16. März 2012
Clare McAndrew kennt sich aus in der Welt des Kunstmarkts. Vor zehn Jahren veröffentlichte die irische Kulturökonomin ihre erste Kunstmarktstudie im Auftrag der TEFAF, die jährlich Aufschluss über die aktuelle Lage gibt. Gefüllt mit Zahlen und Statistiken, erscheint nun zum silbernen Jubiläum der TEFAF Maastricht eine Studie über die Entwicklungen der letzten 25 Jahre, beeinflusst durch Gesetze, wirtschaftliche Einflüsse und Sammlerinteresse. Keine Frage: „Observations on The Art Trade over 25 Years” ist kein spröder Wirtschaftsbericht, sondern eine spannende Lektüre, für die McAndrew mehrere hundert Protagonisten des Kunstmarkts interviewt hat. Das heutige Symposium mit dem gleichnamigen Titel wird von artnet gesponsert.
Clare McAndrew hat Wirtschaft am Trinity College in Dublin studiert und mit dem Doktortitel abgeschlossen. Nach einigen Jahren in den USA gründete sie 2005 ihre eigene Firma Art Economics und berät jetzt weltweit Kunden in Kunstmarkt-Fragen, darüber hinaus ist sie als Publizistin erfolgreich.
artnet: Ihre Kunstmarktstudie für das TEFAF-Jubiläum trägt den Titel „Observations on The Art Trade over 25 Years”. Das gleichnamige Symposium am ersten Messetag wird von artnet gesponsert. Welchen Einfluss hat das Internet auf den Kunstmarkt?
Clare McAndrew: Das Internet hat sich zu einem der wichtigsten Faktoren im Kunstmarkt entwickelt und dessen Infrastruktur beim operationalen Geschäft grundlegend verändert. Es vereinfacht die weltweite Verbreitung von Informationen und spielt durch seine Transparenz eine wesentliche Rolle beim Globalisierungsprozess des Kunstmarktes.
Für Händler ist das Internet freilich ein doppelseitiges Schwert. Manche klagen selbst, dass durch die Informationsschwemme ihre Gewinne beinahe am Nullpunkt angelangt seien. Doch betrachten sich andere gerade durch die Fülle an Informationen, die der genauen Untersuchung und Erklärung bedürfen, in ihrer Position als Kenner und Spezialisten gestärkt. Mehr Information bedeutet nicht unbedingt mehr Expertise. Aber eines ist sicher, das Internet hat den Markt offener und demokratischer gemacht.
Kunsthändler und Auktionshäuser haben sich einst ergänzt, heute wetteifern sie als Konkurrenten um die Gunst der Käufer und Verkäufer. Haben Händler noch eine Zukunft?
Der Kontrast beider Rollen ist mittlerweile verwischt, vor allem seit sich die Auktionshäuser im privaten Sektor breit gemacht haben. Das Privatgeschäft spielt nach wie vor eine immense Rolle. Nicht nur im Hochpreissektor möchte der Kunde genauestens darüber informiert werden, was er kauft und was der adäquate Marktpreis dafür ist. Die Zusammenarbeit mit einer Galerie, einem vertrauten kenntnisreichen Händler, der den Aufbau einer Sammlung über Jahre begleitet, ist immer noch sehr gefragt. Und Sammler, die oft beim Kunstkauf ihrem eigenen Gefühl nicht ganz vertrauen, ziehen diese Expertise dem Kauf auf einer Auktion vor.
Kunstkauf hat sich zu einer wichtigen Alternative für die herkömmlichen Geldanlagen entwickelt. Doch ist zum Beispiel die moderne Kunst beinahe unerschwinglich. Gibt es noch Bereiche des Kunstmarkts, die unterbewertet sind und in denen sowohl aus Passion als auch aus Investitionsgründen gekauft werden kann?
Ich habe mich etwas in den Altmeistersektor vertieft und war von den weit auseinanderliegenden Preisen überrascht. Interessante Werke sind schon für ein paar Tausend bis hin zu Multimillionen zu haben. Aber auch in fast jeder anderen Kunstkategorie ist das Preisgefüge sehr breitgefächert. Beim Kauf eines Objekts sollte dessen historische Ausstrahlung begeistern, die auch auf Dauer Bestand hat. Unter dieser Voraussetzung hat das Erworbene, ob es sich um ein altes oder modernes Stück handelt, meiner Meinung nach, sicher langfristig, Wertzuwachs. Von Modeerscheinungen, die meist von kurzer Dauer sind, sollte man dagegen besser die Finger lassen.
Seit letztem Jahr führt China den Kunstmarkt an und hat damit die Vereinigten Staaten überholt. Hat sich China diese Position allein durch den Handel mit nationalen Kunstschätzen erobert, auch mit Importen von Kunst aus dem Westen?
