St. Moritz Art Masters

Glücklichsein ist teuer

Jörg Scheller
2. September 2011

SAM – St. Moritz Art Masters, St. Moritz. Vom 26. August bis 4. September 2011

St. Moritz im Engadin: Da denkt man als erstes an den Jetset der Reichen und Schönen, und das seit über hundert Jahren. Dass gerade heute, wo Scheichs und Oligarchen im Luxus baden, dieser Tourismus hier keinen Aufwärtstrend mehr verzeichnet, und das bereits, seit der Schah von Persien in den 1970er-Jahren seine Vila am Suvretta-Hang bezog, überrascht. Umso weniger verwundert es, dass mal wieder die Gegenwartskunst herhalten muss, den Schickeria-Mythos wiederzubeleben: In bester Tradition Giorgio Vasaris, der einst die Toskana aufwertete, indem er ihr die höchste Geniedichte attestierte, verteilen sich seit 2008 dank der SAM – St. Moritz Art Masters die Werke namhafter Künstler locker über das schweizerische Terrain. Um Konzernchefs mit einem Hauch verruchten Glamours zu umgeben, möchte man in und um St. Moritz Kunst „an gewöhnlichen und ungewöhnlichen Orten“ zeigen, dabei wie selbstverständlich Werbung für diverse Edelmarken und Finanzdienstleister machen, die lokale Kunstszene mit der weltläufigen verquicken, die alten Sehenswürdigkeiten noch sehenswürdiger machen und auf diese Weise den größtmöglichen Kollateralnutzen generieren.

Und die Künstler machen mit: Der nicht mehr ganz so Junge Wilde Jiří Georg Dokoupil präsentiert grelle Sakralkitschverwurstungen in der St. Moritzer Dorfkirche, der cowboybestiefelte Konzeptkunst-Übervater Lawrence Weiner spricht in der Turnhalle des Dorfes Zuoz bei den „Engadin Art Talks“ über „The Metaphor“, und der adrenalingesteuerte Chinese Li Wei fliegt, an einen Helikopter gebunden, farbstreifenversprühend über den St. Moritz See. An dessen Ufer, unweit des Kempinski-Hotels, hat seine Landsfrau Jennifer Wen Ma ihre Land-Art-Intervention Germinating Thoughts verwirklicht und die Erde dergestalt mit schwarzer chinesischer Tinte getränkt, dass das nur mehr an einigen Stellen sprießende Gras die Worte „Amor Fati“ ergibt. Diesen vitalistischen Slogan, der übersetzt „Liebe zum Schicksal“ und im tieferen Sinne „schonungslose Lebensbejahung“ bedeutet, ersann einst Friedrich Nietzsche auf einem Spaziergang durch das Engadin. Wenig später wurde er verrückt. Wer wirklich Ja sagt, der sagt auch Ja zum Wahnsinn.

Stunts und Kirche, Nietzsche, Talk und Konzept: Die St. Moritz Art Masters sind der Katholik unter den Kunstfestivals. Hier geht alles zusammen – wie Spektakel und Spiritualität, Geld und Glaube, Luxus und Buße, Weihe und Wahn im römischen Imperium. Entsprechend schlüpft der Amerikaner Alejandro Diaz (Jg. 1984) in die Funktion des Hofnarren auf Zeit: Den sinnigen Neon-Schriftzug „HAPPINESS IS EXPENSIVE“ hat er vor einem Torbogen in der Altstadt von St. Moritz angebracht und davor auf einem Sockel zwei lieblos gestaltete Calvin-Büsten platziert. Jawohl, die Reformation muss hier versagen! Bloß keine Askese, bloß keine reine Lehre, es lebe der Zirkus, Luxus, Schein und Widerspruch!

