11. Dezember 2008
Status-Workshop der Schering Stiftung über Wissenschaft und Kunst: „Kooperation am Scheideweg?“, Kunst-Werke, Berlin, 8. Und 9. Dezember 2008Schon wieder Wissenschaft und Kunst? Die Betriebsamkeit, mit der allerorten Kooperationen anberaumt, Partnerschaften gefeiert und Ausstellungshybride der beiden Disziplinen Wissenschaft und Kunst in Szene gesetzt werden, ist zu einer der inflationärsten Moden des Kunstbetriebs geworden. Dabei ist unübersehbar, dass die Mode von Kunstverwaltern und nicht von Wissenschaftlern gefördert wird. Die Kunst empfindet unverhohlene Lust am Flirt mit der so exakt und mächtig erscheinenden Welt der Forschung und möchte sich die Sprach- und Bildervorräte der Wissenschaftler verfügbar machen. Die Wissenschaftler hingegen möchten allenfalls nutzorientiert vom vermeintlichen Chaos der Künstler lernen. Der kleinste gemeinsame Nenner der beiden einst verbundenen, heute entkoppelten Sphären heißt deshalb Kreativität. Genau hier liegt aber auch das Risiko der ungleichen Partnerschaften. Längst droht der Kunst Gefahr. Unter dem Vorzeichen freier Assoziation und ungehemmter Innovation soll sie sich als Anstifterin zum Einfallsreichtum bewähren. Sich nützlich machen. Dabei, so meinen Skeptiker, droht ihr der Verlust ihrer Identität. Es ist deshalb höchste Zeit, eine genaue Bestandsaufnahme der „Chancen und Risiken“ interdisziplinärer Kooperationen von Wissenschaftlern und Künstlern nachzuholen.
Eine der Veranstaltungen, die sich eine solche Sondierung des Terrains vorgenommen haben, ist die Gesprächsreihe „Forum Wissenschaft und Kunst“ der in Berlin ansässigen Schering Stiftung, die seit 2005 regelmäßig Künstler und Wissenschaftler zum Gedankenaustausch einlädt. Nach fünf thematisch ausgerichteten und besetzten Foren fand nun am 8. und 9. Dezember in den Kunst-Werken Berlin ein „Status-Workshop Wissenschaft und Kunst“ statt, in dem Künstler wie Wissenschaftler von ihren Erfahrungen mit interdisziplinären Projekten und künftigen Erwartungen berichteten sollten. Die Stiftung hatte keine Panels besetzt, sondern überließ es nach kurzen Schlüsselpräsentationen den Teilnehmern, die Agenda zu bestimmen. Während die Einführungsvorträge von Kunstvermittlern dominiert wurden, ergriffen in den Diskussionsrunden auch Künstler und Wissenschaftler das Wort. Die Tagung glich streckenweise einem Expertenhearing zur Risikoabschätzung. Die Möglichkeiten der Kooperation erschienen dabei vielzählig und vielgestaltig. Der potentiellen Gefahr des Scheiterns, der Selbstentfremdung wurde aber nicht weniger Aufmerksamkeit gezollt. Vor allem jedoch wurde deutlich, wie sehr die Kunst seit dem Ende der Moderne mit ihrer ungewissen Position im Umgang mit anderen Disziplinen kämpft. Was kann Kunst im Austausch mit Wissenschaft? Wie kann sie sich vor der Selbstaufgabe bewahren? Wie, vor allem, kann sie ihre eigenen „Forschungsverfahren“ vor Vereinnahmung und Missverständnissen schützen? Die Tagung hatte keine Antworten darauf, beeindruckte aber durch ungewöhnliche Schnörkellosigkeit im Umgang mit den Fragen.
Die eigentliche Form der Zusammenarbeit wurde dabei zunächst einmal so verschieden definiert, wie es die Arbeitszusammenhänge der Teilnehmer sind. So beschrieb etwa Frank Rösl, Leiter der Abteilung Virale Transformationsmechanismen am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg, in seinem Vortrag mehrere potentielle Formen der Kooperation, die dem Künstler die tragende Rolle eines Ko-Autors wissenschaftlicher Modelle ebenso zugestehen würden wie die untergeordnete eines reinen Dienstleisters, als Verbildlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse. Aus der kuratorischen Perspektive von Susanne Witzgall dagegen, die unter anderem Arbeiten von Mark Dion vorstellte, liegt eine Möglichkeit der Berührung von Kunst und Wissenschaft gerade darin, dass Künstler der Wissenschaft immer wieder vor Augen führen können, dass ihre Disziplinen, Forschungsgegenstände und Befunde kulturell determiniert sind – eine Erkenntnis, die man gern auch der Kunst ins Stammbuch schreiben würde und der man eine solche kritische Selbstbefragung ebenfalls immer wieder wünscht. Wenn auch nicht explizit, so klangen derartige Gedanken doch im Vortrag von Jens Hauser an, der Künstler präsentierte, die mit biotechnologischen Mitteln arbeiten und deren Werke aus ablaufenden Prozessen und nicht aus statischen Bildern bestehen.
