15. August 2007
„Terry Atkinson and Susi Pop …are leaving the agmoas sector“ in der Zwinger Galerie, Berlin. Vom 30. Juni bis 25. August 2007In der Literatur wie im Theater befindet sich das Politische derzeit im Umbruch und noch ist unklar, wohin es gehen wird. In der bildenden Kunst dagegen sind in Deutschland zwei politische Ausrichtungen zu erkennen: zum einen eine Kunst, die als politische verstanden wird, weil sie von Künstlern anderer ethnischer Zugehörigkeit stammt, und zum anderen eine Kunst, die sich in einer Mischung aus postmarxistischer und postmoderner Gesellschaftskritik beherzt der „Ausgeschlossenen“ und „Überflüssigen“ annimmt. Diese Kunstpositionen dienen auf rechtschaffene Weise dem politischen Engagement und weisen auf Missstände wie Armut und Deklassierung hin. Meist steht man vor diesen Kunstwerken wie vor Schautafeln, die als Illustrationsmaterial für sozialwissenschaftliche Aufsätze eingesetzt werden könnten. Die Ausstellung „...leaving the agmoas sector“ in der Galerie Zwinger dagegen formuliert mit Arbeiten von Terry Atkinson und Susi Popdas Politische ganz anders.
Susi Pop ist ein Künstlermodell, das 1986 das erste Mal in der Öffentlichkeit erschien. Seitdem werden unter diesem Namen regelmäßig Werke ausgestellt, für die Medienbilder ausgewählt, vergrößert und in monochromer Farbe auf Leinwand ausgedruckt werden. Meist sind es visuell unscheinbare Medienbilder, die aber einen heiklen oder politisch relevanten Tatbestand zeigen. Die Kunststrategie von Susi Pop modifiziert DuchampsReadymade-Entscheidung und formuliert sie um zur distinkten Auswahl eines schon publizierten Zeitungsbildes. Das Bild wird aus dem unaufhaltsamen Fluss der Medienbilder herausgerissen und einer ganz anderen Aufmerksamkeit ausgesetzt. Dabei arbeitet Susi Pop auf geschickte Weise mit der Ökonomie unserer Aufmerksamkeit. Das flüchtige Drüberwegsehen verschiebt sie hin zu einer konzentrierten Betrachtung und gibt dem Bild durch pralle Farbigkeit einen neuen Drall. Sie schafft es auf diese Weise, unserer Aufmerksamkeit zu vermitteln, dass es sich lohnt, noch einmal und genauer hinzusehen.
Genauer hinsehen deshalb, weil es sich beispielsweise um ein Bild handelt, dass eine Fabrik zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen im Irak in einer Aufnahme von 1991 zeigt und das von Susi Pop aus aktuellem Anlass 2006 ausgewählt und als Werk produziert wurde. Zwei weitere bei Zwinger ausgestellte Arbeiten stammen aus der Serie „Powells Beweise“ (2003/04). Es sind Satellitenaufnahmen, die vom damaligen amerikanischen Außenminister Colin Powell der UNO als Beweise für die angeblich immer noch bestehenden Fabriken für Massenvernichtungswaffen vorgelegt wurden. Kein Bilderloop à la Douglas Gordonund kein aufwendig ein Foto in Pappe rekonstruierendes Modell à la Thomas Demandkann einem Bild auf so einfache Weise so viel neue Aufmerksamkeit zuführen, wie die von Susi Pop erfundene Strategie des Zeigens und Ausstellens. Politisch daran ist, dass sie damit die Grenzwerte des bildlich Darstellbaren reflektiert und die Zirkulation öffentlicher Bilder betont, in der das überhaupt bildlich Darstellbare nochmals verwischt und aufgelöst wird. Der doppelte Akt des Zeigens und Ausstellens eröffnet ein Nachdenken über Bilder, das den Zusammenhang von Dargestelltem, Bildform sowie Art und Weise der Bildzirkulation als das eigentlich Politische begreift.
Susi Pop erscheint mit dieser künstlerischen Herangehensweise wie eine jüngere Schwester des britischen Künstlers Terry Atkinson, Gründungsmitglied von Art & Language. Atkinson entschloss sich 1974, aus der Künstlergruppe auszutreten und nicht mehr nur konzeptuell, sondern wieder mit Bildern zu arbeiten. Er wollte jenseits von Konzeptdiskurs und konkreter politischer Arbeit das Politische wieder in den Bildern suchen. Er wollte einen Umgang mit Bildern finden, der es ermöglicht, etwas wie die Gewalt des Krieges, das Brachiale und Zerstörerische daran, vermitteln zu können. Der Medientheoretiker Jean Baudrillard hatte anhand der im ersten Golfkrieg veröffentlichten Kriegsbilder, die aus militärischen Geheimhaltungsgründen nicht mehr als die abstrakten Zielmarkierungen für die Bomben zeigten, gemeint, dass dieser Krieg nicht als Menschenvernichtung zu werten sei. Es ist genau solcher Bilderglaube, der das Politische auf zynische Weise verharmlost.
