Sommer-Szenen (2): Spotlight Wien

Synästhetisches Sommermenü

Orsolya Abraham
11. August 2010

Der August ist eine Verschlimmerung des Julis. Das ist nicht nur klimatisch wahr. Es stimmt auch kulturell. Etwa wenn man in mediterranen Ländern essen oder in Berlin Kunst sehen will. Überall ist alles geschlossen. Die Galeristen sind mit den Umsätzen des Basel-Geschäfts nach St. Tropez gefahren und man muss sich schon genau überlegen, wohin man reisen sollte, um sich mit Gegenwartskunst zu berauschen. Nachdem auch die 6. Berlin Biennale vorüber ist, heißt eine mögliche Lösung Wien. Insbesondere die Wiener Museen warten zurzeit mit großen Überblicksausstellungen auf. Das MUMOK etwa widmet dem Medium der Malerei und seiner Geschichte eine große Gruppenschau. Bis Oktober 2010 können die Besucher hier der musealen Wiederbelebung des Malereidiskurses zusehen. Die Schau zeigt einen Querschnitt mit Werken von Daniel Spoerri über Gerhard Richter bis hin zu Imi Knoebel, Yves Klein und Arnulf Rainer. Bewährte Ware ohne Überraschungen, aber wer sucht im August nach Novitäten?

Es geht auch konzeptueller. An einer Gegenüberstellung von Kunst und Wissenschaft etwa versucht sich im selben Haus die Schau „The Moderns. Revolutions in Art and Science 1890-1935“ und zeigt in einer unkonventionellen Konfrontation rund 80 künstlerische Positionen (unter anderem von Giacomo Balla, Marcel Duchamp, František Kupka, László Moholy-Nagy, Francis Picabia und Man Ray), die vorwiegend aus der hauseigenen Sammlung stammen, und stellt ihnen historische Röntgenfotografien, kinematische Modelle oder wundersame Hochfrequenzapparate gegenüber. Die Kuratoren verstehen Modernität nicht als Mythos, sondern führen den künstlerischen auf den wissenschaftlichen Fortschritt zurück. Die Ausstellung verfolgt dieses Fortschrittsversprechen durch eine Epoche, in der Technologie und Wissenschaft noch eine Erlösungshoffnung repräsentierten. So entsteht nicht nur ein historisches Bild, so wird auch die „Art & Science“-Euphorie von heute auf ihre historischen Wurzeln zurückgeführt.

Und wenn man dann schon einmal im Museumsquartier ist, könnte man sich in Richtung Karlsplatz wenden und gleich noch die Kunsthalle besuchen. Im heißen August will ein Spaziergang aber gut überlegt sein. Eine Keith Haring-Retrospektive hatte man nun eigentlich nicht vermisst, auch wenn viele Händler seinerzeit gar nicht genug von dieser Dekorationsgrafik in Street-Art-Verkleidung bekommen konnten und die Lagerware nun wohl ans Tageslicht drängt. Auch eine „Prints“-Ausstellung mit Alex Katz in der Albertina ist den Staub an den Schuhen auf dem Weg dahin nicht zwingend wert. Katz hat dem Haus im letzten Herbst sein grafisches Œuvre geschenkt. Man will sich nun öffentlich dankbar erweisen, was Katz‘ aus der Zeit gefallene Grafiken sympathisch, aber auch nicht in jeder Hinsicht abwechslungsreicher macht. Die Fotografien Heinrich Kühns sind da historisch spannender. All das Wolkige, mit dem das Reproduktionsmedium endlich zur Kunst stilisiert werden sollte, ist ebenfalls in der Albertina zu sehen. Das Kameraauge wird romantisch vernebelt und hat so Geschichte gemacht. Das war der Stand der Kunst und damals nicht so reaktionär wie Walton Fords zoologische Mythen heute. Wer Wimmelbilder voller historischer Klischees nicht mag, sollte darum einen Bogen machen und gleich zur Generali Foundation weiterschreiten. Dort ist eine Gruppenausstellung zum Thema künstlerischer Fiktion und Wirklichkeitswiedergabe zu sehen. Werke von Harun Farocki, Omer Fast, Aernout Mik und Ian Wallace demonstrieren die Konstruktion des „Realen“ nicht nur systematisch zwingend, sondern überaus anschaulich. Großes Kino ist das. Farocki und Fast bauen ihre Werke wie Laborversuche auf, schlagen aber Spannungsbögen, von denen mancher Fernsehfilm träumt. Hier geht es nicht nur um Realität, sondern darum, wie man Realität erwachsen berichten und dem Zuschauer eine tragende Rolle überlassen kann. Wer Ford doch angesehen hat, fühlt sich hier, als sei er aus einem Traum aufgewacht. Die Künstler sehen uns auf Augenhöhe an, auch das ist ein Gewinn.