Vor dem legendären Badrutt's Palace stehen folgerichtig der hoteleigene Rolls Royce Phantom und Jonathan Meeses Ufo-Skulptur Humpty Dumpty Maschine der totalen Zukunft (2009/10) traut vereint, und in der mondänen galerie gmurzynska werden anlässlich der Art Masters die, man darf's schon so sagen, geilsten Nackedeis aus tausendundeinem Pirelli-Kalender gezeigt, während in den übrigen Stockwerken Werke des Zweitliga-Pop-Künstlers und ehemaligen Warhol-Assistenten Ronnie Cutrone zu sehen sind. In der temporären „Art Lounge“ einer schweizerischen Privatbank im St. Moritzer Posthaus, wo Ziegenfelle die urigen Folklore-Hocker umspannen und äußerst schmackhafte Waldbeermuffins gereicht werden, präsentieren die powerpointenden Masterkünstler am Eröffnungstag ihre Projekte. Kurator Marc Hungerbühler spricht über die „amazing“ oder auch „strong pieces“ im gewisslich globalen Kontext, während der Herr am Nebentisch mit seiner Jaguar-Werkstatt telefoniert, weil irgendwo im Motor etwas schleife, nein, die Zylinder seien es nicht.

Am nächsten Tag dann das Gespräch (besser: zwei alternierende Monologe) zwischen dem Performancephilosophen Bazon Brock und dem Kunstdiktator Jonathan Meese im Museum Chesa Planta in Samedan, gut erreichbar mit dem Shuttleservice eines Luxusautomobilherstellers. Meeses Mutter, auf meesianisch auch „Erzmami“ genannt, ist ebenfalls anwesend. Und es muss schon mal rundheraus gesagt werden, allen professionellen Meesehassern zum Trotz: Meese ist zweifelsfrei der größte Künstler unserer Zeit, insofern er tatsächlich nur Kunst ist und sonst gar nichts. Wenn er Sätze wie „Der Mond will nur von der Sachlage belästigt werden!“ oder „Schlaf ist versachlichte Führung!“ ins hellhörige Engadin bellt, dann wird intuitiv klar, was die von ihm propagierte Diktatur der Kunst bedeutet: die Nichtung des Nichtigen durch die Nichtigkeit. Brock hat das längst durchschaut und ihre Kompatibilität mit seiner Vision einer „Ästhetik des Unterlassens“ festgestellt, weshalb er mit Vehemenz und ja, mit Recht, seine schöne These wiederholt: „Die bedeutendste Entwicklung der Müllabfuhr ist das Kunstsystem.“

Kurzum, die St. Moritz Art Masters sind ein veritables Fest, sind selbst ein Kunstwerk, präziser gesagt ein allumfassendes Gesamtkunstfest der Künstlichkeit, dessen hybrider, widersprüchlicher, komischer, trauriger, absurder, grandioser, infantiler, kritischer, kitschiger, gewitzter, trivialer, elitärer, alles mit allem verquirlender Spielplan nicht zuletzt die Biografien der beiden Hauptfiguren Monty Shadow (Initiator) und Reiner Opoku (Kurator) spiegelt. Shadow ist als ehemaliger Playboy-Fotograf, Branding- und Marketing Experte sowie schriller Event-Impresario „im Dauerverkehr zwischen Ober- und Unterwelt unterwegs“, wie Brock einmal treffend bemerkte. Opoku wiederum war Football-Spieler, Kneipier, Manager, Asien-Agent eines großen deutschen Kunstbuchverlags und Mitbegründer des Kölner Kunstkaufhauses „Kunsthaus“. Bei so viel High-Low-Durchdringung müssen sich die Art Masters also keinen Snobismus-Vorwurf gefallen lassen. Überhaupt sind alle Veranstaltungen und Ausstellungen kostenlos. Hier, und vielleicht nur hier, kann man sich das noch leisten – während andernorts jede drittklassige staatliche Kunsthalle, die sich vollmundig „öffentlich“ nennt, ihre Kunden zur Kasse bittet.


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