23. September 2005
Das Rascheln im Blätterwald ist abgeflaut. Das Feuilleton hat die vergangenen Trennungsdramen zwischen Großsammlern und Museen abgehakt. Letztere haben die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass jene „Sammler“, die eher wie Kunstspekulanten agieren, im Verborgenen schon auf die Kündigungsfrist von Leihverträgen schielen und dann zuschlagen wie Münteferingsche Heuschreckenschwärme. So musste Udo Kittelmann, Direktor des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt, tatenlos zusehen, wie der Immobilienunternehmer Dieter Bock sich im Juli 500 Kunstwerke aus dem Magazin zurückholte. Diese Scharte, die Kittelmanns Vorgänger im Amt verantwortet, hätte der MMK-Direktor gerne wieder ausgewetzt.
Liebend gern hätte Udo Kittelmann 170 Arbeiten der Sammlung Rolf Ricke erworben, von denen sich das Neue Museum Nürnberg nach Querelen mit dem Eigentümer trennt. Daraus wird nun nichts, denn höchstwahrscheinlich zieht das begehrte Konvolut ins benachbarte Ausland. Es kann als ziemlich sicher gelten, dass die Kunstmuseen St. Gallen und Vaduz sich die Sammlung Ricke brüderlich teilen werden. Friedemann Malsch, der Direktor des Kunstmuseums Liechtenstein, bestätigt ein entsprechendes Angebot. „Von Anfang an gab es die Idee, die Sammlung zu teilen und die Teile nach Liechtenstein und St. Gallen zu verkaufen“, sagt Malsch. In der Tat erscheint vor dem Hintergrund einer sinnvollen Sammlungspolitik beider Häuser diese Entscheidung als richtig. Malsch hebt die von vornherein gute Beziehung beider Museen hervor und lobt das Koalitionsmodell, das darüber hinaus einen Leihverkehr zwischen den wenige Kilometer beieinander liegenden Häusern unkompliziert gestalten würde. „Nach wie vor ist der Stand der Dinge, dass wir das Angebot, das an uns herangetragen wurde, prüfen“, so Malsch. Die beste Nachricht: Die kunsthistorisch bedeutende Sammlung wäre dem Marktkreislauf entzogen.
Was macht die Sammlung Rolf Ricke so museumswürdig? Sie enthält US-amerikanische Kunst seit den 1960er Jahren; wegweisende Größen wie Donald Judd, Richard Artschwager, Keith Sonnier oder Richard Serra sind darin vertreten. Besonderen Reiz gewinnt die Kollektion jedoch mit Rolf Rickes Engagement für Künstler, die speziell für die New Yorker Szene prägend waren, aber nicht als „major artists“ in die Kunstgeschichte eingegangen sind. Bill Bollinger oder Lee Lozano, das sind keine klingenden Namen, doch sorgen sie für besondere Zwischentöne in der Sammlung. Eine vergleichbare Kollektion gibt es nicht einmal in den USA.
Am Neuen Museum in Nürnberg herrscht Verstimmung. Nicht nur sah sich Direktor Lucius Grisebach gezwungen, einen Großteil der Sammlung verloren zu geben. Er wirft den Eignern der Ricke-Sammlung, einem selbsternannten „Konsortium privater Kunstfreunde“, Spekulationsgelüste vor. Die Sammlung des Kölners Rolf Ricke mit 198 Exponaten gehörte seit Museumsgründung zum ideellen Bestand des Museums, war aber nur geliehen, zunächst von Rolf Ricke selbst. Der verkaufte 170 der Kunstwerke im Sommer 2002 an die Cologne Art Investment Ltd. und mit diesem Konsortium bekam Grisebach im Frühjahr 2005 Ärger. In einer Art Befreiungsschlag kündigte Grisebach im Juni selbst den Vertrag mit den neuen Besitzern, in der dazugehörigen Presseerklärung hieß es, die Kollektion sei „Gegenstand eines Spekulationsgeschäftes“ geworden. Grisebach warf seinem Vertragspartner vor, schon mit anderen Museen über den Kauf der Sammlung Ricke verhandelt zu haben, bevor man zu nicht vertretbaren Bedingungen einen „kurzfristigen Kaufentscheid“ vom Nürnberger Museum gefordert habe.
