8. April 2008
„Re-Imagining Asia“ im Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Vom 13. März bis zum 18. Mai 2008 „Wer gewesen ist, kann von nun an nicht mehr nicht gewesen sein. Diese geheimnisvolle und unergründliche Tatsache, gewesen zu sein, ist nun mehr seine Wegzehrung für die Ewigkeit.“
Vladimir Jankelevitch
Wer zurzeit im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) das Foyer betritt, sieht sich einer raumgreifenden künstlerischen Arbeit gegenüber, die den Raum beherrscht wie zuvor kaum je eine Arbeit dort: Ein riesiges Meer von in die Horizontale gespülten Objekten und Alltagsdingen flutet um das Gerippe eines kleinen, alten Holzwohnhauses Pekingscher Prägung und bricht sich an großen hölzernen Transportkisten und langen Reihen alter Holzstühle. Alle Dinge sind in Massen vorhanden und säuberlich aufgereiht – Kleider aller Art, nach Sorten geordnet, Schuhe, Zahnpasten, Medikamente, Koffer, Taschen, Verpackungsmaterialien, Magazine, Metall- und Holzgeräte, Blumentöpfe, Holzstützen, die Reste abgerissener und verlassener Häuser und noch vieles mehr. Eine Geschichte der Alltagskultur in China ist vor uns ausgebreitet. Es handelt sich um die Anhäufung mehrerer eigener Hausstände, über 50 Jahre gesammelt und neu geordnet von Zhao Xiangyuan, der Mutter des chinesischen Künstlers Song Dong. Gemeinsam mit Helfern haben Mutter und Sohn zwei Wochen lang intensiv an der Realisierung dieser Installation mit dem Titel Waste Not (Wu jin qi yong) gearbeitet.
Song Dong kommentiert: „Meine Mutter bewahrte schon als junge Frau alle möglichen Dinge des Alltags auf. Die Alten hoben in Peking überhaupt alles auf. Aus Sparsamkeit und aus Vorsorge auf Grund von Erfahrungen wollten sie nichts wegwerfen. Der geschlossene klassische Wohnhof (Siheyuan), in dem immer mehrere Familien wohnten, eignete sich sehr gut dazu, da dort Abstellräume vorhanden waren. Es gab im Kiez damals eine richtige Kramladenkultur. Nach Aufgabe der öffentlichen Tunnelbauten, die in der Kulturrevolution zum Schutz gegen Aggressoren von Außen angelegt worden waren, nutzten einige Bewohner Pekings diese ebenfalls, um Dinge aufzubewahren. Mit den sich ständig beschleunigenden Veränderungen verschärft sich auch der Generationenkonflikt. Der Graben ist manchmal so tief, dass Kommunikation unmöglich wird. Die Alten verlieren mit ihren Wohnungen das soziale Netz eines Kiezes; bei einem Umzug in Hochhäuser mit 50 bis 100 Familien geht jede Bindung für sie verloren.“
Für den Künstler hat dieses soziale Phänomen auch eine sehr private Bedeutung angenommen: „Nach dem Tode meines Vaters im August 2002 begann meine Mutter, die bisherige Ordnung der Wohnung durch unkoordinierte Verteilung gesammelter Dinge aufzulösen, wie um einen leer gewordenen Raum zu füllen. Oft mit Dingen, die ich weggeworfen hätte. Sie wollte damit den Tod ihres Mannes kompensieren.“ Es gelang Song Dong, seine Mutter zu einem Besuch bei Verwandten in Chengdu in der Provinz Sichuan zu überreden, damit sie sich erholen könne. „Während des einmonatigen Aufenthaltes in Chengdu haben meine Schwester und ich aufgeräumt“, erzählt Song Dong weiter, „und dabei natürlich auch einige Sachen weggeworfen. Als meine Mutter zurückkehrte, dachten wir zunächst, sie sei erholt und die Situation besser. Es gab jedoch einen riesigen Streit, weil wir Sachen in ihrer Abwesenheit weggeworfen hatten. Ich merkte, dass ich mich jetzt meiner Mutter anpassen und mich fragen musste, was sie wieder glücklich machen würde. Im Chinesischen sagt man ‚mit dem Fluss schwimmen‘, aus Pietät zur Mutter. Es musste eine Lösung her: Ich schlug vor, die ganze Geschichte in eine Aktion zu verwandeln, damit meine Mutter aus ihrer Schwermut heraus und wieder unter die Leute käme. Zuerst war sie nicht so ganz einverstanden, ihre privaten Dinge nach außen zu tragen. Als ich ihr jedoch sagte, dass es ja auch meiner Kunst diene, stimmte sie zu.“
Über 3 Jahre zogen sich die Vorbereitungen zur Ausstellung hin, die 2005 in der Tokyo-Galerie in Peking stattfand. 2006 präsentierte Zhao Xiangyuan, die sich nicht als Künstlerin sieht und sich auch Kaufofferten verschließt, Teile ihrer Hausratssammlung in Korea auf der Gwangju Biennale. Währenddessen gab es immer wieder Umzüge innerhalb von Peking, Teile der alten abgerissenen Wohnungen wurden aufbewahrt. So dient die Kunst Song Dong und seiner Mutter dazu, ihr eigenes Schicksal zu bewältigen. Waste Not löst beim Betrachter eine Vielzahl von Erinnerungen und Gefühlen aus: Erinnerungen an die eigene Jugend, an schwierige Zeiten, Assoziationen an die Situation in anderen Ländern. Sie zwingt zur Reflexion über die Wegwerfgesellschaft. Daneben faszinieren individuelle Gegenstände wie z.B. verschiedene Styroporschalen durch ihre Absurdität, wieder andere durch ihre durch ihr Charisma wie eine Sojamühle aus Stein. Und zu fast allen Dingen kennt die Mutter die dazugehörige Geschichte.
