12. September 2007
Sylvie Fleury: High Heels on the Moon, Galerie Mehdi Chouakri, Berlin, 8. September – 20. Oktober 2007 „High Heels on the Moon“ lautet der Titel der neuen Ausstellung von Sylvie Fleury in der Berliner Galerie Mehdi Chouakri. Er klingt allerdings bekannt: Bereits vor zwei Jahren hatte sie den Schriftzug in giftgrünen Neonröhren-Buchstaben in der unübersehbaren Höhe von eins dreißig auf zwei Meter zwanzig in der Ausstellung „Lichtkunst aus Kunstlicht“ am Karlsruher Museum für Neue Kunst präsentiert. In der Galerie herrscht am Tag der Eröffnung noch Anspannung: Erst wenige Minuten vor Ausstellungsbeginn können die Installationen von Fleury in Betrieb genommen werden. An der neuen Neonarbeit trat an einer Stelle Gas aus. Das legte die gesamte Gleichstromanlage lahm. Das defekte Stück musste anhand einer Schablone nachgearbeitet werden. Geliefert und montiert wurde erst kurz vor der Eröffnung. Der Pressetext zur Ausstellung fehlt daher auch. Das liegt allerdings auch daran, dass ursprünglich etwas ganz anderes geplant war. Die sechste Einzelausstellung der Künstlerin bei Mehdi Chouakri seit 1996 sollte ein „The Best Off“ ihrer Neonarbeiten präsentieren. Daraus wurde jedoch nichts. Stattdessen zeigt man zwei Arbeiten, die geradewegs aus der Genfer Werkstatt kommen.
Also keine grün leuchtende Stöckelschuh-auf-dem-Mond-Parole an der Wand. Auch keine neuen Pilze. Denn noch vor Carsten Höller und Fischli & Weiss hat Fleury für mich die schönsten, über einen Meter hohen Magic Mushrooms aus grünlich oder rot schillerndem Fieberglas. Sie präsentierte die halluzinogenen Pflänzchen zum ersten Mal 2005 in Salzburg – Vereinigung von Kindertraum und Rausch, Begehren und Wunscherfüllung wie kaum eines ihrer Objekte und Installationen. In Berlin kann man noch bis Ende September sechs von ihnen unter dem Titel Hypnotic Poison im Schinkel Pavillon hinter dem Kronprinzenpalais besuchen.
In der neuen Ausstellung wird der erste Blick unwillkürlich auf die gegenüberliegende Wand gezogen. Dort prangt der weiß leuchtende Schriftzug „Please“. Bitte? Wer bittet hier wen um was? Das „Bitte“ gehört zu der ersten Arbeit. Sie hat ihren Titel von dem Schriftzug, der aus insgesamt 28 Neonröhren gebildet wird. Der dazugehörige Imperativsatz, „No more of that kind of stuff“ zieht sich blau schimmernd über die gegenüberliegende Längsseite des Ausstellungsraums. Ein Einwand gegen die hoch gehandelten Kollegen? Gegen die eigene Arbeit? Oder aber überspannte Reaktionen der Betrachter? Die Künstlerin lässt es offen.
Allerdings drängt sich nun auch die zweite Arbeit der Wahrnehmung auf. Erst jetzt kann ich den nervigen Sound, der mir die ersten Minuten im Ohr lag, zuordnen. Aus dem Off sind in einem Loop energische Schritte zu hören: das Näherkommen, Vorbeigehen und sich Entfernen einer Person in klackenden Stöckelschuhen. Die Schritte aus dem Off sind mit dem Titel der zweiten Arbeit Walking on Carl Andre auf die 78 Stahlblechfließen zu beziehen, die in einem Kreis von viereinhalb Meter im vorderen Bereich des Ausstellungsraums ausgelegt sind.
So unterschiedlich die zwei Arbeiten sind, teilen sie dennoch wesentliche Momente. Zum einen trennen sie Wahrnehmungs- und Informationsebenen. Zum anderen sind sie Kommentare sowohl zu „Klassikern“ der zeitgenössischen Kunst, als auch zu Fleurys eigenem Werk.
MitWalking on Carl Andre kehrt Sylvie Fleury wieder zu ihren Anfängen zurück, als sie sich erneut einem Heroen des Modernismus zuwendet. Hatte sie zu Beginn der 1990er-Jahre Piet Mondrians minimalistische Bildformeln mit Plüschapplikationen versehen oder daraus Kleider fertigen lassen, so nimmt sie sich hier Carl Andres Bodenplatten vor. Doch das ist eine doppelte Reprise: Bereits 1997 hatte sie das Video Walk on Carl Andre produziert, das 40 Minuten lang die Beine von auf hochhackigen Schuhen über eine Bodenarbeit von Andre laufenden Frauen zeigt. „Walking on Carl Andre“ bei Chouakri übersetzt nun die Situation aus dem Video noch einmal in den Ausstellungsraum. Doch die Frauen erscheinen durch den Sound nur vor dem inneren Auge. Wir selbst sind aufgefordert die Platten zu betreten. Dazu ist das strenge Raster der Quadrate bei Sylvie Fleury in einen Kreis aufgelöst. Der minimalistische Catwalk ist zu einem Tanzboden mutiert.
Reprise und Kommentar findet sich auch in der Neonarbeit: Sie bezieht sich sowohl auf die Neon-Schriftzüge Bruce Naumans wie „The true artist helps the world by revealing mystic truths“ aus den frühen 1970er-Jahren wie auf das eigene Werk. In dieser jüngsten Arbeit tritt jedoch ein sehr persönliches Moment hervor. Der Schriftzug „No more of that kind of stuff please“ übersetzt Fleurys Handschrift in die Neonbuchstaben, während der Imperativsatz dem Besucherbuch ihrer ersten Ausstellung 1991 in der Galerie Philomene Magersin Bonn entnommen ist.
Nichts mehr von dem Zeug? – Nein, bitte mehr davon!