformen. Allerdings machen sie auch die damals traditionelle Rollenverteilung für textile Handarbeit deutlich: Der Mann entwirft, die Frau führt aus. Kandinsky skizzierte für Münter Reformkleider, die sie selber dann nähte – und auch trug. Dies dokumentiert eine Fotografie aus ihrer Münchner Atelierwohnung in der Schackstraße. Das dazu passende Täschchen kam wohl mit der Post. Münter bedankte sich herzlich dafür bei Kandinsky: „Heute ist eine Überraschung für mich gekommen u. ich habe mich wirklich darüber gefreut – Du bist doch ein gutes Kaninchen. Die Tasche ist sehr schön aber wie sie gemeint ist musst Du mir noch rasch sagen. Soll sie aufgenäht werden u. wo od. soll sie fertiggemacht u. selbständig aufgehängt werden“. Tatsächlich besitzt die Tasche einen Haken, um sie am Kleid einhängen zu können. Zwei Zeichnungen Kandinskys aus dem Jahr 1903 zeigen Entwürfe für die runden Applikationen des Kleides auf Brusthöhe.

Überhaupt staffierte der Künstler seine Freundin mit Vorliebe aus: Du „weißt, wie ich gerne habe, wenn du hübsche kleidsame Sachen hast!“. Und sie wiederum war begeistert von seinen Arbeiten: „Wenn ich Zeit fände dazu, möchte ich mir einen Perlentasche sticken nach Entwurf von dir – dunkle Farben auf weiß vielleicht.“ Auf ihrer gemeinsamen Tunis-Reise Ende 1904 bis 1905 verarbeitete die Künstlerin schließlich Stoffe und Glasperlen nach Entwürfen Kandinskys. Das Ergebnis präsentierte sie stolz ihrem Lebensgefährten, der es fotografisch festhielt. Den Wandbehang mit den Wolgaschiffen stellte er neben sechs weiteren Handtäschchen 1906 im Pariser Salon d’Automne aus. Seine textilen Bildfindungen zeigen gerne Damen im Reifrock, orientieren sich an den Ornamenten des Jugendstils und lassen Elemente der russischen Volkskunst einfließen. Eine Nähe zu den zeitgleich entstandenen Bildern Kandinskys in Tempera ist unübersehbar.

Die textilen Arbeiten von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky bilden eine sehr kleine Werkgruppe und sind ausschließlich im Nachlass der Künstlerin in der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung erhalten. Vergleichbare Arbeiten auf dem Kunstmarkt sind nicht zu finden. Nur einige sehr wenige großformatige Wandbehänge von Wassily Kandinsky – posthum gefertigt nach Entwürfen aus seiner Weimarer Bauhaus-Zeit – kursieren auf dem französischen Markt.


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