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„Spectrums of Light“ in der Temporary Gallery, Köln

Vom Unbehagen an der Farbe

Alexandra Wach
9. August 2011

„Spectrums of Light“ mit Lene Berg, Runa Islam, Ursula Mayer, Monique Moumblow, Pablo Pijnappel, Ben Rivers, Margaret Salmon – Temporary Gallery, Köln. Vom 30. Juli bis 3. September 2011

Auf die Dauer müssen sie einem doch fehlen, die Farben. Die Kölner Temporary Gallery hat ihnen kurzerhand Hausverbot erteilt. Sie ist zurückgekehrt an den Anfang, als der Film den Anschein erweckte, das Leben sei nur im noblen Schwarz-Weiß zu ertragen. Zwischen Licht und Finsternis lose wechselnder Dunkelkammern gilt es auch, den Parcours aus sechs Kunstfilmen und einer Diainstallation zu bewältigen. Der in Berlin lebende Pablo Pijnappel erleichtert gleich am Eingang mit seinen sanft dahin gleitenden 80 Standbildern den Einstieg. Der Titel Fontenay-aux-Roses bezieht sich auf den Geburtsort des Brasilianers, der in der Nähe von Paris seine Kindheit verbrachte. Chris Markers schwarz-weißer Fotoroman La Jetée hat deutliche Spuren in seinem autobiografischen Erinnerungsreigen hinterlassen. Bilder zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschränken sich, begleitet von einer in sich gekehrten Erzählerstimme, zu hell blitzenden Splittern einer Stadttopografie, die beim Flanieren in die eigene Familiengeschichte führt. Die Pariser Recherche wird übertönt von der Magie des Moments, durch das Spiel mit den Polaritäten, den Wechsel von Tag und Nacht. Aber weshalb beschränkt sich ein junger Gegenwartskünstler auf Schwarz-Weiß und zieht eine künstliche Versuchsanordnung der mimetisch klaren Wahrheit vor? Offenbar ließ das Paradox die Kuratorin Regina Barunke nicht mehr los und animierte sie zu dem Wortspiel mit „Spectres“, den Schrecken verbreitenden Gespenstern, die in alten Horrorfilmen geistern oder im klassischen Film Noir urbane Räume in Psychofallen verwandeln und so erst dafür sorgen, dass die Grenze zwischen Fiktion und Realität brüchig wird. Und siehe da, das Spektrum künstlerischer Strategien, die das Unbehagen an der Herrschaft der Farben ausdrücken, ist heute wieder groß genug, um nicht nur eine spannungsreiche Ausstellung, sondern gleich ein wöchentlich wechselndes Filmprogramm unter dem Titel „Screening Room: Cologne“ zu bestücken, deren Bandbreite von Anthony McCall bis Cyprien Gaillard reicht.

Zu entdecken in den labyrinthisch durch Holzwände unterteilten Räumen der Galerie gibt es indes allerlei minimalistische Befragungen des Zelluloids. Sei es das mit mikroskopischer Schärfe gefilmte Landleben einer schottischen Familie in Ben Rivers Film Ah, Liberty!. Der schwärmerische Titel ist Programm, denn ihm geht es um nichts weniger, als die Verweigerung in einem selbst gewählten Niemandsland fern der Gesellschaft. Die subversive Haltung gilt nicht nur für seine Protagonisten. Rivers filmt mit einer 40 Jahre alten Kamera, nimmt den Ton selbst auf und mischt alles in seiner Küche. Das Ergebnis sind archaisch anmutende Bilder, deren Rohheit und Uneindeutigkeit nicht zuletzt der bewussten Entscheidung für Schwarz-Weiß als Stilmittel zu verdanken sind. Im Takt des Undergrounds atmet auch die in Deutschland zum ersten Mal gezeigte Arbeit der in London lebenden Bangladeshi Runa Islam. This much is Uncertain widmet sich dem breiten Feld der Verunsicherung, die der Wahrnehmung von Dingen innewohnt. Der vierminütige 16mm-Film verknüpft auf zerkratztem Schwarzweißmaterial silbern oszillierende Bilder der Vulkaninsel Stromboli zu einer abstrakten Vision, die beide Ebenen, die Landschaft und den Film, ineinander greifen lässt. Last Hours of Ancient Sunlight, eine Doppelprojektion von Ursula Mayer, tritt eine nostalgische Reise in die 1960er-Jahre an. Schwarz-Weiß dominiert, weicht aber gelegentlich einem ausdrucksstarken Rot. Der linke Teil verharrt auf einem römischen Wandrelief mit dem Abbild der mythologischen Frauenfigur der Medea. Rechts erzählen Tänzer in antiquiert wirkenden Kostümen das Drama um die Kindsmörderin nach und bewegen sich im Gestus der Modern Dance Heroen einer Martha Graham oder Merce Cunningham. Mayer lässt zwei Zeitläufe der Geschichte synchron zueinander verlaufen, fremde Quellen in einen einzigen Bilderstrom münden – und hebt dabei auf wundersame Weise jegliches Gefühl für die Gegenwart auf. Die statische Kameraführung in Shaving the Baroness zielt auf den gleichen Effekt ab. Die Norwegerin Lene Berg steuert zweifellos die anziehendste Rückprojektion bei. Ihre Hommage an die Pariser Zeit von Man Ray und Marcel Duchamp fokussiert den vor einem schwarzen Hintergrund hell erleuchteten Körper einer über 40-jährigen mit Bubikopf, die von einem blonden Friseur im Frack ihre Schamhaare rasiert bekommt. Bei der titelgebenden Baroness handelt es sich um Elsa von Freytag-Loringhoven, Dadaistin, exzentrische Muse und Darstellerin in einem gemeinsamen Film von Ray und Duchamp. Berg rekonstruiert eine der zwei erhaltenen Szenen mit sichtlichem Vergnügen am Charme des Verborgenen und der scharf konturierten Ästhetik des Stummfilms. Man teilt es gerne mit ihr und hadert anschließend, entlassen auf die Straße, mit der Übermacht von Violett und Gelb, schamlos geschwätzigen Unruhestiftern, die man gerne vom Empfang nehmen möchte. Ein Wunsch, der dank des jeden Mittwoch Refugium bietenden Filmprogramms nicht unerfüllt bleiben dürfte. Denn wer einmal die Schönheit von Schwarzweiß lieben gelernt hat, möchte sie nicht mehr missen.


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