Im Vergleich mit dem heutigen Peking wirkt die Arbeit wie ein gewaltiger melancholisch-poetischer Abgesang auf längst vergangene Zeiten. Zugleich verweist sie auf die ungeheuren Entwicklungen, die sich in Peking in nur wenigen Jahrzehnten abgespielt haben und zeigt dadurch auch kritisches Potential. Immerhin ist es nun seit zwei Jahren verboten, innerhalb des zweiten Ringes (gemeint sind hier die inneren zwei von sechs Stadtringautobahnen) alte Häuser abzureißen. Es gilt die Auflage, das neue Haus nach der alten Form zu bauen. Auch weisen Radiosendungen auf verlorene architektonische Kleinodien hin, um einen Bewusstseinswandel zu erreichen. Leider kommen diese Bemühungen zu spät. Das Gesicht Pekings ist bereits unwiederbringlich zerstört.
Song Dong, 1966 in Peking geboren, hegt tiefe Gefühle für seine Heimatstadt. Seit über 40 Jahren ist er mit seiner Partnerin, der Künstlerin Yin Xiuzhen, und seiner Familie im Zentrum der Stadt ansässig. In Form mehrerer Umzüge haben sie selbst intensiv die Veränderungen und immer stärker in das Stadtbild und das persönliche Leben der Bewohner einschneidenden Eingriffe der unheilvollen Allianz von ignoranter Macht und Geld miterlebt. Aber noch immer leben sie in einem der wenigen Hofhäuser und wollen es nicht verlassen. Song gehört nicht zu den lauten chinesischen Erfolgskünstlern. Er ist auch keinem Künstlerzirkel zugehörig. Man möchte ihn eher als ruhigen und zurückhaltenden Individualisten beschreiben. Oft sind seine Werke konzeptuell sperrig, in daoistischem Sinne aber subversiv und dabei geistig meditativ. Mit seinen Videos, Performances, Fotografien und Installationen ist er im Ausland und in großen Sammlungen erstaunlich präsent. Auch in Berlin war er schon mehrere Male zu Gast, sei es im Hamburger Bahnhof im Jahr 2000 oder als Teilnehmer verschiedener Ausstellungsprojekte des Hauses der Kulturen der Welt, allesamt unter der Ägide des Chicagoer Kurators Wu Hong.
