Sommer-Szenen (4): Spotlight Rheinland

Das Sommerloch ist abgeschafft

Annika Karpowski
18. August 2010

Im Rheinland gibt es bekanntlich nicht nur vier, sondern gleich fünf Jahreszeiten. Als fünfte Jahreszeit gilt der Karneval. Nun ist nicht jeder ein Freund solch regional ausgeprägter Sitten und Gebräuche, und so bietet sich dem an ernsthafterer Kultur Interessierten als Alternative der Kunstherbst an. Und der beginnt in diesem Jahr mit gleich zwei Großevents: mit DC-Open, der Köln-Düsseldorfer Gemeinschaftsproduktion in Sachen Galerienwochende, und der Quadriennale 2010 Düsseldorf. Hier fahren die städtischen Institutionen auf, was im Rheinland Rang und Namen hat (und hatte) – das museum kunst palast etwa zeigt Nam June Paik, das K20 den Hohepriester Joseph Beuys. Dabei wurden die beiden Standorte der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, das K20 sowie das K21, ohnehin gerade erst nach längerer Renovierung wiedereröffnet und locken den Besucher mit einer Neupräsentation ihrer Bestände.

Sputen sollte sich, wer vorher noch rasch eine der raren Sommerausstellungen in den Galerien anschauen will. In Köln, bei Figge von Rosen, kann man nur für kurze Zeit die Fotografien Walter Dahns sehen, der im Dunstkreis der „Neuen Wilden“ zu Bekanntheit gelangte und jetzt sein eigenes Bildarchiv gesichtet und überarbeitet hat. Um die Ecke, bei Christian Nagel, verkündet Cornelius Quabeck popmusikalisch-programmatisch „School’s Out!“ und präsentiert intensive Gemälde, die zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion angesiedelt sind und, wie etwa im Falle von Broke (2010), auch nicht vor schrägen Vögeln haltmachen. Hier sollte man sowieso vorbeischauen, schließlich wird Christian Nagel im Herbst die traditionsreiche Galerie am Kölner Standort schließen – wegen der hohen Mieten, so ist zu hören. Immerhin will er der Stadt, deren Kunstszene er maßgeblich mitprägte, nicht den Rücken kehren, sondern denkt über temporäre und mobile Ausstellungsmodelle nach.

Weitaus geruhsamer lassen sich die Besuche in den Institutionen planen. Hier kann man auch im August vor Regen oder Hitze problemlos ins Trockene und Klimatisierte flüchten. Das Museum Ludwig Köln etwa zeigt in großem Stil seine Sammlung bewegter Bilder. 55 Installationen mit zumeist bekannten Werken zumeist bekannter Künstler sind zu sehen. So kann man bei Guy Ben-Ner wieder einmal amüsiert beobachten, was Künstlerkinder so alles im Dienste der Kunst erdulden müssen, kann man William Kentridge in die Strichwelten seiner Protagonisten folgen oder der unverwüstlichen Maria Lassnig bei ihrer Lebensschilderung zuschauen und -hören. Entdeckungen sind an den Videosichtplätzen zu machen, wo rund 270 Arbeiten zur Verfügung stehen. So übersteht, wer will, gleich eine ganze Woche schlechten Wetters. Wer schneller schauen will, für den bietet das Haus, hängefrisch, Werke A.R. Pencks. Im Zentrum steht das Monumentalwerk Ich in Deutschland (West) (1984), eine Standortbestimmung in gewohnt reduzierter Strichmanier, entstanden vier Jahre, nachdem Penck die DDR verlassen hatte.

Überhaupt scheint das Rheinland ein wenig von Nostalgie befallen. Nicht nur, dass Pencks Großgemälde auf der legendären Düsseldorfer Ausstellung „von hier aus“ 1984 zu sehen war – nein, auch heute noch leuchtet der Westen. Das behauptet zumindest das Kunstmuseum Bonn, dessen Kuratoren arrivierte Positionen aus dem Rheinland einluden, die ihrerseits jüngere Kollegen einladen durften. Ja, und so sieht man sie denn wieder, die alten Hasen Joseph Beuys, Imi Knoebel, Blinky Palermo, Sigmar Polke und Gerhard Richter, die den „historischen Kern“ der Ausstellung bilden (in dem auch heute noch Frauen keine Rolle spielen). Und während alle anderen Künstler brav einen rheinischen Nachwuchsstar vorgeschlagen haben, hat sich Katharina Sieverding für Natascha Sadr Haghighian entschieden, die eine Vita-Tauschbörse eingereicht hat und so das Prinzip des Lokalpatriotismus schlichtweg unterläuft.

Da es im Rheinland keine langen Wege zwischen den Städten gibt, sollte man sich einen Abstecher nach Krefeld gönnen. Das dortige Haus Esters präsentiert die erste Museumsschau mit den merkwürdig eindringlich-distanzierten Fotoportraits von Ted Partin. Und wer dem manchmal recht kalauerhaften Humor Mircea Cantors etwas abgewinnen kann, sollte nach Mönchengladbach ins Museum Abteiberg fahren, wo der rumänische Künstler ausführlich gezeigt wird. Hier sind ältere Werke  zu sehen, aber auch plakative Installationen wie Color, Silent (2009), ein Polizeiauto, dessen Martinshorn ins Innere montiert wurde und nun von dort aus blinkt und tutet. Alles in allem also kein Grund, den jüngst sehr verregneten Sommer zu beklagen. In den rheinländischen Institutionen kann man problemlos den einen oder anderen freien Tag verbringen. Und sollte dann doch die Sonne locken, kann man ja immer noch schnell ins Freie. Cantors Polizeiauto etwa steht vor dem Museum.

DC-Open 2010 – Legendary Contemporary. 27 Düsseldorfer und 42 Kölner Galerien. Vom 3. September bis 5. September 2010

Quadriennale 2010 Düsseldorf – Akademie Galerie, K20/K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, KIT – Kunst im Tunnel, Kunsthalle Düsseldorf & Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, museum kunst palast, NRW-Forum Düsseldorf, imai – inter media art institute, Stiftung Schloss und Park Benrath. Ab 11. September 2010

Walter Dahn: Solaris. Fotografie 1973 – 2010 – Figge von Rosen, Köln. Vom 17. Juli bis 28. August 2010

Cornelius Quabeck: „School's Out!“ – Galerie Christian Nagel, Köln. Vom 5. Juni bis 28. August 2010

Bilder in Bewegung: Künstler & Video / Film – Museum Ludwig Köln. Vom 29. Mai bis 31. Oktober 2010
A.R. Penck – Museum Ludwig Köln. Ab 17. August 2010

Der Westen leuchtet. Eine Standortbestimmung der Kunstlandschaft des Rheinlandes – Kunstmuseum Bonn. Vom 10. Juli bis 24. Oktober 2010

Ted Partin: „Eyes look through you“ – Museum Haus Esters, Krefeld. Vom 13. Juni bis 19. September 2010

Mircea Cantor: „Klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben“ – Museum Abteiberg, Mönchengladbach. Vom 4. Juli bis 24. Oktober 2010


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