3. November 2009
München ist dreckig, schnell, jung und
cutting edge. Das glauben Sie nicht? Immerhin kann die Stadt mit der
STROKE.01 die erste internationale Messe für Urban Art in ganz Europa aufweisen. Zugegeben, initiiert wurde sie von einem Berliner: dem Galeristen
Marco Schwalbe. Gemeinsam mit seinem Bruder Raiko und dessen Münchner Agentur „Herr Keuner“ sowie dem bajuwarischen Veranstalterkollektiv „Team from Hell“ hat er 30 Galerien, Künstlergruppen und Street-Magazine aus Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich nach München geholt. Ausstellungsort ist eine ehemalige BMW-Niederlassung im Münchner Norden.
Im Hinterhof steht aber erst einmal ein russischer Helikopter, der unter dem Titel from war to peace von Won ABC, Dog ISK, Beastiestylez, I ARE UGLY und Casiegraphics bemalt und von der Münchner Galerie Richter & Masset erst kürzlich auch beim Berliner Kunstsalon präsentiert wurde. In der anschließenden Lagerhalle sprühen die im Hauptgebäude ausgestellten Künstler live, wie etwa der 21-jährige Robert Proch, dem fein abgestufte Schattierungen aus der Dose rinnen. Seine Arbeiten haben expressionistische Schwere und wirken doch pulverisiert. Die raumhohen Wandarbeiten schweben, an manchen Stellen wirkt es, als könne Proch das stäubende Aerosol selbst fixieren (integrierte Bildarbeiten mit Rahmen kosten 500 Euro, drei wurden im Verlauf der Messe verkauft wie auch zwei Drucke). Marco Schwalbe urteilt über diese jüngste Generation der Urban Artists: „Diese Künstler gehen ungemein ernsthaft an die Sache heran, sie sind weniger auf der Straße. Vandalismus interessiert sie schon gar nicht mehr. Wer an einer Wand 10 Stunden arbeitet, rennt nachts nicht mehr durch die Gegend.“ Das sieht der Berliner ATM-Galerist Marc Scherer, der selbst an der dortigen Universität der Künste ausgebildet wurde, allerdings anders: „Alle Leute, mit denen ich arbeite, gehen auch raus. Wer nur im stillen Kämmerlein bleibt, nähert sich ja wieder normaler Kunst.“ Scherer hat Eliot im Gepäck, der zum ältesten deutschen Graffiti-Netzwerk BK/AFM (Böse Knaben/Art for Money) gehört und sich inzwischen weg von der Dose und hin zum – ja! – Kreuzstich bewegt hat. Und er sitzt viele Stunden an einem gestickten piece: „An dem Bagger habe ich zwei Wochen lang fast jeden Tag durchgehend gestickt.“ Für so viel Einsatz verlangt er gerade einmal 1.500 Euro.
Geld ist ein Thema, auf dieser Kunstmesse. Allerdings gibt es auch große Berührungsängste. So sorgen sich gerade die frühen Writer um ihre Street Credibility, wenn sie mit dem Sprayen auch Geld verdienen. Doch hat die Urban Art – obwohl sie mittlerweile ihren eigenen Betrieb aus Galerien, Auktionshäusern wie auch Sammlerkreisen aufgebaut hat und sogar mit musealen Weihen versehen wurde – den meisten Protagonisten ohnehin nicht viel eingebracht. Schwalbe, der in Berlin erleben musste, wie interessiert einerseits und kaufschwach andererseits die dortige Kundschaft sein kann, hat deswegen auch die Messe nach München gelegt. Hier wird immer noch Geld vermutet. Schon bei der Vernissage konnten einige Galerien auch von Verkäufen berichten, allerdings sämtliche im Unter-Tausend-Euro-Bereich.