Jetzt, ein Vierteljahr später, spricht Grisebach von einem „unseriösen Angebot“ (5,8 Millionen Euro in Raten bis 2007) und wirft dem Konsortium „mangelnde Glaubwürdigkeit“ vor. Dass Grisebach so scheinbar konsequent – womöglich couragiert – gekündigt und die Presse informiert hat, kann so ganz nebenbei auch als Akt aufgefasst werden, das Gesicht zu wahren. „Mir war klar“, bekennt Grisebach, „wenn wir gar nicht handeln, gelten wir als Idioten, die man in ein Spekulationsgeschäft einspannen kann.“
Wolfgang Häusler – Initiator, Anteilseigner und Sprecher des zehnköpfigen Konsortiums – weist den Spekulationsvorwurf weit von sich. „Dann hätten wir die Sammlung ja auseinandernehmen und an Auktionshäuser weitergeben können“. Angestrebt werde aber die Weitergabe an den Museumsbetrieb, ganz im Sinne des Sammlers. Dass für die Cologne Art Investment Ltd. als Zwischenhändler dennoch ein Profit herausspringen dürfte, dazu will Häusler nichts sagen.
Das Schreckensszenario sieht anders aus, wenngleich es in vielen Fällen bereits Realität geworden ist: Die Kunst, ohnehin seit langem Spielball ökonomischer Interessen, wird für ein paar Jahre im Museum zwischengelagert, respektive „durchlauferhitzt“, um dann satte Renditen zu erzielen. Die Entwicklung geht hin zu einer weit- und immer weitergehenden Privatisierung künstlerischer Produktion, wobei die Besitzer – soll man sie wirklich Sammler nennen? – der Öffentlichkeit ab und an eine „triumphalistische Ausstellung des privaten Besitzes“ gönnen, wie Georg Seeßlen es mit Seitenblick auf Friedrich Christian Flick formulierte. Und eben da hinkt ein Vergleich mit der Ricke-Sammlung.
Schauen wir uns den Sammler an: Rolf Ricke hat sich vertraglich zusichern lassen, dass seine Sammlung keineswegs portionsweise auf dem Kunstmarkt landet, sondern dauerhaft in ein Museum einkehrt. Auch um Profitmaximierung seines Privatschatzes scheint es ihm nie gegangen zu sein. Verkauft hat der siebzigjährige Ex-Galerist das Konvolut aus Gründen der Alterssicherung. Obwohl das Programm des ehemaligen Galeristen Ricke natürlich mit den Vorlieben des Sammlers Ricke übereinstimmte, gibt er an, privat gekaufte Arbeiten nur in Notfällen, „wenn das Geschäft sehr schlecht lief“, in der Galerie verkauft zu haben. Ein oder zwei Mal sei das vorgekommen. Und: „Nie habe ich die Kunst aus spekulativen Gründen ‚zusammengekauft’, sondern ich habe die Werke in 25 Jahren zusammengetragen“, formuliert Ricke.
Eigentlich habe er sich nicht als Sammler betrachtet, bis sein Freund Lucius Grisebach eines Abends bei ihm zuhause gewesen sei – „Das muss so 1986/87 gewesen sein…“ – und, fasziniert von den Arbeiten, ihn zu einer teilweisen Ausstellung überredet habe. 1993 präsentierte Grisebach, damals noch Leiter der städtischen Kunsthalle Nürnberg, Arbeiten von Gary Kuehn und Thom Merrick aus Rickes Besitz. Mit dieser Ausstellung Aus der Sammlung sollte laut Grisebach vor allem die Sammlung eines künftigen Nürnberger Museums „skizziert“ werden. Seit er im Jahr 2000 als Direktor in das frisch gebaute Neue Museum einzog, wurden die Leihgaben von Ricke zum Gründungsbestand des Hauses gezählt. Obwohl zwischen ihm und Grisebach zurzeit Funkstille herrscht, bestreitet Rolf Ricke nicht, dass dem Nürnberger Direktor das Verdienst gebührt, das Ergebnis seiner Kunstleidenschaft als Sammlung etabliert zu haben.
Ricke betont allerdings, dass Nürnberg am Ende der Investoren-Affäre nicht unbedingt leer ausgehen müsste. Immerhin habe er mit Nürnberg noch einen gesonderten Vertrag geschlossen, der bis zu Grisebachs Pensionierung läuft. Etwa 30 der 198 Dauerleihgaben verbleiben also mindestens bis 2007 im Neuen Museum. Warum Lucius Grisebach unter den Teppich kehrt, dass er mit dem Konsortium einen Vertrag über drei Jahre, mit Ricke selbst aber einen Vertrag über fünf Jahre unterzeichnet hat, ist unklar. Hat er schon 2002 zumindest geahnt, dass der Freistaat Bayern einem Kauf der integralen Sammlung nicht zustimmen würde? Hat er alles auf die Karte des kleineren Sammlungsteils gesetzt?
