Stefan Ripplinger: Bildzweifel

Leibhaftig

Michael Mayer
20. Januar 2012

Man mag zweifeln, ob es sich beim „Zweifel“ tatsächlich um eine Stimmung handelt und nicht viel eher um eine Haltung, mithin um eine willentlich und bewusst eingenommene Einstellung. Während Stimmungen meist diffus aufs Gemüt ein- und nicht selten hinter unserem Rücken fortwirken, ist ein Akt wie der „Zweifel“ zweifellos bewusst. Wer zweifelt weiß, dass er zweifelt. Ob er auch weiß, dass er denkt und ergo ist, wie weiland der notorische Zweifler Descartes dem hochgelehrten Publikum glauben machen wollte, sei dahingestellt. Klar aber ist: Stimmungen überkommen, ja überfallen uns, Haltungen nehmen wir ausdrücklich ein.

Aber vielleicht wäre das ein Streit um Kaisers Bart. Und man muss nicht gleich mit Heideggers „Stimmung“ als Stimmungskiller daherkommen, um Idee und Projekt des Textem-Verlags schlicht zu bewundern. Seit 2011 bringt er in unsortierter Reihenfolge in kleinem Format, aber mit großer Chuzpe die Enzyklopädie „Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden“ heraus, wo von A wie „Angst“ oder „Albernheit“, über L wie „Laune“ oder P wie „Passivität“ ein Alphabet von Stimmungen erscheint, das weniger auf intellektuelle Begriffskunde zielt als auf die stets riskante Befragung der je eigenen Gegenwart. Verantwortet von Jan-Frederik Bandel und Nora Sdun, könnte man die Reihe getrost als eine Art Gegengift gegen jene „Realitätsverkennung“ lesen, die den befällt, der den Dingen entweder zu nahe rückt oder ihnen zu fern bleibt.

Erstes wäre dem atemlos Umtriebigen geschuldet, letzteres dem spröden Academicus. Wer also Stimmungen anvisiert, braucht vorab ein Gespür für den richtigen Abstand und ein Timbre, das verbindlich in der Sache, doch zugleich geschmeidig ist. Auf den Ton kommt es an. Und den hat Stefan Ripplinger vorzüglich getroffen. Sein Essay über „Bildzweifel“ ist eine blitzgescheite Miniatur über eine Attitüde, die einnimmt, wer zwischen blinder Idolatrie und blindwütigem Ikonoklasmus eine dritte Position auszumachen sucht. Es gilt, das Bild und seine Macht ernst zu nehmen, ohne sich ihr negativ, wie der Bilderstürmer, oder positiv, wie der Bildfetischist, rückhaltlos zu unterwerfen. Bildern wohnt ein Zauber inne, den tückischerweise auch der, der ihn zu brechen begehrt, voraussetzt. Ihre Macht verdanken sie jenem inneren, auf Ähnlichkeit gegründeten Verhältnis, das zwischen Bild und Bildgegenstand am Werk ist, und das eben nicht, wie etwa beim Zeichen, nurmehr äußerlich und arbiträr ist, durch bloße Konvention gestiftet. Bilder machen leibhaftig gegenwärtig, was leibhaftig nicht gegenwärtig ist. Das ist ihre Magie, ihre Macht. Sie ist geliehen, gewiss, dem Bildgegenstand geschuldet; nichtsdestotrotz ist sie beängstigend, faszinierend, ebenso diabolisch wie numinos, im vollen Wortsinne: gewaltig. Der Monotheismus, von Echnaton über Moses bis zu Jesus, Paulus und Mohammed, wusste genau, mit was er es zu tun hatte.

Was die ersten Menschen der Steinzeit empfanden, als einer der ihren mit Holzkohle und Ruß irgendwelche Konturen bei fahlem Feuerschein an einer Höhlenwand nachzog und plötzlich eine „Gestalt“ erschien? Wir wissen es nicht; auch nicht, ob dieser erste Zeichner alsbald eine steile Karriere in seiner Sippe hinlegte oder sein Tun womöglich gar nicht überlebte. Was wir aber wissen ist, dass der Mensch, seitdem er als homo pictor reüssierte, in einer grundlegenden Gefühlsambivalenz dem Bild gegenüber verharrt. Die Geschichte des Bildes ist auch die Geschichte von Ikonoklasmus und Idolatrie, von Bildersturm und –anbetung.

Der Bildzweifel nimmt diese Ambivalenz zwar ernst, entscheidet sie aber nicht, verweigert sich der Eindeutigkeit. Seine Arbeit am Bild, mit und gegen das Bild zielt auf anderes. „Der Bildzweifel“, so der Autor, „ist sowohl von der Idolatrie als auch vom Ikonoklasmus kategorisch unterschieden, denn zwar braucht er das Bild, aber nicht, um es zu verehren oder zu vernichten. Er setzt die beiden Komponenten – Abgebildetes und Abbildung –, die die Verehrung miteinander verklebt hat, sorgfältig voneinander ab. Er trennt sie aber nicht vollständig wie der Bilderstürmer.“

Stefan Ripplinger, Journalist und Mitbegründer der Zeitschrift „Jungle World“, folgt exemplarisch den Spuren des Bildzweifels, dem eine Bildarbeit auf dem Fuße folgt, die nicht erst in der Kunst der Avantgarde – etwa bei Malewitsch oder Rodtschenko, bei Yves Klein, Isa Genzken, Luis Buñuel oder George Grosz – die Grenzen des Bildhaften rigoros austestet. Wie sehr schon die theologische Tradition des Abendlandes von Fragen umgetrieben wurde, die dann die Moderne ästhetisch durcharbeitete, zeichnet das schmale, doch gehaltvolle Bändchen luzide nach. An Marcel Duchamp, einem der sicherlich reflektiertesten Künstler der Moderne, wird zuletzt deutlich, dass man sinnvoll nur mit Bildern an Bildern zweifeln kann. „Der Bildzweifel will sich des Bildes nicht entledigen, er braucht es. Das Bild ist, gerade weil es schwach ist, sein Weg in die Welt.“

Stefan Ripplinger: „Bildzweifel. Reihe: Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden“ Textem Verlag, Hamburg 2011. 85 Seiten. ISBN 978-3-941613-82-9. EUR 12


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