28. September 2011
Nüchternheit gehört bekanntlich zum guten Ton wissenschaftlichen Publizierens. Lästermäuler meinen auch, Sprödheit, rhetorische Klobigkeit und ein Mangel an gutem Stil. Dass aber ausgerechnet in harten Disziplinen wie der Physik die „Eleganz“ der Theoriekonstruktion längst als Indikator ihrer Richtigkeit gilt, wirft ein bezeichnendes Licht nicht nur auf die Elaborate naturwissenschaftlicher Provenienz. Tatsächlich spielten ästhetische Momente in der wissenschaftlichen Präsentation schon immer eine Rolle – man denke etwa an die gepflegte Diktion Sigmund Freuds, an die aufwendige Emblematik von Thomas Hobbes‘ „Leviathan“ (1651) oder die graphischen Vorarbeiten Charles Darwins zu „On the Origin of Species“ (1859), die jüngst auch Kunstgeschichtler zu interessieren begonnen haben. Doch galten sie lange allenfalls als rhetorisches oder ikonisches Beiwerk einer ansonsten metaphern- und bilderlosen, sprich: objektiven Wissenschaft. Mit dem Einsetzen des linguistic und schließlich iconic turn in den Kultur-, Medien- und Geisteswissenschaften war es aber nur eine Frage der Zeit, bis diese Haltung bröckeln sollte. Man begann zu ahnen, dass die Mittel und Medien, mit denen wir unsere Gedanken „zu Papier bringen“, ebenso an ihnen mitarbeiten wie Stil, Form und Ausdruck, die wir ihnen dabei geben.
„Theoriedesign“ heißt also das Zauberwort und die Frage lautet, wie Probleme der Gestaltung und Formgebung den wissenschaftlichen Schaffensprozess nicht nur begleiten, sondern wissentlich bestimmen. Wofür die Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe gewiss der richtige Ort ist. Und so fand unter dem Titel „Methoden des Theoriedesigns. Symposium zur Poetik der Wissenschaft.“ im Dezember 2010 dort selbst eine Tagung statt, auf der Kultur- und Geisteswissenschaftler verschiedener Fachgebiete gleichsam aus dem Nähkästchen plauderten. Sollten sie diesmal doch keine Thesen und Theorien über ihre jeweiligen Gegenstandsfelder vorstellen, sondern Thesen und Theorien darüber, wie sie zu eben diesen Thesen und Theorien gekommen waren. Womit die Katze sich einmal mehr in den Schwanz beißt. Dass Methoden des Theoriedesigns eigentlich nicht unabhängig vom thematischen Sujet verhandelt werden können, dass das Verhältnis von Form und Stoff, Methode und Inhalt kein lineares ist, pfeifen nicht erst seit dem Methodenskeptiker Nietzsche die Spatzen von allen Dächern. Gerade Geisteswissenschaftler sollten für diesen Zusammenhang von ihrer eigenen Schreibpraxis her ein Ohr haben.
Dass die ausgesuchten, eben in einer Sondernummer der Hochschulzeitschrift „Munitionsfabrik“ erschienenen, schriftlich protokollierten Beiträge des Symposiums, angereichert durch Interviews und Aufzeichnungen mündlicher Diskussionen, dennoch lesenswert sind, liegt auch daran, dass die Methodenkritik den Beiträgen zumeist schon implizit ist, abzulesen an den eher offenen Herangehensweisen, mit der die meisten die Fragestellung bearbeiteten. Dass eine vorgängige Methodenfixierung zur Praxis kultur- und geisteswissenschaftlicher Theoriebildung in Spannung treten muss, moniert etwa Christian Demand unumwunden an, ein geschmeidiges Verhältnis von methodischer Regel und thematischem Gegenstand ist auch im Beitrag von Elisabeth Bronfen spürbar.
So wäre dem Initiator der Veranstaltung, Wolfgang Ulrich, wohl zuzustimmen, wenn er eine Kultur des Sprechens über eigene Arbeit – analog beispielsweise zu den Poetikvorlesungen von Schriftstellern – auch bei Wissenschaftlern fordert. Doch die Idee, über „Methoden des Theoriedesigns“ ein schärferes wissenschaftstheoretisches Profil des Geisteswissenschaftlers im Allgemeinen gewinnen zu können, verfängt kaum. Die jeweiligen Herangehensweisen sind so speziell, dass sie sich der Standardisierung und damit der Vergleichbarkeit schlicht sperren. Auch lebt jede gute Theoriebildung nicht nur von Strategien ihrer Präsentation und Dramatisierung, sondern auch von jenen blinden Flecken, die etwas mit der eignen Lebensgeschichte des Forschers zu tun haben. Wissenschaft ist, wie jede kreative Produktivität auch, eine Leidenschaft. Und wie jede Leidenschaft bleibt ihr letzter Grund rätselhaft. Machte man damit ernst, gelangt man weniger zu Methodenfragen, sondern vielleicht zu einer neuen Praxis von Wissenschaft.
Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (Hg.): Methoden des Theoriedesigns. Zur Poetik der Wissenschaft. Mit Beiträgen von Heike Behrend, Elisabeth Bronfen, Christian Demand, Karl Schlögel, Ludger Schwarte. Sonderausgabe Munitionsfabrik, Karlsruhe 2011. 141 Seiten. [keine ISBN] EUR 10