Momentan beschränkt sich in China der Hauptteil des Umsatzes auf die Kunst eigener, chinesischer Provenienz. Das unterscheidet China von „emerging-market“-Ländern wie Indien oder Südamerika, die aufgrund ihres geringeren Kunstvolumens lokaler Provenienz vorwiegend als Käufer von Kunst anderer Länder auftreten. Die Chinesen verfügen selbst über einen gewaltigen Kunstvorrat und kaufen weltweit hauptsächlich ihre eigenen Kulturschätze auf. Aber langsam beginnen sich international orientierte chinesische Millionäre, vor allem jene, die viel oder ständig im Ausland leben, für andere Kunst zu interessieren. Diese Gruppe kauft insbesondere moderne und zeitgenössische Kunst, gelegentlich auch alte Kunst, doch immer von sehr etablierten Künstlern oder mit kunsthistorisch hoher Qualität und gesicherter Provenienz. Sie wollen bei ihren Ankäufen sicher gehen. Es gibt also chinesische Sammler, die Objekte aus dem Westen kaufen. Doch dieser Prozess geht sehr langsam voran.
Der Kunstmarkt hat sich im Jahr 2011 beachtlich erholt – trotz des geringen Vertrauens der Konsumenten in die Wirtschaft. Wie erklären Sie sich diese Widersprüchlichkeit?
Ein wichtiges Motiv für Kunstkäufe ist sicher der Wunsch nach einer gewinnbringenden Investition. In Zeiten deutlicher Schwäche in anderen Märkten wie Immobilien oder der Börse wird die Investition in Kunst zur soliden Alternative. Es gibt momentan wenig andere attraktive Anlagemöglichkeiten, auch wenn mit Kunst kurzfristig keine großen Gewinne zu erzielen sind. Gute Kunst ist langfristig eine sichere Geldanlage. Durch Investitionen in Kunst werden oft Vermögen an Kinder weitergegeben, ein nicht unwesentlicher Faktor für den Aufschwung des Kunstmarkts. Doch gibt es auch Gebiete des Kunstmarkts, die sich derzeit sehr schwer tun. Dabei handelt sich um kleinere Firmen in Europa, vor allem Händler mit Antiquitäten, die im mittleren und niedrigen Sektor tätig sind. Sie fürchten, dass die schlimmsten Zeiten noch lange nicht vorbei sind und die Geschäfte auch in den nächsten Jahren weiter zurückgehen. Meine Erhebungen sind der makroökonomischen Perspektive entnommen. Doch weiter unten steht es im Kunsthandel oft nicht zum Besten.
Können die durch Auflagen und Gesetzgebung zunehmenden Lasten in der EU zur Folge haben, dass der Kunsthandel sich in Länder außerhalb der EU verlagert?
Es wird sicher weiter untersucht werden, in welcher Weise diese Dinge den Handel beeinflussen. Meiner Meinung nach hat der europäische Markt große Probleme durch die Anhäufung verschiedenster Abgaben, wozu auch die erhöhte Umsatzsteuer gehört. Das hat dazu geführt, dass Europa als ein sehr teurer Handelsplatz empfunden wird. Geschäftsabschlüsse in Europa sind umständlich und damit tun sich internationale Kunden oft schwer. Ich erinnere mich daran, dass sich in den 1940er und 50er-Jahren der Kunstmarkt von Paris nach der Einführung von allerlei Steuern nach London und New York verlagert hat. Und wir sehen eine gewisse Wiederholung dieser Entwicklung. Aber auch wenn es sich bei den Kaufabschlüssen um lösbare Schwierigkeiten handelt, für den Kunden ist der Eindruck, den das hinterlässt, Realität. Und die ist entscheidend.
Der Kunstmarkt hat sich in den letzten 25 Jahren von zwei Krisen, 1990 und 2007, beide Male erholt, von der jüngsten sogar nach kurzer Zeit. Denken Sie, dass der Kunstmarkt weiter wächst?
Ich bin von einem weiteren Wachstum des Kunstmarkts überzeugt. Das Auktionsgeschäft ist sehr gut organisiert und tut sein Bestes, erstklassige Ware anbieten zu können. Was mir Sorgen macht, ist die sich abzeichnende Unsicherheit über die Weltwirtschaft in den kommenden Jahren. Wenn Menschen das Gefühl bekommen, es sei, wie 2009, kein guter Zeitpunkt zum Verkauf, dann kommt wenig echt Interessantes auf den Markt. Der Kunstmarkt ist schließlich wesentlich von der Verfügbarkeit der Kunst abhängig. Auch wenn einerseits Bereitschaft zum Kauf besteht, andererseits aber keine zum Verkauf, hat das eine Dämpfung des Kunstmarkt zur Folge. Und daraus könnten Probleme entstehen.
China sollte das Tempo etwas zurücknehmen, die Situation auf dem Kunstmarkt dort scheint mir einigermaßen überhitzt. Es wird momentan von Regierungsseite an Programmen zur Regulierung des Auktionswesens gearbeitet. Ich sehe in China eine gewisse Stabilisierung in den nächsten Jahren voraus. Andererseits wächst die Zahl reicher Leute in der Kunstszene Chinas ständig. Ein Mittelstand hat sich dort zwar noch kaum entwickelt. Das Aufkommen einer Käuferschicht, nicht nur, wie zurzeit, für das Topsegment, sondern gerade für die Kunst im mittleren Preisniveau ist aber absehbar. Es ist sehr erfreulich, dass ein solides langfristiges Vertrauen in die Kunst festgestellt werden kann. Doch sollte die Wirtschaftslage in den Vereinigten Staaten und in Europa weiterhin wacklig bleiben, werden sich Menschen nicht von ihrer Kunst trennen und weniger verkaufen als bisher üblich. Und darüber bin ich doch etwas beunruhigt.