7. Juli 2008
„Zeichen im Wandel der Zeit. Chinesische Tuschemalerei der Gegenwart“, Sonderausstellungshalle der Museen Dahlem, Berlin & Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden. Vom 27. bzw. 28. Juni bis 14. September 2008In Dahlem, dem Standort des Berliner Museums fürAsiatische Kunst sind Ende Juni zwei Ausstellungen zeitgenössischer chinesischer Kunst eröffnet worden. Die größere mit dem Titel „Zeichen im Wandel der Zeit. Chinesische Tuschemalerei der Gegenwart“ ist die eine Hälfte einer Sonderausstellung, deren anderer Teil unter gleichem Namen in Dresden gezeigt wird. Insgesamt ist sie wiederum Teil einer ganzen Reihe von Veranstaltungen im Jahr des deutsch-chinesischen Kulturaustausches und in diesem Rahmen von den Generaldirektionen der Staatlichen Museen zu Berlin und der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Verbund mit dem Pekinger Nationalmuseum organisiert worden. In Berlin ist die figürliche Tuschemalerei (Menschen und urbane Umwelt) zu besichtigen, in Dresden wurde fast zeitgleich die Landschaftsmalerei eröffnet.
Das Entree im Vorraum der Dahlemer Sonderausstellungshalle in Berlin lässt sich großzügig an: Eine verlockende Kalligrafie sowie Chen Shaohuas Video von Tuscheschwaden in Wasser auf den Eingangstüren zur Ausstellung versprechen ebenso wie die Verlautbarungen der Direktoren Peter-Klaus Schuster, Martin Roth und Fan Di’an ein höchst spannendes Projekt. Ohne falsche Bescheidenheit wird die Ausstellung als ein kühnes Vorhaben bezeichnet, welches kein geringeres Ziel verfolge, als dem deutschen Publikum „eine hierzulande eher unbekannte Form der so begehrten zeitgenössischen chinesischen Kunst in umfassender Weise nahe zu bringen“. Zu diesem Zweck wird die Ausstellung nicht allein in Berlin, sondern auch in Dresden als ehrgeiziges Doppelprojekt an zwei Standorten gezeigt.
Von welchem Begehren gegenüber der chinesischen Kunst ist dabei aber erst einmal die Rede? Dass die chinesische Tuschemalerei bislang am Hype um die chinesische Gegenwartskunst beteiligt wäre, wird niemand behaupten. Wer angesichts der forschen These auf Entdeckungen hofft, wird eine ernüchternde Erfahrung machen. Obwohl viele der gezeigten Arbeiten in den letzten Jahren entstanden sind, glaubt man sich rasch in eine offizielle staatliche chinesische Ausstellung der 1980er Jahre versetzt. Es handelt sich heute wie damals um technisch zumeist qualitätvolle, jedoch wenig inspirierte Tuschemalereien. Viele der gezeigten Positionen wurden in den 1980er Jahren entwickelt, als sich die in der Kulturrevolution verbotene Tuschemalerei neu formierte und erst einmal wieder zu sich finden musste, ohne sich von den ästhetischen Vorstellungen der Partei allzu weit zu entfernen. Es sind gefällige Arbeiten wie zum Beispiel die Tierkörper von Chao Hai und die eigenwilligen Individuen von Zhou Jingxin oder die schön durchleuchteten Arbeiten von Tian Liming. Sie bleiben aber einer alten Zeit verhaftet. Manche Malereien sind technisch sehr ausgereift wie die von Xu Lei. Bedauerlicherweise sind aber auch von Altmeister Wu Guanzhong nur eher schwache Arbeiten zu sehen wie Großstadt bei Nacht, in der die Farbe belanglos aufgesetzt wirkt. Andere Werke wirken in ihrer Art geradezu peinlich – so etwa Zhang Jiangzhous Darstellung von Minderheiten – oder sie überschreiten die Grenze zum Kitsch (Liu Qinghe), zur dekorativen Leere (Peng Wei) oder zur unausgereiften Allerweltsposition (Li Xiaoxuan). Aktskizzen wie die von Lin Xi kann man in China in großer Zahl in den unterschiedlichsten Akademien finden.
Leider also zeigt die Ausstellung gerade nicht, wozu chinesische Gegenwartskunst auch im Genre der Tuschemalerei zurzeit wirklich in der Lage ist. In keiner Weise verdient diese altbackene Ausstellung das Prädikat „kühn“ oder „experimentell“. In den Räumen der staatlichen Museen in Dahlem herrscht eine unübersehbar politisch-konservative Haltung vor, die eine Vielzahl von unterschiedlichen Ansätzen und Experimenten, wie sie beispielsweise auf der sehr renommierten Shenzhen-Biennale seit 10 Jahren gezeigt werden, offensichtlich weitgehend ausschließt. Vergeblich sucht man nach irgendeinem weiteren Raum, der vielleicht in die Gegenwart hineinführen und Positionen zeigen würde, wie sie in den letzten 15 Jahren in China erarbeitet worden sind. Es gibt ihn nicht. So bleibt nur das angesichts der hochtrabenden Proklamationen erschütternde Fazit: Hier wird wirkliche Gegenwartskunst gar nicht gezeigt. Das wirkt doppelt blamabel, wenn das Projekt mit der in China stattfindenden Gegenausstellung verglichen wird, die als Partnerprojekt und Äquivalent der Berliner und Dresdener Aktivitäten verstanden werden soll. Mit den Werken Gerhard Richters oder einer Landschaftsausstellung mit Werken von Caspar David Friedrich bis Neo Rauch hat das Niveau der nach Deutschland importierten Schau absolut gar nichts zu tun.