Warum hat Grisebach einem nach drei Jahren kündbaren Vertrag zugestimmt, ausgerechnet mit einem auf Verkauf abzielenden Konsortium, einem Vertrag, der lediglich eine Option auf Verlängerung enthielt? „Man hat uns im Glauben gelassen, es ginge um eine achtjährige Frist“, verteidigt sich Grisebach – muss aber zugeben, dass es so nicht im Leihvertrag steht. Wolfgang Häusler kontert: „Weder uns noch Rolf Ricke gegenüber hat Lucius Grisebach jemals ein Kaufinteresse signalisiert. Natürlich muss ein solcher Ankauf langfristig geplant werden. Man muss wohl Grisebachs unternehmerische Fähigkeiten in Frage stellen.“
Dass Häusler die Ricke-Sammlung nur aus unternehmerischer Perspektive sieht, lässt sich daraus nicht unbedingt herleiten. Wolfgang Häusler, der eine Kulturmanagement-Firma in München leitet, sieht sich nicht als Investor, sondern eher als Bewahrer des Erbes von Rolf Ricke. Wie sich die Bilder gleichen: Wie Grisebach zehn Jahre zuvor, so erzählt Rolf Ricke, saß auch Häusler irgendwann Mitte der 90er Jahre bei ihm zuhause und zeigte sich beeindruckt von der Intensität der Sammlung. Häusler habe ihn nach und nach von dem Modell einer Kapitalgesellschaft („Limited“) überzeugt, das den Zusammenhalt der Sammlung garantieren könne. Ricke gibt an, er habe nach langer Bedenkzeit zu einem Festpreis verkauft. Ob er sein Geld schon erhalten hat oder ob seitens der Cologne Art Investment Ltd. noch Raten ausstehen, möchte er nicht sagen.
Wer in diesem Spiel welche Hintergedanken und welche Hoffnungen hegt, ist nicht auszumachen, zumal die Kommunikation zwischen einigen Akteuren empfindlich gestört ist. Unterbelichtet bleiben die Intentionen der (neben Häusler) neun Anteilseigner im Konsortium. Es ist nicht auszuschließen, dass in Häuslers Kreis neben Kunstfreunden auch Investoren mit handfesten Gewinnabsichten sitzen. Gerüchte machen die Runde, Häusler habe Grisebach im Mai auch deswegen unter Druck gesetzt, weil Mitglieder der Kapitalgesellschaft auf einen gewinnbringenden Verkauf drängten. Bleibt die Dynamik des Kapitalmarktes wirklich ganz außen vor in diesem Spiel? Wie wird Ricke reagieren, wenn das Konsortium seine Sammlung noch in diesem Jahr mit kräftigem Zugewinn verkauft?
So ganz glücklich über den sich anbahnenden Verkauf seiner Sammlung dürfte Rolf Ricke ohnehin nicht sein. Er hat stets betont, dass eine Teilung für ihn nicht in Frage kommt. In diesem Punkt war (oder ist) sicherlich Häuslers Überredungskunst gefordert. Es erscheint aber unwahrscheinlich, dass sich der Kulturmanager mit dem Sammler überwerfen könnte – Häusler wird nicht seinen guten Ruf in Fachkreisen aufs Spiel setzen. Ob Ricke mit seinem von Häusler viel beschworenen „Mitspracherecht“ eine Spaltung der Sammlung in zwei Teile mit juristischen Mitteln anfechten würde, ist ohnehin fraglich. Gesetzt den Fall, Ricke würde gegen die Kapitalgesellschaft klagen wollen, müsste er vor ein irisches Gericht ziehen. Der Firmensitz der Cologne Art Investment Ltd. ist in Dublin.
Eins steht für Rolf Ricke fest: Er wird, „wenn der Sturm sich gelegt hat“, zu seinem alten Freund Lucius Grisebach nach Nürnberg fahren und mit ihm über die Zukunft der verbliebenen 30 Arbeiten sprechen. Dann könnte Grisebach, was den Verbleib der Ricke-Sammlung angeht, 2007 mit einem Trostpreis in Rente gehen. Während Udo Kittelmann in Frankfurt leer ausgeht, stehen – wenn die Finanzierung klappt – die Direktoren Friedemann Malsch (Vaduz) und Roland Wäspe (St.Gallen) als lachende „Erben“ da. Zu den pikanten Details im Vorfeld der Verkaufsverhandlungen gehört, dass von Februar bis Mai 2005 einige Leihgaben aus Nürnberg in St. Gallen gastierten. Dialoge mit der Sammlung Ricke nannte man das und demonstrierte, wie gut die Ricke-Exponate zu Arbeiten aus der heimischen Sammlung passen. Haupttitel der Ausstellung: „Sweet Temptations“…
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