Ebenfalls voll pekuniärer Hoffnung baute das Team von urban art info um Jürgen Große den überlebensgroßen Linolschnitt Switchback Sisters (2009, 12.000 Euro) der am New Yorker Pratt Institute ausgebildeten Streetgröße Swoon auf. Hier soll kommerziell erfüllt werden, was am Galeriestandort Berlin immer nur ein Versprechen blieb. Große hatte sein Publikum aber auch verwöhnt: „Wir haben Swoon schon 2003 präsentiert, das war ihre erste große Ausstellung überhaupt. Damals hat eine beklebte Tür noch 150 Euro gekostet.“ Die Preisdivergenz fällt an dieser Messe besonders auf. Urban Art scheint prädestiniert dafür, frisch in den Kunstmarkt einsteigende Sammler willkommen zu heißen. 80 Euro verlangt die Düsseldorferin Nina Bienefeld von Ninasagt für eine Pappmaché-Fratze auf Versandkarton des Künstlers Mr Burns. Als Bienefeld ihre Galerie vor wenigen Monaten mit 100 Kartons eröffnete, war die Hälfte gleich verkauft. Solche Preise werden eben auch von jungen Kunstinteressierten akzeptiert, die ähnliche Characters schon durch bevorzugte Fashion Labels wie Stüssy kennen. Die Modedesigner arbeiten mit dem Graffiti-Urgestein Flying Förtress – ein gebürtiger Münchner übrigens –, dessen behelmte Teddys auf der Messe bei Rockaway Art zu sehen sind.
Viel bösere Puppen haben die Pariser von Since dabei. Es sind die C.M.O.N.S.-Kreaturen des in Barcelona lebenden Deutschen Boris Hoppek, der mit diesen Monstern chimäresker Frotteeniedlichkeit nicht nur den Opel Corsa Trailer aus dem Jahr 2006 animierte, sondern inzwischen auch Personen aus der Zeitgeschichte karikiert – wenn auch haarscharf an und jenseits der Grenze zur Political Correctness. So scheut er sich nicht, ein kleines Hitlerpüppchen mit Hakenkreuzbinde am rechten Arm zu kreieren. „Zensur“ ist dennoch möglich, wenn auch nur abdominal: Das Geschlechtsteil des Führers, seit jeher medizinischen Spekulationen unterworfen, lässt sich bei Hoppek mit einem Druckknopf komplett wegknipsen. Seine orgiastischen, leicht kolorierten Bleistiftzeichnungen von kopulierenden Frauen wirken nur auf den ersten Blick heiter. Im Rahmen selbst kräuselt sich ein recht unappetitliches Haar. Since präsentiert sozusagen eine thematische Ausstellung, bei der Geschmacksgrenzen erprobt oder auch überschritten werden. Passend zu Hoppek wird der Franzose Titi from Paris mit „Les vieilles Putes“ (Alte Huren) gezeigt, eine an Jacques Villeglé erinnernde Arbeit aus einander überlappenden Plakatausrissen, vor denen sich linolschnittartig Fin-de-Siècle-Lebedamen tummeln. Vergleichsweise harmlos nimmt sich bei Since die Berliner Pixel-Art-Gruppe eBoy mit ihren Stadtansichten von Venedig und Los Angeles aus, eine bunte Comiclandschaft, von hinten mit LEDs erleuchtet (jeweils 2.400 Euro).
Das scheint überhaupt der preisliche Rahmen zu sein, innerhalb dessen die meisten Geschäfte getätigt wurden. „Es waren keine richtigen Sammler da, eher Impulskäufer, die 500 Euro dabei hatten und damit was kaufen wollten; um hochpreisiger zu kaufen, braucht es sicherlich noch eine STROKE; oder vielleicht danach noch eine“, so lautet das Fazit von Marco Schwalbe. Immerhin aber wollen von den diesjährigen 30 Teilnehmern 29 im nächsten Jahr wiederkommen. Geplant ist die zweite Ausgabe für den Mai, um terminliche Kollisionen mit anderen Messen zu vermeiden. „Einige größere Galerien konnten nicht kommen, weil die eben schon Miami und andere Messen im Terminkalender hatten“, meinte Marco Schwalbe. Klingt, als wäre die Urban Art endgültig salonfähig geworden.
STROKE.01, urban art fair, 29. bis 31. Oktober, Dachauer Straße 92 (ehemalige BMW-Niederlassung. www.stroke01.com.