6. Februar 2012
„State of the Art Photography“ – NRW-Forum, Düsseldorf. Vom 4. Februar bis 6. Mai 2012
Duesseldorf Photo Weekend, Düsseldorf. Am 4. Februar 2012
Das soll sie also sein, die schöne neue Welt der Fotokunst, versammelt in den beiden Ausstellungshallen des NRW-Forums in Düsseldorf. So zumindest die Meinung der acht Experten, die im Vorhinein von NRW-Forum-Chef Werner Lippert gebeten worden waren, die Fotografen zu nennen, die ihrer Meinung nach die Diskussion der kommenden Jahre bestimmen werden. Ihre Meinung kundtun durften dazu unter anderem Fotograf Andreas Gursky, Magnum-Ausstellungsmacherin Andréa Holzherr und der Berliner Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann.
Entsprechend heterogen und durcheinander präsentiert sich nun die weitgehend unkuratierte Ausstellung mit dem etwas zu selbstbewussten Titel „State of the Art Photography“: Die 41 gezeigten Positionen (ursprünglich waren sogar 49 Künstler ausgewählt worden, von denen acht absagten) sind mal mehr und mal weniger bekannt: Olaf Otto Becker ist mit seinen schmelzenden Eis-Landschaften vertreten, Andreas Mühe überrascht mit wildpinkelnden Nazis vor der Kulisse des romantisierten Obersalzbergs und Asger Carlsen zeigt deformierte, kopflose Fleischskulpturen, die nur entfernt an Menschen erinnern.
Bemerkenswert sind auch die Positionen der Künstlerduos: Thijs groot Wassink und Ruben Lundgren alias WassinkLundgren aus den Niederlanden zeigen ihre „Tokyo Tokyo“-Serie, für die beide im selben Moment Passanten auf der Straße fotografiert haben – aber aus zwei verschiedenen Perspektiven. Taiyo Onorato & Nico Krebs aus der Schweiz, die mit „The Great Unreal“ eines der spannendsten Fotobücher der vergangenen Jahre herausgebracht haben, sind mit ihren Bildern von selbstentwickelten Fotoapparaten vertreten, während von Mikhael Subotzky und Patrick Waterhouse aus Südafrika leider nur die Fahrstuhl-Porträts ihres umfangreichen „Ponte City“-Projektes gezeigt werden.
Neben dem insgesamt sehr auf Europa und insbesondere auf Deutschland fixierten Blick der Ausstellung, fast zwei Drittel der vertretenen Künstler stammen dorther, schmerzt vor allem der Mangel an Informationen zu den einzelnen Positionen. Wer sich noch nicht auskennt, wird dies nach dem Besuch der Ausstellung erst recht nicht tun, denn auf erklärende Begleittexte wird dort komplett verzichtet. Man lässt den Betrachter mit den Bildern weitgehend alleine. Nur mit dem Smartphone kann er den zu den Bildern gehörigen QR-Code scannen, um per Internetverbindung weitere Informationen zu erhalten. Technisch betrachtet mag das absolut „State of the Art“ sein, vor allem aber ist es sehr umständlich und liefert am Ende vor allem Biografisches anstatt Inhaltliches. Eine Ausstellung, die laut proklamiert, bereits heute die Diskussionsgrundlage der künstlerischen Fotografie von morgen präsentieren zu wollen, müsste sich deutlich mehr Mühe bei der Vermittlung und der Argumentation ihrer rein subjektiven Auswahl geben. So tappt der Besucher leider meist im Dunkeln. Chance vertan.
Parallel zu „State of The Art“ initiierte das NRW-Forum allerdings erstmals auch das Duesseldorf Photo Weekend: 20 Galerien und Institutionen nahmen am vergangenen Wochenende daran teil und zeigten ihrerseits ausschließlich Fotografieausstellungen, die zum Teil noch bis März laufen. Die Galerie Beck & Eggeling new Quarters präsentiert Thomas Wredes „Real Landscapes“, Landschaftsfotografien, die an Arbeiten der New Topographic-Bewegung erinnern. Allerdings kommen sie deutlich romantischer rüber und sind vor allem nicht echt. Wrede platziert Miniaturhäuser in tatsächliche Landschaften, spielt mit Größenbezügen und unwirklichen Sehnsuchtsorten und erschafft damit neue Realitäten (Preise zwischen 5.000 und 14.800 Euro).
Den umgekehrten Weg geht Marc Räder in der TZR Galerie Kai Brückner. Er fotografiert die Realität so, dass sie wie eine Modelllandschaft wirkt. Angefangen hat der Wahl-Berliner damit vor fast 20 Jahren, weil er sich mit den so genannten „Gated Communities“ beschäftigte, privaten Wohnvierteln, die durch Sicherheitseinrichtungen wie Mauern und Zäune, Pförtner und Kameraüberwachung von der Außenwelt abgeschirmt werden. Um der Artifizialität dieser Siedlungs- und Lebensweise Ausdruck zu verleihen, fotografiert Räder die Wohnviertel meist von einem leicht erhöhten Standpunkt aus, vor allem aber mit der Tilt-und Shift-Technik der Großformatfotografie. Die führt zu unerwarteten Unschärfen im Bild und täuscht dem Betrachter vor, er schaue auf die Details einer Miniaturwelt. Wie stilbildend Räder damit war, ließ sich vor einigen Jahren im Fernsehen beobachten: Die Deutsche Telekom nutzte seine Verniedlichungstechnik für ihre Werbespots. Mittlerweile gibt es sogar Smartphone-Applikationen, die diesen Effekt in die Fotos einbauen. (Preise zwischen 5.500 und 14.500 Euro).
