20. Mai 2005
Die Galerie Echolot in Berlin zeigt derzeit Bilder, Skulpturen und Installationen des Leipziger Künstlers Sven Braun, die ihre Faszination aus der bestechend präzisen Übereinstimmung von Inhalt und Form generieren. Während seine Leipziger Kollegen die Malerei in der so markttauglich gewordenen „Neuen Leipziger Malerschule“ virtuos aber weitestgehend inhaltsfrei feiern, reflektiert Braun das Bild und die Skulptur und ihre historischen, ästhetischen und etymologischen Rezeptionsbedingungen. Braun ist in seiner Bildsprache erfrischend „untrendy“ und erholsam medienfern, was ihn natürlich wieder mit seinen Mitstreitern verbindet. Das führt zu Irritationen, denn als leichte Kost kann man seine Kunstproduktion definitiv nicht bezeichnen. Dem Betrachter fordert sie einiges ab und gewährt nur langsam Eintritt in ihr vielschichtiges Bezugssystem.
Braun wechselt ständig zwischen den Begriffen Skulptur und Malerei und lässt den Betrachter so lange im Nirwana der Bedeutung stochern, bis dieser seine erste Entdeckung macht und, von dieser ausgehend, immer vielfältigere inhaltliche Zusammenhänge enthüllen kann. Eine dieser Entdeckungen beispielsweise ist die eines Bildes aus der Serie der Transparente, welches vorgibt, halbdurchsichtiges Transparentpapier auf Keilrahmen zu sein, und sich als klassischer Augentäuscher entpuppt. Braun ahmt hier mit Tempera und Harzölfarbe auf Hanfleinen die Oberfläche des Transparentpapiers nach und imitiert das Durchscheinen des dahinter liegenden Keilrahmens (160 x 110 cm, 3.900,- Euro).
Ähnlich verhält es sich mit der mannshohen und doch filigranen Skulptur Ort. Sie ist auf ihre Umrisslinien reduziert und weist die Form einer Tafel oder eines Schildes auf, aus dem das Wesentliche, nämlich die Bildfläche, ausgeschnitten ist und den Durchblick auf die Wand dahinter gewährt. Die Skulptur scheint aus massiver Bronze gegossen oder aus Stahl geschweißt und statisch nur auf Grund ihrer konvexen Grundfläche frei im Raum zu stehen. Beides ist ein Fake. Das Material ist schwarz lackiertes Ahornholz und die Arbeit steht nur deshalb frei im Raum, weil sie im Boden unsichtbar verankert ist (258 x 148 x 36 cm, 7.500,- Euro). Spätestens aber, wenn die Galeristin Annette von Speßhardt auf die Trompe-l`oeil-Zeichnungen en face oder Spirale im Katalog des Kunstvereins Schwerin hinweist, beginnt man das clevere Spiel zwischen Bild und Abbild in der Kunstproduktion von Sven Braun zu durchschauen.
Zusätzliche Komponenten in diesem umfangreichen bildnerischen Bezugssystem sind etymologische Ableitungen. So zum Beispiel in der Arbeit Convex Concav, wo Braun je eine gebogene Lerchenholzplatte konvex und konkav auf die Wand bringt und sie im Siebdruckverfahren mit dem Schriftzug „Signatur“ bestückt. Im Pressetext von Ralph Findeisen, der im Übrigen auch einen sehr ausführlichen Text zu oben erwähntem Katalog beisteuerte, ist zu lesen: „So wird heute unter Signieren gemeinhin das Leisten einer Unterschrift verstanden. Zurückzuführen ist der Begriff auf das lateinische „signare“, das soviel wie „mit einem Zeichen versehen“ bedeutet. (...) Andere Begriffe wie Segen, Insignien, signifikant, Siegel, Signal aber auch das französische Dessin (Zeichnung) und im Englischen Design (Gestaltung) und Sign (Zeichen) gehören in unmittelbare Verwandtschaft wie „secare“, das lateinische Verb für schneiden.“
Mit derart konditioniertem Blick findet man dann auch schnell unterschiedliche Aspekte in Brauns Arbeiten, die sich auf dieses System von Begrifflichkeiten zurückführen lassen. Mit Coated Arm zeigt er uns den naturalistischen, überzeugend perfekt in Holz gearbeiteten Arm eines männlichen Wesens, der sich rückseitig durch die Halteschlingen eines Schildes schlauft. Die vordere Bildfläche des Schildes – oder sollte man sagen des „Signs“? – ist auf die Wand aufgebracht und verbirgt somit die Fläche, auf der gemeinhin bei Schildern das Zeichen und somit die Information zu lesen ist (49 x 49 x 23 cm, 3.800,- Euro). Auch hier treibt Braun sein semiotisches Verwirrspiel und wartet mit einer Vielzahl von Bedeutungsebenen auf.
Ob diese Ableitungen aber eine Position formulieren, die außerhalb der Endlosschleife des systemimmanenten Diskurses liegt, bleibt offen. Die Tatsache nämlich, dass eine Sache von einer anderen abgeleitet ist, sich auf die nächste bezieht und etwas über eine weitere aussagt, führt noch nicht dazu, dass am Ende eines komplexen Rezeptionsprozesses auch eine neue Erkenntnis steht – selbst wenn uns das Ralph Findeisen in seinem unglaublich detaillierten Text im Schweriner Katalog glaubhaft vermitteln möchte. Am Ende sagen die Arbeiten Brauns höchst spannend und faszinierend etwas über die Beziehung vom Bild zum Abbild und dessen etymologische und historische Dimension aus. Und besonders interessant ist ja immer das, was wir lieben, doch zunächst nicht verstehen!
Noch bis zum 21. Mai in der Galerie Echolot, Schröderstr. 10, 10115 Berlin. Es erscheint der Katalog Sven Braun, Schaufeld, Kunstverein Schwerin, 2005.
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