Schlendert man anschließend durch den Burggarten in Richtung Innenstadt sollte man einen Abstecher in die Himmelpfortgasse 13 nicht versäumen. Dort präsentiert eine Überblicksausstellung – ein Projekt der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, ARTER, Istanbul sowie TANAS, Berlin – insgesamt 15 türkische Künstler, die sich in ihren Arbeiten auf den Begriff der Unsichtbarkeit beziehen und dabei an Themen wie Migration, Identifikation und Multikulturalität abarbeiten. Von diesen Themen kann man freilich auch symbolischer erzählen.

Bis zum 25. August beweist das etwa die Einzelausstellung Sonia Leimers in den neuen Räumen der BAWAG Contemporary nahe dem Schwedenplatz. Die aktuellen Arbeiten der Künstlerin beschäftigen sich mit Instabilität, Brüchigkeit und Labilität. So wird bei Leimer der Parkettfußboden im Ausstellungsraum kurzerhand zum Kunstwerk umfunktioniert. Das ist Kammerspieltechnik und irgendwie en vogue, andererseits ist die kleine Form immer auch erkenntnisträchtig, wie die wenigen Wiener Galerien beweisen, die auch im August die Türen offen halten.

Georg Kargl Permanent zeigt beispielsweise noch bis zum 11. September die Aquarelle und dreidimensionalen Hochhaus-Objekte von Ina Weber. Skulpturen des Österreichers Christoph Weber sind bis 21. August bei Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder zu besichtigen. Wem das noch nicht reicht, dem sei ein Besuch bei Charim ans Kunstherz gelegt. Die Künstlerin Anna Ceeh zeigt in Videos und Vitrinen, was zurzeit die russische Elektroszene bewegt. Wer seinen Rundgang hier beschließt, ist jedenfalls für die weitere Abendgestaltung präpariert. In Wien, wo Tradition und Moderne dauernd zusammenstoßen, eignet sich der Sommer ganz sicher zur Synästhesie.

Malerei: Prozess und Expansion. Von den 1950er Jahren bis heute” – mit Daniel Spoerri, Otto Mühl, Robert Rauschenberg, John Chamberlain, Frank Stella, Robert Morris, Donald Judd, Imi Knoebel, Gerhard Richter, Gerwald Rockenschaub, Jessica Stockholder, John Armleder, Rosemarie Trockel, Heimo Zobernig u.a. - Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Museumsplatz 1, Wien. Vom 9. Juli bis 3. Oktober 2010

„The Moderns. Revolutions in Art and Science 1890-1935“ – mit Alexander Archipenko, Hans Arp, Theo van Doesburg, Marcel Duchamp, Richard Hamilton, Wassily Kandinsky, Francis Picabia, Pablo Picasso, Oskar Schlemmer u.a. - MUMOK, Wien. Vom 25. Juni bis 23. Januar 2011

„Keith Haring: 1978-1982“ – KUNSTHALLE, Museumsplatz 1, Wien. Vom 18. Mai bis 19. September 2010 

Alex Katz: „Prints“ – Albertina, Albertinaplatz 1, Wien. Vom 28. Mai bis 12. September 2010

Walton Ford: Bestiarium“ - Albertina, Wien. Vom 18. Juni bis 10. Oktober 2010

Heinrich Kühn: „Die Vollkommene Fotografie“ - Albertina, Wien. Vom 11. Juni bis 29. September 2010 

„Monet bis Baselitz“ Meisterwerke der Moderne. Die Sammlung Baltliner - Albertina, Wien. Vom 11. März bis 19. September 2010 

„Hinter der Vierten Wand. Fiktive Leben – Gelebte Fiktionen“ mit Harun Farocki, Omer Fast, Michael Fliri, Andrea Geyer, Marcello Maloberti, Aernout Mik, Frédéric Moser & Philippe Schwinger, Wendelien van Oldenborgh, Judy Radul, Allan Sekula, Ian Wallace – Generali Foundation, Wiedner Hauptstraße 15, Wien. Vom 2. Juni bis 15. August 2010 

„TACTICS OF INVISIBILITY. Zeitgenössische künstlerische Positionen aus der Türkei“ - mit Nevin Aladag, Kutlug Ataman, Cevdet Erek, Ayse Erkmen, Esra Ersen, Inci Eviner, Nilbar Güres, Hafriyat, Ali Kazma, Ahmet Ögüt, Füsun Onur, Sarkis, Hale Tenger, Nasan Tur, xurban_collective – Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Himmelpfortgasse 13, Wien. Vom 16. April bis 15. August 2010

Sonia Leimer: „Neither in motion nor at rest” – BAWAG Contemporary, Franz Josefs Kai 3, Wien. Vom 15. Juli bis 25. August 2010

Ina Weber: „Hochhaus und Aquarelle“ – Georg Kargl Permanent, Schleifmühlgasse 5, Wien. Vom 7. Juli 2010 bis 11. September 2010

Christoph Weber: „loose concrete“ – Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Grünangergasse 1/2, Wien. Vom 25. Juni bis 21. August 2010

Anna Ceeh: „IMAGINARY ROOMS AND VIRTUAL TIME CAPSULES, 11 WEEKS OF TRANSMISSIONS” – Charim Galerie Wien, Dorotheergasse 12/1, Wien. Vom 9. Juli bis 11. September 2010


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