Tefaf Maastricht 2007 (Teil 1)

Frühlingsritus

Henrike von Spesshardt
9. März 2007
The European Fine Art Fair Maastricht (Tefaf), 9. bis 18. März 2007. Eintritt 55,- Euro inkl. Katalog, für 2 Personen 90,- Euro inkl. Katalog

Alljährlich im Frühjahr findet in Maastricht das gleiche Spiel statt: An den Standplatz kommt man nur durch gute Beziehungen oder Vererbung, es werden Häppchen gereicht, zwischen den Parzellen blühen die Tulpen und jeder kennt jeden. Wer bei dieser Beschreibung an den Start der niederländischen Campingsaison denkt, liegt falsch. Sehr falsch sogar, denn was gegeben wird, ist unermesslich exklusiver. Die Rede ist von „The European Fine Art Fair“ (Tefaf), der Kunstmesse, auf der die Spitze des internationalen Kunsthandels all das zeigt, was auch im Museum hängen könnte, bald vielleicht hängen wird. Im Ritual liegt der Nutzen der Kunst – kaum irgendwo ist die Benjamin’sche These offenbarer als in der kleinen Stadt an der Maas. Aura wohin man nur schaut – selbst wenn einem der Hauptsponsor der Messe auf seinem Stand den „besonderen Reiz des Sammelns von Kunststoff“ nahe bringen möchte.

Wer den Besuch einer Kunstmesse als Freizeiterlebnis betrachtet, der wird hier reichlich belohnt – sofern er Einlass findet. An einem dem „durchschnittlichen“ Publikum sowieso nicht vergönnten ersten Tag der Messe war das in diesem Jahr erstmals selbst für manchen Brancheninsider ein Ding der Unmöglichkeit. Künstliche Verknappung angesichts von gerne „Boom“ genannten Tendenzen ist zunehmend auch im Kunstbetrieb eine Neigung, die bereits auf der diesjährigen Armory Show in New York zu sehen war. Die New Yorker Messe – von außen betrachtet wirkte sie mancherorts regelrecht leer – ließ mit phänomenalen Verkaufszahlen die Händlerherzen höher schlagen. Nun also auch exklusive Einschränkungen und Einlass in Etappen auf der Tefaf, was zur Folge hatte, dass die Bude erst ab 16 Uhr richtig rappelte. Bis Sonntag müsse man 80 Prozent des Umsatzes erzielt haben – so einer der insgesamt 220 Händler aus 15 Ländern –, sonst hole man die im mittleren fünfstelligen Eurobereich liegenden Gesamtkosten für die Messeteilnahme schwerlich wieder herein. Dazu reicht auf der Messe der Superlative freilich meist der Verkauf eines, höchstens zwei der ausgestellten Exponate…

Die Aufteilung zwischen „Old Master Paintings, Drawings & Prints“, „Modern Art“ und „Antiques & Works of Art“ nimmt die Messeleitung nicht nur bei der Anordnung der Kojen sehr ernst: In der Regel sind nicht mehr als fünf Gemälde auf den Ständen der Antiquitätenhändler erwünscht – auf den buntfarbigen Schlips getreten fühlen könnten sich andernfalls die Gemälde- und Zeichnungshändler. Von denen sind diesjährig 104 zugegen, erstmals auch Hauser & Wirth unter anderem mit Louise Bourgeois’ Bronzeskulptur Spider von 1997 für 4 Millionen US-Dollar (Ed. 4/6). Die Galerie Gagosian aus New York ist dafür dieses Mal nicht mit von der Partie und auch sonst scheint der zeitgenössische Bereich ein wenig zurückgegangen zu sein. Bei Daniel Blau aus München stechen die schwerfälligen Bronze-Skulpturen von Jonathan Meese für mittlerweile 60.000,- bis 80.000,- Euro hervor. Der Soldier of Fortune Humphrey von 2006 war bereits vor der offiziellen Eröffnung verkauft – für 80.000,- Euro.

Der in mutiger Op-Art-Manier gehaltene Eingangsbereich der Messe verspricht übrigens mehr als er halten kann: Weit und breit ist nichts zu sehen vom neuen Sammelgebiet der wahren Trüffelschweine. Allein die Basler Galerie von Bartha hat sich über die Gestaltung gefreut und wird mit Werken von Vasarely und von Graevenitz dem Auftrag gerecht. Der Schweizer Konstruktivist Camille Gräser ist am Stand mit drei wunderbar klaren Arbeiten in der Preisspanne von rund 65.000,- bis 130.000,- Euro vertreten. Die Kombination seiner Werke mit den Arbeiten des Schweizer Künstlers Beat Zoderer funktioniert. Nicht überall gelingt die Gegenüberstellung derartig gut. Bei Acquavella aus New York tritt Marc Quinns arg verrenkte Kate Moss (Laocoon Kate, 2007, Preis auf Anfrage) der Frau mit Hut Kees van Dongens (Déja, 1909, Preis auf Anfrage) scheinbar mitten ins Gesicht.

Aufsehen erregt einen Meter weiter Madame Clapisson von Auguste Renoir. Kein Wunder, gehört sie doch zu den preislichen Höhepunkten der Messe: 45 Millionen US-Dollar muss die süßliche Dame zwischen den Rosen von 1882 demjenigen wert sein, der sie sich zu Hause aufhängen mag. Nebenan beeindruckt bei Salis & Vertes aus Salzburg ein majestätischer Sonnenuntergang von Odilon Redon mit ansehnlicher Provenienz und noch ansehnlicherer Hinteransicht: Nicht weniger als 10 Etiketten zieren den Rücken des Gemäldes, den man stolz präsentiert. Das in Öl auf Holz geschaffene Werk von etwa 1902 ist für 385.000,- Euro zu haben.

