9. März 2011
Manchmal steckt nicht nur der Teufel im Detail, sondern ein ganzes Programm. So auch bei Steffen Denglers Versuch über die „Westdeutsche Malerei im Kalten Krieg und im wiedervereinigten Deutschland“. Was der Untertitel als großes historisches Panorama zeichnet, quittiert der Obertitel mit einer Frage, die stutzig macht. Denn die Idee, dass künstlerisches Schaffen autonom sei und sich seit der Renaissance zunehmend von außerästhetischen Zweckbestimmungen emanzipiert habe, gilt als derart selbstverständlich, dass allein ihre Infragestellung aufreizend wirkt. Das stumme Zeichen, das den Titel ziert und zur Frage macht, ist hier die Message, der Affront gegen einen der Hauptsätze des modernen Kunstverständnisses: den der Gleichsetzung von Kunst und Freiheit.
Aber um welche Freiheit geht es? Und vor allem: um welche Kunst? Hier hat Denglers Ansatz seine Pointe. Die sehr spezielle Situation Nachkriegsdeutschlands dient ihm als Kontrastmittel, um das Begriffspaar „abstrakt – gegenständlich“, das bekanntermaßen den Kunstdiskurs im 20. Jahrhundert entscheidend organisierte, nicht nur am Fallbeispiel zu konkretisieren, sondern vor allem zu politisieren. Der deutsche Sonderweg nach ‘45 – Teilung des Landes in zwei Staaten von begrenzter Souveränität 1949, wie ihre Vereinigung 1990 – soll dabei die Umstände aufzuklären helfen, die dazu führten, dass die sogenannte „abstrakte Kunst“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum exklusiven Merkmal von Freiheit und Modernität aufsteigen konnte.
Zur Erinnerung: Nach der Aufteilung des in vier Besatzungszonen gesplitteten Deutschland in die zwei Staaten BRD und DDR, entwickelten sich diese nicht nur politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich auseinander, sondern eben auch kulturell. Der übergeordnete Ost-West-Antagonismus spiegelte sich dabei auch in den zwei Grundtendenzen künstlerischen Selbstverständnisses in Ost- und Westdeutschland. Während in der BRD innerhalb kurzer Zeit die „abstrakte Kunst“, die vor dem Zweiten Weltkrieg allenfalls in elitären Kreisen Wertschätzung erfuhr, nun publikumstauglich wurde, etablierte sich in der DDR mit dem Sozialistischen Realismus die „gegenständliche Kunst“ als Träger politischen Fortschritts.
Unbenommen der oft monierten theoretischen Schwammigkeit der Unterscheidung zwischen „abstrakt“ und „gegenständlich“, ihrer oft beklagten Unbrauchbarkeit bei der konkreten Beurteilung von Kunst, war sie praktisch höchst erfolg- und folgenreich. Die Aufteilung der beiden Traditionslinien der ästhetischen Avantgarde in die figurative Linie der DDR-Kunst und die abstrakte Linie der BRD-Kunst lud die ästhetische Differenz ideologisch auf und verunmöglichte es, sie beide als gleichberechtigte Tendenzen der Kunst des 20. Jahrhunderts wahrzunehmen. Was bezeichnenderweise zu Zeiten der Weimarer Republik noch der Fall war. Wenn aber „abstrakte Kunst“ per se mit Radikalität, Freiheit und Demokratie identifiziert wird, gerät ihr Pendant notwendig in den Verdacht des Gegenteils: der Minderwertigkeit. Der Überlegenheitsduktus der westdeutschen Kunstrezeption gegenüber der „gegenständlichen Kunst“ der DDR gründete mithin auf einer politisch motivierten Abspaltung. Zu ihr gehört auch die Verkennung der eigenen politischen Kontextabhängigkeit, wie sie etwa in der Rolle der US-amerikanischen Außen- als Kulturpolitik sichtbar wird, deren durch die CIA lancierte Vorgaben nicht nur in Westdeutschland erfolgreich durchgesetzt wurden.
Steffen Denglers luzide und gründlich recherchierte Studie, reichhaltig mit Material und Beispielen unterfüttert, betreibt somit Aufklärungsarbeit im besten Sinne. Indem sie Kunstgeschichte als eine genuin politische lesbar macht, entzieht sie einer ideologisch motivierten Abwertung gegenständlich-figurativer Kunst den Boden. Erst vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, dieses „Weltbürgerkriegs der Werte“ und seines verdeckten Nachlebens in den Kategorien der Kunstkritik wird dieser Subtext offenbar. 1995 sagte das Willi Sitte, einer der Hauptvertreter der DDR-Kunst, einmal so: „DDR-Kunst war zugleich immer auch deutsche Kunst. Die Unterscheidung in deutsche Kunst und DDR-Kunst, die a priori minderwertig sei, halte ich für Unfug.“ Steffen Dengler hat seinen Beitrag geleistet, um dieses „Apriori“ zu entschärfen. Und das ist nicht wenig.
Steffen Dengler: „Die Kunst der Freiheit? Die westdeutsche Malerei im Kalten Krieg und im wiedervereinigten Deutschland“; Wilhelm Fink Verlag, München 2010. 280 Seiten, Deutsch, ISBN 978-3-7705-4955-9, EUR 29,90