Für Terry Atkionson ist das Darstellen des Politischen dagegen ein komplexer Vorgang. Als erfahrener Sprach- und Zeichenanalytiker und als ein mit pädagogisch-aufklärerischem Eros begabter Künstler ist er sich darüber bewusst, dass zwischen Dargestelltem, darstellendem Medium und Darstellungsweise ein relationales Verhältnis besteht, in dem durch geringfügige Verschiebungen die gesamte Bedeutung eines Bildes verändert werden kann. Atkinson zeigt in seinen Arbeiten, dass es entscheidend ist, wie diese Relation austariert wird, wo die deutlich sichtbaren Differenzen zwischen diesen drei Ebenen gesetzt werden. Erst daraus ergibt sich der Ansatz, wie das Politische bildlich darstellbar wird.
Das Text-Bild-Diptychon Duo thematisiert den gedanklichen Unterschied zwischen Darwin und Hegel, die Differenz von natürlicher Evolution und kultureller Entwicklung. Für Terry Atkinson stellt sich im philosophischen Kontext von Materie und Mentalem die Frage, ob man von der Existenz einer visuellen Sprache ausgehen sollte oder nicht. Dies impliziert auch, ob das Bild in der ihm eigentümlichen Vorbegrifflichkeit genauso wie die Sprache etwas aussagen kann. Des Weiteren fragt sich, ob Bilder überhaupt eine Beweiskraft haben. Als Teil der Ausstellung hat Atkinson The AGMOAS Notes, Notizen über das „Avantgarde Model of the Artistic Subject“ verfasst. Der Text exemplifiziert die philosophische Grundlage, von der aus sich Atkinson in der Lage sieht, Geschichtsbilder zu formulieren, die das Politische in eine bildliche Darstellung bringen und es nicht zu illustrativer Metaphorik verkürzen.
Eindrücklich belegt dies seine Serie „Enola Gay Mutes“. „Enola Gay“ war der Name des Langstreckenbombers, mit dem 1945 die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde. Auf Holztafeln, die sich in ihrer Form an steinzeitliche Beile anlehnen und als monochrome Farbflächen angelegt sind, hat Atkinson das Flugzeug gemalt. Meist ist der Bomber als winzige Form in die ungewöhnlich schönen und glänzenden Farbflächen eingesetzt. Die grünlich-bläulich schimmernden Bildflächen erscheinen wie der weite Himmel, wie der endlose Pazifik und die winzige Darstellung des Bombers zwingt zu einer genauen Betrachtung der atmosphärisch verführerischen Bilder. Das fast Unsichtbare verknüpft sich mit dem unmittelbaren Bewusstwerden des unvorstellbaren Grauens, das der aus der Ferne immer näher kommende Bomber der Stadt Hiroshima und den Menschen brachte.
Dem Publikum wird hier ohne Didaktik ein geschichtsträchtiges Bild geboten. Im Versuch, die Bilder wahrzunehmen, sie im Kontext von Titel und Form zu verstehen, begibt es sich immer tiefer in den Prozess des Wahrnehmens. Dadurch öffnet sich das faktische Erkennen, aber auch eine emotionale Einsicht in das Bild. Und genau darin liegt das immanent Politische der Bilder von Terry Atkinson: Geschichte als etwas zu begreifen, das wir nur dann verstehen, wenn es in der Geschichtsdarstellung gelingt, die historische Erinnerung wachzurufen und ein Empfinden zu evozieren. Terry Atkinson ist ein Geschichtszauberer, weil er es schafft, dass sich beim Betrachten seiner Arbeiten Kenntnis und Gefühl verbinden. Da er aber kein Vertreter des blinden Bilderglaubens ist, lotet er mit kühler Handhabe das Sichtbare und das Unsichtbare des bildlichen Materials aus.
Dem Gastkurator Wolfgang Winkler gelingt es durch die präzise Auswahl der Künstler und Werke und die Verzahnung der künstlerischen Positionen ein Ausstellungsprojekt vorzulegen, mit der ein weit über die künstlerischen Positionen hinausgreifender Kosmos von Fragen zum Zustand des Bildes in der Gegenwartskunst eröffnet wird – und ein weitaus interessanterer im Übrigen, als es das Analogiekonzept der documenta 12 vermag.