Nachträglich manipuliert sind auch die Landschaften von Ralf Brueck, die in der so what gallery zu sehen sind. Am Computer baut der ehemalige Schüler von Bernd Becher und Thomas Ruff Verwischungseffekte ein. Seine Bilder wirken dadurch ein bisschen wie Filme von David Lynch – mal völlig neben der Spur oder wieder fast einschüchternd gut. Besonders dann, wenn die amerikanische Vorstadtidylle aus heiterem Himmel von Laserstrahlen eines imaginären Raumschiffs getroffen wird, leuchtet ihr Potenzial auf.
Extrem vielschichtig präsentiert sich die Ausstellung „Collaborations“ mit Gemeinschaftsarbeiten von Irene Andessner und Ingolf Timpner in der Galerie Bugdahn und Kaimer. Ständig schlüpfen die beiden Fotografen oder ihre Modelle, darunter Philosoph Peter Sloterdijk, in verschiedenste Rollen. Von Marlene Dietrich über Egon Schiele bis hin zu Porträts im Stile des holländischen Malers Frans Hals ist alles dabei. Herzstück der Ausstellung bilden jedoch zweifelsohne die Selbstporträts als Albrecht Dürer – wobei sich sowohl Timpner als auch Andessner sehr exakt in den Maler verwandelt haben. Zwar wirkt der kunsthistorische Unterbau der Serie etwas bemüht, doch die Bilder verfehlen ihre eindringliche Wirkung nicht (Preise zwischen 2.050 und 14.350 Euro).
Als nicht minder komplex entpuppt sich die Arbeit des Duos Adam Broomberg & Oliver Chanarin in der Felix Ringel Galerie. Sie kombinieren Zitate und Bilder aus der Kriegsfibel von Bertolt Brecht mit Kriegsbildern, die sie selber im Internet gefunden haben. Damit setzen sie Brechts Arbeit fort – und zeigen, dass sich auch seit Erscheinen des Buches im Jahr 1955 nichts verändert hat (Preise zwischen 1.900 und 22.000 Euro).
Auf der anderen Straßenseite zeigte die Galerie Voss gleich mehrere Künstler, wobei das Spektrum dort sehr uneinheitlich von der kitschigen Reinszenierung des Cornelis van Haarlem-Klassikers „Sturz der Titanen“ als obszönen, nackten Menschenhaufen einer Claudia Rogge, bis hin zu den subtil-verstörenden Kinderporträts von Masaharu Sato reicht (Preise von 4.200 bis 17.000 Euro).
So unterschiedlich die Ausstellungen des Duesseldorf PhotoWeekend auch sind, so teilen doch viele die Gemeinsamkeit der Bildmanipulation – egal ob analog oder digital, vor, während oder nach der eigentlichen Aufnahme. Erfrischend klar kommen da die Ausstellungen in den Galerien Clara Maria Sels und Lausberg daher: Sels zeigt Joseph Huber, der Menschen in Kairo porträtiert hat, sowie Alexander Chekmenev, der eine Reportage über den Alltag der notleidenden Bevölkerung in der Ukraine fotografiert hat. Lausberg zeigt hingegen Katharina Mayer: Die Düsseldorferin fotografiert Familien und Wahl-Familien, die sich deutlich von den auf den ersten Blick „natürlicher“ wirkenden Familienporträts eines Thomas Struth unterscheiden: Während Struths Bilder wie Fotografie gewordene Familienaufstellungen wirken, werden die Personen bei Mayer zu Darstellern auf einer Bühne: absurd, emotional, theatralisch – aber letztlich doch vollkommen wahrhaftig (Preise zwischen 3.500 und 18.000 Euro).
Thomas Wrede: „The Promised Land” – Beck & Eggeling New Quarters. Vom 20. Januar bis 3. März 2012
Marc Räder: „Californication revisited“ – TZR Galerie Kai Brückner. Vom 4. Februar bis 31. März 2012
Ralf Brueck: „Distortion“ – so what Gallery. Bis 4. Februar 2012
Irene Andessner und Ingolf Timpner: „Collaborations“ – Bugdahn und Kaimer. Vom 19. Januar bis 10. März 2012
Adam Broomberg & Oliver Chanarin: „Poor Monuments” – Felix Ringel Galerie. Vom 9. November 2011 bis 4. Februar 2012
Maia Naveriani: „Future Wolves and Chicks so far” – Galerie Voss. Vom 10. Februar bis 24. März 2012
Joseph Huber: „Photography“ – Galerie Clara Maria Sels. Vom 4. Februar bis 24. März 2012
Katharina Mayer: „Theatrum Familiae“ – Galerie Lausberg. Vom 17. November 2011 bis 4. Februar 2012