Wenn man sich verschiedene Installationen, Videos und Performances von Song Dong ansieht, so stellt man fest, dass sie um drei große Themenkomplexe kreisen: künstlerische Ästhetik und Philosophie, Gesellschaft und Familie. Dabei spielen Zeitstrukturen und die Transzendenz von Entstehen und Vergehen eine wesentliche Rolle. Seine Arbeit Mit Wasser Tagebuch schreiben (1995 bis heute) zeigt die Ambivalenz von Dasein und Verschwinden, Existenz und Nichtexistenz. Der Künstler schreibt seit 1995 nahezu jeden Tag Einträge mit Wasser mittels eines Pinsels oder der Finger auf einen Stein; eine Art Tagebuch, das der Künstler auch als Lexikon bezeichnet. Die eigene Geschichte fließt in den Stein, um in kurzer Zeit völlig zu verschwinden. Es ist eine Inszenierung des Verschwindens. Dazu sagt Song Dong: „Dieses Werk ist Teil meines Lebens. Der Stein ist zu 100 Prozent Teil meines Selbst. Die Erinnerung wird durch das Schreiben gelöscht, ein Teil aber bleibt in anderer Form erhalten.“ Dabei wäre es falsch, von purer Prozessualität und Praxis zu sprechen: „Es geht hier um eine Haltung.“
Dies belegen auch die beiden Fotografien Breathing (1996). Diese Dokumente einer nicht öffentlichen Aktion zeigen den Künstler zweimal auf dem Bauch liegend – einmal auf dem Tian’anmen-Platz und einmal nördlich des Kaiserpalastes auf dem zugefrorenen Houhai-See. Während der Aktion blies er bei Minusgraden über 40 Minuten lang den Boden an: Während sich am Tian’anmen-Platz kurz eine kleine Eisschicht bildete, veränderte sich am Houhai-See die Oberfläche nicht.
Die Installation von Song Dong und seiner Mutter im HKW ist nicht nur eine der herausragenden Arbeiten der Ausstellung „Re-Imagining Asia“, sondern ebenso die Arbeit eines herausragenden Künstlers, dessen Werk in Europa mit diesem Ausstellungsort verknüpft ist. Zwar entpuppt sich der kuratorische Anspruch, einen neuen Blick auf ganz Asien zu richten, als reine Hybris, die nicht nur die Ausstellung rettungslos überfordert, sondern auch ihre Besucher. Song Dongs Werk ist jedoch nicht die einzige bravouröse Arbeit auf diesem Parcours. So gelingt etwa Michael Joo mit Bodhi Obfuscatus (Space baby), 2007-08, eine Transformation des Buddha-Klischees in die eigene künstlerische Formensprache. Shen Shaomin errichtet mit Project No.1, 2006/07 das große, zweiteilige Holzmodell eines prominenten Gebäudes am Tian’anmen-Platz mit imaginierten Geheimräumen, aus denen Soldaten herauseilen. Es hat in seiner Mischung aus ästhetischem Reiz und politischer Bedrohung eine erstaunliche Aktualität. Kim YongkusMobile Landscape hingegen ist eine beeindruckende poetische Wiedererfindung der Landschaftsmalerei im Zusammenspiel von Material und Medien.
Leider verfehlt die Auswahl der deutschen Dialogpartner in dieser Schau das Thema. Von Andreas Gursky wird eine große Fotografie der Börse in Kuweit gezeigt, wie er sie auch für andere Orte der Welt hergestellt hat. Die Arbeit hat die übliche Gurskysche Qualität, trägt aber gar nichts Spezifisches zum Blick auf Asien bei und bleibt damit blass. Und ist die Zeichnung von Johannes Kahrs mehr als ein Lockmittel für das an europäische Namen gewöhnte Publikum, wenn sich laut Kataloginterview bloß ein unbestimmtes „in einen anderen Zusammenhang hängen und dann doch funktionieren“ als künstlerische Intention beschreiben lässt? Es gäbe zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, die sich mit dem Thema „Asien“ auseinandersetzen und einen tatsächlichen Dialog führen würden. In dieser Ausstellung bleibt er aus.
Wie immer man aber diese Schwächen des Konzepts und den weltumspannenden Anspruch des Projekts zueinander in Beziehung setzt: Das große, parallel laufende Angebot in den anderen Sparten Film, Tanz und Literatur sowie in den Diskussionsforen stellt – so bemerkte der Kurator Wu Hong in seiner Einführung treffend – das eigentliche Plus des Ausstellungsortes dar und bietet eine ungeheuere Erweiterung von Wahrnehmungsmöglichkeiten zum Thema Asien. Damit macht es das HKW in seiner Art zu einer nahezu singulären Erscheinung. Wenn Song Dong also in einer nachdenklichen, randständigen Position in Berlin als herausragendes Phänomen der häufig so verzerrt wahrgenommenen chinesischen Gegenwartskunst sichtbar wird, muss man die institutionellen Bedingungen dieser Kunst mitdenken. Der Künstler und seine manchmal unterschwelligen, manchmal Zeitbegriffe strapazierenden Arbeiten ist auf den einerseits kontextualisierenden, andererseits Autonomie wahrenden Ausstellungszusammenhang angewiesen. So gesehen zeigt die Ausstellung in Berlin nicht nur Song Dong, sondern auch eine Ausstellungssituation, die sich mancherorts in China gewinnbringend reimportieren ließe.