„Stadt und Land“ bei Konrad Fischer, Düsseldorf

Zwischen Reishaus und Gemüsebeet

Alexandra Wach
25. Januar 2012

„Stadt und Land“ mit Bernd und Hilla Becher, Matthew Buckingham, Susanne Bürner, Jan Dibbets, Chris Durham, Hans-Peter Feldmann, Andreas Gursky, Candida Höfer, Axel Hütte, Sofia Hultén, Wolfgang Laib, Richard Long, Simone Nieweg, Thomas Ruff, Gregor Schneider, Ursula Schulz-Dornburg, Thomas Struth und Petra Wunderlich – Konrad Fischer Galerie, Düsseldorf. Vom 20. Januar bis 10. März 2012

Die Spielpläne der Museen quellen dieses Jahr über von Einzelausstellungen von mehr oder weniger berühmten Abkömmlingen der Becher-Schule: Andreas Gursky im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, Thomas Ruff im Münchner Haus der Kunst oder Simone Nieweg im Josef Albers Museum in Bottrop – nur um einige zu nennen. Grund genug für die Konrad Fischer Galerie, das Wirken der Düsseldorfer Stadtheroen einmal mehr im Licht der Architektur- und Landschaftsfotografie zu beleuchten. Eine unvermeidliche Zechen-Serie von Bernd und Hilla Becher gibt im zweiten Stockwerk den Ton vor. Sie gehört zu den frühen Typologien aus den 1970er-Jahren und beinhaltet alle Wegmarken des stilbildenden Konzepts. Die Welt – eine Ansammlung von Hinterlassenschaften des menschlichen Tuns, die es in formal strengen Tableaus fern des eigentlichen Kontextes zu dokumentieren gilt. Der Rest ist die Geschichte eines Triumphzugs, dessen pekuniäre Höhenflüge bis heute den Kunstmarkt im Griff halten.

Passenderweise hängen gleich drei frühe Gurskys nebenan, zur Abwechslung im Kleinformat. Auf Breitscheidenkreuz von 1990 teilt sich eine von der Sommersonne gebleichte Wiese das Terrain mit schemenhaften Gestalten und einer die Natur domestizierenden Landstraße. Atmosphärisches bleibt ausgeblendet. Der monotone Horizont stimuliert nicht zum Sehnsuchtsseufzer eines Caspar David Friedrich. Die Zivilisation schreitet längst voran. Auf dem Panorama der Neujahrsschwimmer von 1988 ist es die Uferkulisse der Düsseldorf Altstadt, die den Part des Eindringlings in eine selbstgenügsame Landschaft übernimmt. Gursky stellt ihr das Treiben der Bewohner gegenüber. Von einer grünen Halbinsel aus nehmen sie ein Bad im Rhein. Die beiden Sphären bilden einen seltsamen Kontrast, vielleicht, weil das todesmutige Schauspiel einem prähistorischen Ritual ähnelt.

Die Abteilung Architekturfotografie kommt dagegen auffällig häufig ohne Statisten aus. Bei Candida Höfer schlägt das berüchtigte XXL-Format wieder zu. Das leere Interieur aus massiven Betonwänden entpuppt sich als das SANAA-Gebäude auf der Zeche Zollverein in Essen. Der Entwurf des Tokioter Büros zieht in seiner futuristischen Eleganz magisch an, im Gegensatz zu Thomas Ruffs aseptisch gereinigten Gebäudekomplex, der kaum zu ertragen ist, hinge nicht in der Nähe Thomas Struths Cerro Morro Solar. Ein immer noch überwältigendes Bild, das die anarchische Eroberung eines peruanischen Staubbergs durch illegal gebaute Behausungen wuchtig in Szene setzt. Simone Nieweg liegt das Pathos solcher Zeugnisse des unbedingten Überlebenswillens fern. Sie zieht die Stille und Zeitverlorenheit von Gärten an den Stadträndern vor. Die Detailfülle der im saftigen Grün getauchten Langzeitbelichtungen frönt der Augenlust. Obwohl von Menschenhand angelegt, scheint die Natur auf den unspektakulären Schäferszenerien zwischen Gemüsebeet und wild wucherndem Acker noch intakt.

Der Parcours bietet zwar keine neuen Einsichten, aber immerhin erbringt die Konfrontation mit schulfremden Gelegenheitsfotografen wie Gregor Schneider oder den Installationen von Wolfgang Laib einen reizvollen Mehrwert. Während Schneider das Medium Fotografie zur Dokumentation seines indischen Projekts It´s all Rheydt nutzt und sich dabei an der megalomanischen Ästhetik von Gursky versucht, finden sich zwei von Laibs minimalistischen Reishäusern, zu Stolperfallen aus Marmorblock und Reishügel im Raum arrangiert, in der Nachbarschaft einer erstaunlich mokanten Exkursion. Man darf sich nicht täuschen lassen von der Distanz, mit der Ursula Schulz-Dornburg ihr Sujet seziert. Die Distanz lügt. Ihre Passanten sind im Aufbruch. Nur bewegen sie sich der Umgebung angemessen langsam, wie Strandgut in Erwartung der kommenden Flut. Befestigt auf einem Stahlrohr fixiert ein Stalin-Porträt von einem verlotterten Torbogen herab die endlose Wüste. Man braucht nicht das postsowjetische Armenien besucht zu haben, um zu ahnen, dass Zeit dort nicht Geld ist. Glaubt man den streng komponierten Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem Nichts auftauchender Bushaltestellen, hat man die Strapazen der Fotografin direkt vor Augen, in einer Landschaft, die außer staubigen Böden nur endloses Warten zu bieten hat. Hier sehnen sich die Menschen nach Zivilisation, sie verheißt Aktivität und die Aussicht auf eine Zukunft.

Dass die Düsseldorferin zwischen 1997 und 2001 gleich mehrfach die Region bereiste, verwundert kaum. Keine Haltestelle gleicht der anderen. Die Architekten müssen Exzentriker gewesen sein. Ihre ausladenden Entwürfe umweht der Wunsch nach Glamour und Bombast. Funktionalität war offenbar kein bauliches Kriterium. Fahrpläne sucht man vergeblich. Nie war der Stillstand kurzweiliger als in diesen Zeugnissen utopischer Weltentrücktheit, unter den wie Papier geknitterten Schirmen aus Stahlbeton, zwischen den Eisenkapseln mit drahtigen Flügeln und tempelartigen Wellengebilden, die über gänzlich unnütze Hinterzimmer verfügen. Auf die Landflüchtigen, deren Anwesenheit die Harmonie der Proportionen stört, scheint der Geltungsdrang dieser real sozialistischen Schutzvorrichtungen keinen Eindruck zu machen. Stoisch ertragen sie ihre Verlorenheit, gesegnet mit der Geduld von Hoffenden, die auf dem Weg in die Stadt den Neuanfang herbeisehnen.


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