Stolz kann auch der Kunsthändler Achim Moeller aus New York sein, und zwar auf seine Tochter Stephanie Rita Moeller, die demnächst eine Galerie für zeitgenössische Kunst in New York eröffnen möchte. Vielleicht folge auch ein Standbein in Berlin, so die Mitte 20-Jährige selbstbewusst. Der Vater hat vor allem Lyonel Feininger mitgebracht. Unter seiner Aufsicht entsteht seit Jahren – in „harter Arbeit“, wie er selber sagt – das Werkverzeichnis des Künstlers. Moeller hat die erste und die letzte bekannte Arbeit von Feininger mit dabei, die Haystacks von 1907 und Manhattan Skyscrapers von 1955 (Preise auf Anfrage).

Am abgedunkelten Stand der Galerie Richard Nagy Ltd aus London hält man derweil wichtige Arbeiten auf Papier einiger neusachlicher Künstler bereit, darunter Karl Hubbuch, Otto Dix und Georg Grosz. Letzterer schuf um 1921 das Aquarell eines beschwingten und offenbar erwartungsfrohen Matrosen auf Landgang, für den bei Interesse ganze 480.000,- US-Dollar fällig werden. Die Arbeit kommt aus amerikanischem Besitz, so dass bei einem Verkauf nach Europa noch einmal happige VAT, die amerikanischen Mehrwertsteuern, hinzukämen.

Auch das Angebot an alter Kunst birgt in diesem Jahr gewohnheitsgemäß einige wichtige Schätze oder solche, bei denen der letztendliche Beweis über Schatz oder Niete noch aussteht. So hat der Londoner Händler Mark Weiss das kleinformatige Rundporträt Sir Thomas Wyatts nach Maastricht mitgebracht, das Mitte 2006 die Auktionswelt in Unruhe versetzte. Pünktlich zu den großen Hans-Holbein-Ausstellungen in Basel und London hatte Sotheby’s das Bild als Neuentdeckung des Meisters angekündigt, beworben und im Juli 2006 zu einem Schätzpreis von 2 bis 3 Millionen Britischer Pfund zur Auktion in London gebracht. Dort blieb es unverkauft. Schuld waren seitens der Londoner Tate Gallery geäußerte Befürchtungen, es könne sich um eine weitere mehrerer bekannter Kopien des Gemäldes handeln. Weiss setzte sich mit dem Eigentümer des Werkes, dem Kunsthändler Christopher Gibbs, in Verbindung, kaufte es, ließ es aufwändig untersuchen und restaurieren und kämpft seither um die Anerkennung „seines Holbeins“. Mit Erfolg, so wie es aussieht. Mittlerweile ist auch der Frankfurter Städel-Experte Bodo Brinkmann von der Echtheit des Gemäldes überzeugt und dem Direktor der Frankfurter Schirn, Max Hollein, raunte ein Unbekannter auf der Eröffnung der Messe ergriffen ins Ohr: „Ich weiß wirklich nicht, wer es sonst gemalt haben sollte“. Wie es weiter geht, bleibt also spannend.

Spannend ist auch, was andere Altmeisterhändler präsentieren. Johnny van Haeften Ltd beispielsweise bietet die im Herbst 2006 bei Lempertz in Köln für 660.000,- Euro (Schätzpreis 35.000,- bis 40.000,- Euro) versteigerte Italienische Landschaft mit Reisenden von Jan Both an – eine der größten Landschaftsdarstellungen des Künstlers (Preis auf Anfrage) und hat auch eine nicht weniger großformatige Winterlandschaft von Pieter Bruegel d. J. im Gepäck, die 2005 bei Sotheby’s London für 736.000,- Britische Pfund versteigert wurde und nun rund das Doppelte kosten soll. Erst auf den zweiten Blick wird man der roten Flecken auf der Schneefläche gewahr und es offenbart sich Schreckliches: Auf der reizenden Landschaft vollzieht sich das Massaker der Unschuldigen, der Kindermord von Bethlehem. Für eine Million Euro ist man bei Helmut R. Rumbler aus Frankfurt dabei, wenn man es auf Albrecht Dürers prominenten Stich Adam und Eva von 1504 abgesehen hat. Ein vergleichbares Exemplar war letztmalig 2004 bei Kornfeld in Bern für rund 500.000,- Euro versteigert worden.

Wer den Besuch der Tefaf plant, der bringe Zeit mit. Für Lucas Cranachs d. J. Ungewöhnliches Paar bei Bernheimer-Colnaghi, eine bronzene chinesische Tapir-Figur für über 10 Millionen US-Dollar bei Littleton & Hennessy Asian Art aus London, für eine herrliche Kamelskulptur mit darauf reitendem Affen aus der Tang-Dynastie (618-906 n. Chr.) für 130.000,- Euro bei Vanderven & Vanderven Oriental Art aus ’s-Hertogenbosch, ein römisches Mosaik mit der Darstellung der Medusa in bestem Erhaltungszustand, entstanden im 2. Jahrhundert n. Chr. für 95.000,- Schweizer Franken bei Jean-David Cahn und all jene Kostbarkeiten, die hier trotz besten Willens keine Erwähnung mehr finden können.


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