Sommer-Szenen (1): Zürich ordnet seine Galerie-Szene neu

Zunft-Adel auf Wanderschaft

Gerrit Gohlke
4. August 2010

Jedes Jahr im Frühsommer steht aus Zürcher Sicht die Welt auf dem Kopf. Dann strömt in Basel der globale Galeriehandel zusammen und macht die 170.000-Einwohner-Stadt zum alleinigen Mittelpunkt des weltweiten Kunstbetriebs. Auch die Galerien Zürichs, immerhin der größten Stadt der Schweiz mit einer nicht ganz 2 Millionen Einwohner zählenden Metropolitanregion, müssen dann nach Basel pilgern, während zu Hause die Assistenten auf einen Zwischenstopp durchreisender Sammler warten. Zürich als Durchreiseort, eigentlich undenkbar für eine Stadt, in der seit der Zunftrevolution 1336 der Stadtadel mit den Zünften regiert und die als protestantischer Think Tank entscheidend die Reformationsgeschichte prägte.

Die Kernstadt Zürich zählt zwar nur 380.000 Einwohner, aber sie ist für Sammler, Händler und Künstler eines der Zentren des europäischen Kunstbetriebs. Dazu hat auch die Kulturstiftung Pro Helvetia beigetragen, die jahrelang großzügig den Schweizer Austausch mit der internationalen Kunstszene gefördert hat, zuletzt aber durch konservative politische Einflussnahmeversuche ins Gerede kam. Hätte es diese Wünsche nach politischer Willfährigkeit nicht gegeben, hätte man die Schweiz und Zürich als Beispiel entspannter synergieorientierter Kulturpolitik feiern können. Die frühe und großzügige Förderung einer jungen Szene nach international konkurrenzfähigen Maßstäben, das verbreitete Mäzenatentum, starke Affinitäten zwischen Finanzsektor und Kunstbetrieb schafften Aufwind in Zürich und ließen auch interdisziplinäre Ansätze zwischen Design, Kunst und Forschung nicht außer Acht. Zürich ist immer ein Standort für Künstler geblieben. Der Stadt blieb auch während des schnelllebigen Kunstmesse-Booms mit seiner Fixierung auf schnell handelbare Ware jede marktfixierte Einseitigkeit und Provinzialität erspart. An der Limmat wurde weiter produziert, die Krise brachte sogar respektablen Galerienachwuchs hervor. Auch wenn Zürich inzwischen schmerzlich an der Zeitungskrise leidet, die den Schweizern empfindliche Schrumpfungen in der Kunstpublizistik eingehandelt hat, wirkt sich der spürbare Qualitätsverlust der landesweit gelesenen Feuilletons noch nicht auf die eher international orientierte Kunstproduktion des Standortes aus.

Allem weltbürgerlichen Geist zum Trotz erleidet Zürich unterdessen den gleichen Strukturwandel wie der übrige europäische Kunstbetrieb. Auch hier gehen die Impulse eher von den kleineren Institutionen aus. Qualitativer Spitzenreiter unter den Ausstellungshäusern ist die Kunsthalle, die bisher im Löwenbräu-Areal an der Limmatstraße untergebracht war, einem ehemaligen Brauereigebäude, das seit 1996 auch eine Reihe von Galerien und das migros museum beherbergt. Während das betuliche Zürcher Kunsthaus gegenwärtig kaum prägende Impulse zur europäischen Gegenwartskunstszene beisteuert und das migros museum seit dem Weggang Rein Wolfs keine eindeutige kuratorische Handschrift zurückgewinnen konnte, überzeugt die Kunsthalle gleichermaßen durch die Programmauswahl wie die handwerkliche Qualität ihrer Ausstellungspräsentation. Projekte wie die Philippe Parreno-Einzelausstellung 2009 oder die bestechende General Idea-Retrospektive 2007 hätten weit größeren Häusern gut zu Gesicht gestanden, und so entstand eine interessante Symbiose zwischen der Kunsthalle und den privaten Nachbarn unter dem selben Dach: Dem Schwergewicht des internationalen Galeriebetriebs Hauser & Wirth, der Galerie Eva Presenhuber mit einem hochkarätigen Programm zwischen sozialer Reflektion und formaler Reduktion, den Galerien Bob van Orsouw und Peter Kilchmann und der Daros Latinamerica Collection eine Haustür weiter im selben Gebäude. Die privat-öffentliche Konstellation, zu der einst auch de Pury & Luxembourg gehörte, vereinte unter einem Dach, was anderswo ein ganzes Stadtviertel zum Kunstquartier aufwerten würde.

Diese goldenen Zeiten sind nun aber erst einmal vorbei. Mitte des Monats schließt auch die formidable Rosemarie Trockel-Ausstellung in der Kunsthalle, in der auf einem geradezu mondän eleganten Rundgang alle denkbaren Aspekte skulpturaler Form grammatisch durchdekliniert werden, einer Grammatik freilich, die so attraktiv und verführerisch ist, dass kokette Ironie und feministische Kunst natürlicherweise wie ein und dieselbe Sache erscheinen. Nach Ausstellungsende wird das Areal dann von der privaten Eigentümerin PSP Swiss Property umgebaut. Bis 2013 soll ein massiver Wohn- und Büroturm über den alten Brauereigebäuden emporwachsen, der eine fantasiereiche Journalistin des Zürcher Tagesanzeigers an eine Kobra erinnerte. Eine Gesamtnutzfläche von 32.000 Quadratmetern ist mit Hilfe dieser Reptilienergänzung geplant, von der 6.000 Quadratmeter für Wohnungen und 4.500 Quadratmeter für Kultur genutzt werden sollen.

