„Temporary Import“ - Sonderausstellung des 10. Art Forum Berlin

Kojendomino

Ric Schachtebeck
30. September 2005
Wie schon 2004 mit Made in Berlin so wird auch in diesem Jahr das ART FORUM BERLIN durch eine Sonderausstellung ergänzt. Zum zehnjährigen Jubiläum der Kunstmesse hat die Kuratorin und Direktorin des Museums Abteiberg/Mönchengladbach, Susanne Titz, eine Auswahl von Künstlern getroffen, die sie mit Temporary Import – DAAD, Bethanien et al. vorstellt. Sie möchte damit auf die Internationalität der Berliner Kunstszene aufmerksam machen – ein Aspekt, den auch Sabrina van der Ley, die Künstlerische Leiterin des ART FORUMS, in ihrem Vorwort zum Ausstellungskatalog deutlich hervorhebt.

Hat sich Berlin wirklich wieder zu einem Zentrum zeitgenössischer Kunst entwickelt und – man liest es als Bewohner dieser Stadt immer wieder gern – sogar Städten wie New York den Rang abgelaufen? Nicht zuletzt wird diese waghalsige Behauptung durch den Enthusiasmus und die Pionierarbeit der Galerieszene gestärkt und vom beeindruckenden Wachsen und der internationalen Anerkennung des ART FORUMS selbst bestätigt. Berlin erweist sich als konkurrenzfähig auf dem zeitgenössischen Kunstmarkt, zumindest im Moment. Aber viel mehr als das: Berlin ist in den letzten Jahren wieder vermehrt und unübersehbar zum Anziehungspunkt und Experimentierfeld für Künstlerinnen und Künstler geworden, zur Hauptstadt der Ateliers mit internationaler Besetzung.

Titz richtet ihren Blick genau auf diese Internationalität und stellt 46 ausschließlich aus dem Ausland kommende Künstlerinnen und Künstler vor. Sie demonstriert internationale Präsenz in Berlin mit denjenigen, die auf eigene Faust oder als Stipendiaten des DAAD, des Künstlerhauses Bethanien oder mit Unterstützung der zahlreichen Kulturabteilungen der Botschaften in die Stadt gekommen sind, um hier für eine bestimmte Zeit zu arbeiten oder sogar eine neue Heimat zu finden.

Die 2.000 Quadratmeter große Halle 17, in deren vorderem Bereich auch die Freestyle-Stände der erstmals am ART FORUM teilnehmende Galerien untergebracht sind, wurde für Temporary Import neu hinzu gewonnen. Die Ausstellung präsentiert unter anderen Clegg und Guttmann, die mit einer modischen Bibliothek im Memphis-Stil der 1980er Jahre vertreten sind, die sprechenden und singenden, realistisch wirkenden Frauenpuppen von Mathilde ter Heijne, die schlampig getuschten Aquarelle von Pavel Pepperstein, das mit kristallisiertem Salz ummantelte Fahrrad von Sigalit Landau, Dia- und Filmarbeiten von Alexander Gutke sowie Videos von Filipa César, die einen amüsierten Blick auf fotografierende Touristen wirft. Thomas Hirschhorn, fast an den Rand der Ausstellungsfläche gedrückt und doch dominant, überrascht mit einem kindlich gebauten Landschaftsmodell mit tiefen Bombenkratern und verbrannten Häusern umgeben von seinen „Tittenkollagen“, die pubertär übermalt sind wie nach einem erstmalig gerauchten Joint.

Gleich an den Anfang ihrer Ausstellung platziert die Kuratorin Arbeiten des Konzeptkünstlers William Anastasi, wie sein auf grauem Grund gekritzeltes Wort Jude und eine Polaroidcollage, in der man in diesem Kontext schnell ein Hakenkreuz entdeckt. Das wirkt trotz seiner Aktualität mächtig aufgesetzt und kann schnell zum gefährlichen Klischee werden. Gelassener reagiert da eine 1985 im Künstlerhaus Bethanien entstandene Arbeit von Qin Yufen, die die Künstlerin vor Ort täglich reproduziert. Sie tapeziert aktuelle Tageszeitungen – bei der Vernissage war es der Tagesspiegel – mit Kleister an eine Stellwand und überklebt sie teilweise wieder mit Reispapier. Verharmlosend dagegen wirken die gebleichten Tarnnetze auf Aluminiumrahmen von Lucas Lenglet, die schützend um einen Turm aus aufgestapelten, blanken Panzersperren gestellt sind.

Dass der so bunt gemischten Gruppenausstellung eine verbindende architektonische Gestaltungsklammer gut tun würde, lag klar auf der Hand. Titz konnte für das Ausstellungsdesign den dänischen Künstler Simon Dybbroe Møller gewinnen, der erst im letzten Jahr einen der Preise für die beiden besten Kojen des ART FORUMS erhalten hatte. Dybbroe Møller – vertreten durch die Berliner Galerie Kamm – hatte mit der Kettensäge einen brachialen Durchbruch in die Kojenwand geschnitten und auf den Betonfußboden gekippt. Eine Hommage an Robert Morris Arbeit slab, die Dybbroe Møller slap – unfold your dreams nannte. Auch das Mobiliar, wie Kopien des Zig-Zag-Stuhls von Gerrit Thomas Rietveld oder einen Tisch von Adolfo Natalini/Superstudio hatte er heftig demoliert, was der Koje einen leicht archaischen Touch verlieh, sich jedoch unter den meist gleichförmigen Messeständen deutlich hervorhob und für Aufmerksamkeit sorgte.

Für Temporary Import ging er zaghafter vor. Zuerst folgte er in einem maßstabgerechten Modell dem rechtwinkligen Rastersystem der Messeboxen und Zwischengänge, dann drückte er spielerisch mit seiner Hand gegen die vorderen Kojen, bis die ersten Wände kippten und sich die nachfolgenden dadurch verschoben. Die Übertragung dieses Dominoeffekts ist ihm nicht überzeugend geglückt, zu hoch waren die Auflagen der Behörden und zu unerfahren ist der Künstler als Ausstellungsarchitekt. Die eigentliche Idee und inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Raum ist dadurch enorm verblasst, doch das schadet dem Ausstellungsdesign keineswegs! Im Entré sind die zusammen geschobenen, leicht gekippten Wände noch erkennbar, dahinter sind die Kojen zu dekonstruktivistischen Räumen geworden ohne rechten Winkel; zu dunklen Videokabinetten mit nicht zu erahnenden Grundrissen. Ein foyerartiger Mittelgang ist entstanden in einer dynamischen, mit der Perspektive kokettierenden Kojenarchitektur, wie man sie sich auch an anderen Orten der Messe wünscht.

Ob die Berliner Luft den ausländischen Gästen tatsächlich gut tut und die viel zitierte Energie und Aufbruchsstimmung der Stadt ihre Kreativität anregt und fördert, kann die Ausstellung kaum andeuten. Was Susanne Titz jedoch sehr überzeugend verdeutlicht, ist, dass eine Sonderausstellung wie diese ein architektonisches Konzept braucht, um sich in der vornehmlich kommerziell orientierten Umgebung einer Kunstmesse hervorzuheben. Ein guter Ansatz, wie er auch von zukünftigen Kuratoren beibehalten und ausgebaut werden sollte.


Mehr im Dossier  Art Forum Berlin et al. 2005

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