So hatten vorwiegend die Mittler zwischen den Feldern Kunst und Wissenschaft, nämlich die Ausstellungsmacher, das Wort, wobei zu fragen wäre, ob durch die Einführung einer weiteren Disziplin in Gestalt der Kunstgeschichte oder auch Kunstwissenschaft nicht zusätzliche Verwirrung geschaffen wird und man nicht lieber Künstler und Wissenschaft direkt miteinander sprechen lassen sollte. Es steht außer Frage, dass es großen Klärungsbedarf gibt, vor allem, was das Bild der Kunst angeht – wenn es auf Wissenschaftlerseite in Vorstellungen vom Künstler als subjektiv Schaffendem, als Kreativem, der auf gesellschaftliche Veränderung drängt und sich in auratischen Unikaten ausdrückt, und auf Seiten der anwesenden Kuratoren eng und ausschließlich auf die bildenden Künste gefasst wird.
So blieben als Fazit, vor allem auch der Diskussionsrunden, mehr Fragen als Antworten. Patentrezepte wurden keine verordnet, sondern Befindlichkeiten, Wünsche und auch Unbehaglichkeiten abgefragt. Die Tagung war also gewissermaßen ein Schritt zurück, ein Wegtreten von der Realität zahlreicher Kooperationen zwischen Kunst und Wissenschaft, um Formen des Zusammengehens der Disziplinen zu beleuchten wie auch die Gefahren, die beiden Disziplinen aus solchen Kollaborationen erwachsen können: Gerade der Kunst könnte unterstellt werden, dass sie den Anschluss an andere Felder sucht, um sich – auch als eine Form von Erkenntnis – aufzuwerten, um sich selbst eine wie auch immer geartete Nützlichkeit attestieren zu können. Stellt die Kunst sich hier also selbst ein Bein? Erschafft sie sich hier Legitimationszwänge, die so gar nicht existieren, oder ist die Flucht in die Arme der Wissenschaft ein möglicher Ausweg für all die, die an einer gesellschaftlichen Rolle der Kunst interessiert sind, aber nicht wissen, wie diese aussehen könnte? Und wenn beide Seiten nun gemeinsames, ergebnisoffenes Arbeiten für sinnvoll erachten, wie sollte es aussehen? Ist, so wurde gefragt, ein hybrides Produkt aus beiden Disziplinen überhaupt möglich? Müsste man nicht zuallererst wissen, was man da eigentlich zur Fusion bringen will? Öffnet man die Büchse der Pandora, auf der da steht: Was ist Kunst?
Dass Schlusswort der Tagung sprach ganz nebenbei und mitten während des Workshops ein Künstler. Christoph Keller wehrte sich vehement gegen jeden Sonderweg, der eine „Wissenschaftskunst“ etablieren könnte. Sonderausstellungsräume, Sonderpublikationen, Sonderzeitschriften für Art & Science? Des Teufels!, so Keller, der gerade kein Verächter der Wissenschaft ist, aber die Freiheit des eigenen Handlungsraums nutzen will. Es dürfe kein „Getto für eine spezielle Wissenschaftskunst“ geben. Wer Kunst über Wissenschaft nur in der Einhegung eines Wissenschaftsumfeldes verstehe, müsse vor allem erkennen, dass er sich schlechter Kunst gegenübersehe. Freilich konnte auch Keller sich nicht dem Einwand entziehen, dass staatliche Stellen, Institutionen und Akademien längst an einer angewandten Wissenschaftskunst arbeiten. Das gefährde die Freiheit der Kunst, fand Keller. Die Antwort, wie die Kooperation möglich werden, die Kunst aber Herrin ihrer Mittel und Methoden bleiben könnte, wussten weder Keller noch die anwesenden Kuratoren und Wissenschaftler. Das war auch nicht notwendig. Selten hat eine Tagung so viel produktive Nachdenklichkeit ausgelöst. Wichtig wäre nun, dass die hier vertretenen Institutionen neue Formen der Zusammenarbeit erfinden würden. Vielleicht geht ja die veranstaltende Stiftung diesen Schritt voran. Die Kunst hätte der Wissenschaft noch ebenso viel zu sagen wie von ihr zu lernen.