So lange wollen freilich nicht alle Mieter warten. Während die eine Hälfte der Mieter, Bob van Orsouw, Hauser & Wirth und das migros museum zusammen mit einer renommierten Kunstbuchhandlung vom Herbst an unter dem Namen Hubertus Exhibitions im wenig zentralen Albisrieden angesiedelt wird, wo bisher nur die unabhängige private Kunstkaderschmiede F+F Schule für Kunst und Mediendesign von sich reden machte, beziehen Presenhuber und Kilchmann ab April 2011 neue Räume auf dem Maag-Areal an der Hardbrücke, nur gut einen Kilometer von der alten Adresse südlich des Sihlquais entfernt, wo bislang lediglich der Projektraum K3 um den F+F-Rektor Sandi Paucic auf der Zürcher Kunsttopographie auftauchte. Die Kunsthalle wiederum wird zwar ihre Büroräume aufs Hubertus-Areal verlegen, die Ausstellungen von Anfang 2011 an aber in einem aufgegebenen Gebäude des Landesmuseums in der Bärengasse zeigen, wie es heißt.


Neuordnung der Zürcher Galerienszene auf einer größeren Karte anzeigen

Damit verliert ein künstlerischer Verdichtungsraum sein Zentrum, der sich längst an der Limmatstraße entlang ausgedehnt hatte und seine Ausläufer weiter östlich bis ins Rotlichtviertel an der Langstraße ausdehnte, wo mit Esther Eppsteins Message Salon das Epizentrum der jungen Zürcher Szene liegt. Unter dem Label „Perla-Mode“, das die Vorbesitzer des Landenlokals hinterlassen hatten, ist hier eine Galerie mit Kunstvereinsqualität entstanden, deren Aktivitäten als Corner-College auch regelmäßig in den Design-Bereich hinüberreicht. Flankiert von der Galerie Römerapotheke im Norden und nicht weit von den Galerien, die sich entlang des linken Limmatufers im Südosten anschließen, entsteht hier ein flexibles Geflecht aus Off-Spaces wie Les Complices in einer Seitenstraße der Langstraße, privatem Galerie-Sektor und neuen Bars (darunter so hochrespektable Orte Zürichs beste Metal-Bar Alte Metzg), von denen aus man in wenigen Minuten bequem zurück zum Löwenbräu-Areal pendeln kann.

Dort haben sich mit Lange + Pult, BolteLang, Lullin + Ferrari, mitterrand + sanz / contemporary art, Francesca Pia, Nicola von Senger einige der agilsten Neuentwicklungen der jungen Zürcher Szene angesiedelt. Wenn mitterrand + sanz, ein Ableger der Genfer Kunst- und Designgalerie Mitterrand + Cramer, im Juli etwa den 1954 in der New Yorker Bronx geborenen Fred Wilson in einer von Ami Barak kuratierten Ausstellung zum ersten Mal überhaupt in der Schweiz zeigt, fragt man sich, warum auf eine solche Idee kein Zürcher Museumskurator kommen konnte, schließlich zählen Wilsons Vexierspiele über historische Wahrheit, afro-amerikanische Identität und Aspekte des Dekorativen in der Skulpturgeschichte zu den aufregendsten Exporten einer hochformalen und politisch bewussten Strömung in der US-amerikanischen Kunst.

Schlussendlich wird die topografische Neu- und Umordnung Zürich nicht ärmer machen, der Szene entlang des Limmatquais aber einige Zugkraft nehmen. Fest steht längst eine andere Erkenntnis: Die Zürcher Szene ist nicht deshalb so stark, weil die Stadt über einige marktführende Galerien verfügt und sich ein paar wohlalimentierte Museen leistet. Zürich ist so vital, weil das Niveau der Nachwuchsakteure ungewöhnlich hoch ist und die Kunst- und Design-Szenen keine Berührungsängste haben. Zürich ist eine Galeriestadt, weil es eine Künstlerstadt ist, den hohen Mieten und mancher Behäbigkeit zum Trotz. Nicht nur hier sollten Kulturverwaltungen daran arbeiten, privat-öffentliche Synergien zu fördern. In Zürich sind sie organisch gewachsen, und zwar über die Hierarchieebenen des Kunstbetriebs hinweg. Manche größere Stadt kann lernen vom Erfolg des nun erst einmal eingefrorenen Löwenbräu-Areals, Köln zum Beispiel, eine Stadt mit allen Voraussetzungen des Zürcher Modells, wo eine Kommune aber wohl erst noch entdecken muss, was Standortpflege heißt. Vielleicht leisten die Forschungsprojekte der Hochschule für Gestaltung, die beharrliche Arbeit der F+F, die Aufbauarbeit des Corner-College mehr für die Erneuerung der Stadt als die großen Ausstellungsinstitutionen. Fördert die Stadt in Zukunft effizient dieses privat-öffentliche Gemisch, kann Zürich zu einem europäischen Modell aufwachsen. Mit Zunftrevolutionen hat die Stadt doch gute Erfahrungen gemacht?


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