Man mag also kaum glauben, dass – wie die Einführungstafeln bekannt geben – die Ausstellung „Frucht einer langjährigen und intensiven Zusammenarbeit zwischen deutschen und chinesischen Kulturinstitutionen“ ist. Man muss es aber auch nicht glauben, da dann die ausgewiesenen Experten aus dem Museum für Asiatische Kunst in Berlin-Dahlem Einfluss auf die Auswahl hätten nehmen müssen. Tatsächlich hatte aber das Museum für Asiatische Kunst an der Genese und den Verhandlungen zu dieser Ausstellung gar keinen Anteil und konnte daher auch ihre Standpunkte und Wünsche nicht formulieren. Stattdessen hat hier die Führung eines immer weniger seiner klassischen Museumsaufgabe entsprechenden Kulturbetriebs das aktuelle Angebot zur „Chefsache“ gemacht – mit erkennbar schlimmen Folgen, die nicht nur in Berlin und Dresden Anlass zu einer überfälligen Qualitätsdebatte geben sollten – wie auch das jüngste Beispiel der aufgeflogenen Ausstellung mit gefälschten Terrakotta -Armeefiguren in einem Hamburger Museum zeigt.
Im hiesigen Fall war es Peter-Klaus Schuster, der unvorbelastet von fachlichen Ratschlägen mit der neuen Kunst-Supermacht China verhandelte und nach Hause brachte, was bei der chinesischen Kulturpolitik zu haben war. Der angerichtete Schaden ist enorm: Die Fachkräfte des Museums, allen voran der Direktor des Museums für Asiatische Kunst, sind düpiert. Zudem kann das Museum, das ohnehin mit einem minimalen Budget auskommen muss, sich in absehbarer Zeit keine weitere Tuscheausstellung leisten. Eine Chance ist vertan und wer Bedarf an kulturpolitischen Pointen hat, könnte das Zustandekommen der Ausstellung in den Staatlichen Museen fast schon chinesisch nennen. Irgendwie hatte man sich Kulturaustausch anders vorgestellt.
Zur institutionellen Humoreske wird dieses Debakel, das auch nicht von der tendenziell besser bestückten Dresdener Ausstellung gerettet wird, die vom höheren Niveau der Landschaftsmalerei profitiert, wenn man die Räume der gescheiterten Staatsausstellung in Berlin verlässt. Man stößt dann nämlich auf einen mit Stellwänden improvisierten „Raum für neue Kunst“, der von Zeit zu Zeit vom Museum für Asiatische Kunst inszeniert wird, um den jeweiligen Sonderausstellungen Bezüge mit zeitgenössischen Positionen zur Seite zu stellen. Diesmal werden dort drei verschiedene Künstler gezeigt: Chen Guangwu arbeitet ebenfalls mit Tusche und Pinsel und entwickelt aus der chinesischen Kalligrafie heraus seine übereinander geschriebenen, nicht mehr lesbaren ornamentalen Muster. Diese sind sehr konzentriert geschrieben und vermitteln ein großes Gefühl der Tiefe und Abgeschlossenheit – sofern man sich darauf einlassen will. Liu Wentao arbeitet ebenfalls mit dem Primat der Linie, allerdings mit Bleistift. Seine übereinander verschränkten Strichlagen auf Leinwand ergeben dreidimensionale Objekte. Die Arbeiten wirken sehr gesetzt; etwas mehr experimentelle Frische täte gut. In der Mitte befindet sich ein Feld mit 15.000 kleinen, auf dünnen Stäben aufgesetzten Köpfen von Fang Lijun, die in 58 Variationen das Thema Mensch, Individuum und Masse thematisieren.
Diese kleine, mit farbigen Hintergründen gestaltete Schau besteht zum Großteil aus Leihgaben der Alexander Ochs Galerie in Berlin und aus der Sammlung Sigg. Dem Vernehmen nach hat das Projekt, das nicht anders denn als unfreiwilliger Kommentar zur gescheiterten Hauptausstellung verstanden werden kann, zu diplomatischen Verstimmungen geführt. Galerist Ochs soll gar flugs von einem offiziösen Bankett ausgeschlossen worden sein. Auch das passt aber zur neuen Offenheit für staatssozialistische Sitten und zur Schrankenlosigkeit einer neuen Museumsindustrie. Einstweilen hilft da nur warten. Und es wäre wahrlich nicht verkehrt, wenn das Museum für Asiatische Kunst mit guter finanzieller Unterstützung und in Eigenregie im Verbund mit chinesischen Fachkollegen eine Ausstellung zur Situation der chinesischen Kalligrafie durchführen dürfte. Darauf dürfte man dann wirklich und mit Recht gespannt sein.