Slawomir Elsner bei Johnen, Berlin

Bilder ohne Wirkung

Sven Beckstette
11. Dezember 2008
Slawomir Elsner – „Windows on the World“, Johnen Galerie, Berlin, 6. Dezember 2008 – 31. Januar 2009

Zunächst hatte es den Anschein, als würde auch die Kunst angesichts der Anschläge vom 11. September 2001 fassungslos erstarren. Zu spektakulär waren die Fernsehsequenzen, durch die sich die Attacke in ein globales Medienereignis verwandelte. Unter dem Eindruck der Bildmächtigkeit des Anschlags, dessen Ikonographie gleichermaßen Erinnerungen an Katastrophenfilme wie auch die biblische Apokalypse evozierte, sah sich die Kunst von der Wirkung und Inanspruchnahme der Medienzeugnisse ins Abseits gestellt. Zugleich wurde sie mit dem ethischen Problem konfrontiert, ob man überhaupt aus diesem Leid und Schrecken Kapital, welcher Art auch immer, schlagen dürfe. Nach ersten spontanen Arbeiten, die wohl eher als Solidaritätsbekundungen anzusehen sind, setzte die grundlegende künstlerische Auseinandersetzung mit einer gewissen zeitlichen Distanz ein. Bezeichnenderweise zeigt etwa Robert Longos Triptychon The Haunting (2005) auf der Mitteltafel, eingerahmt zwischen Silhouetten von herannahenden Flugzeugen, ein Nichts, eine schwarze Fläche, während die Fotografien von Thomas Ruff zum Thema seinem Ansatz entsprechend keine eigenen Bilder erfinden, sondern das Augenmerk auf die der Medien richten und diese verdoppeln: In den großformatigen Arbeiten aus der Serie jpgs (2005), die auch auf Dokumenten zum 11. September beruht, legt er die Struktur der binären Bildpunkte offen, so dass die Arbeiten von Weitem ungegenständlich wirken und sich von Nahem in ein geometrisches Pixelmuster verwandeln, das fast keinen Bezug mehr zu seinem inhaltlichen Ausgangspunkt zulässt.

In seiner jüngsten Werkreihe beschäftigt sich nun auch Slawomir Elsner mit dem 11. September und präsentiert dazu unter dem Titel „Windows on the World“ sieben Buntstiftzeichnungen. Auch wenn das einheitliche Großformat und die dunkle Rahmung die Blätter optisch miteinander verbinden, lassen sich auf den ersten Blick zwei unterschiedliche Gruppen ausmachen: Während vier Zeichnungen das nächtlich-flirrende Lichtspiel einer Großstadtkulisse aus der Vogelperspektive sowie eine mondäne Lounge mit schicken Besuchern zeigen, muten die übrigen drei Arbeiten mit ihren weißen, gelben und grünen Rechtecken in nüchterner Anordnung vor einem schwarzen Hintergrund beinahe konstruktivistisch-abstrakt an. Trotz dieser formalen Differenzen beruhen beide Bildfolgen auf fotografischen Vorlagen. Bei den gegenständlichen Motiven handelt es sich um Ausblicke aus der New Yorker Bar „Windows on the World“, die sich im 107. Stock des Nordturms der Twin Towers befand. Die zugrunde liegenden Fotos – Schnappschüsse auf New Jersey und Brooklyn und in die Häuserschlucht um das Gebäude – hat der Künstler selbst angefertigt, als er im Frühjahr 2001 in dem Club seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag feierte. Dabei hat Elsner seine Aufnahmen samt ihrer offensichtlichen Makel, wie ihrem starken digitalen Rauschen, ihrer Unschärfe und Verwackelung, in das Medium der Zeichnung übertragen. Die geometrischen Konstruktionen indes basieren auf Nachrichtenbildern der spontanen Zettelwände im Stadtbild New Yorks, über die Menschen in den Tagen nach dem Attentat nach vermissten Angehörigen suchten. Allerdings hat Elsner nur die schematischen Strukturen der aufgehängten Notizen und Fotografien übernommen und die ursprünglich eingeschriebenen Informationen entfernt. Diese drei Werke, die der Künstler Window 01 – 03 (2008) betitelt hat, waren zunächst zu dem religiös aufgeladenen Format des Triptychons zusammengefügt. In der Ausstellung bilden sie jetzt separate Arbeiten, die nicht einmal mehr nebeneinander platziert sind.

Elsners künstlerische Strategie beim Umgang mit den Ereignissen vom 11. September lässt sich klar benennen: Er versucht, die allbekannten, überwältigenden, emotional und vor allem auch ideologisch besetzten Zeugnisse mit individuellen, noch nicht anderweitig instrumentalisierten Gegenbildern zu kontern. Zu diesem Zweck koppelt er Dokumente, die aus der Zeit vor dem Anschlag stammen, mit solchen, die unmittelbar danach aufgenommen wurden. Durch die Entsprechung in Technik, Format und Rahmung werden beide untrennbar miteinander verbunden, so dass sich private Erinnerung und kollektive Erfahrung wechselseitig durchdringen. Dies ist jedoch erst dann möglich, wenn man um den Kontext der Bilder, ihren Bezug zu 9/11 weiß – betrachtet man sie ohne diese zusätzliche Kenntnis, die sich auch nicht zwingenderweise durch die Titel der Werke erschließt, weist nichts in der Motivik oder Ikonografie dieser Zeichnungen auf ihre beabsichtigte historische und existentielle Dimension hin. Dass Elsners Ausstellung also am Ende trotz ihres ausgeklügelten Konzepts nicht überzeugt, liegt an dem indifferenten Eindruck, den die Bilder im Ganzen hinterlassen. Weder gelingt es ihm, aussagekräftige Bildentwürfe zu finden, die etwas von der Gewalt, dem Schock oder auch dem vorübergehenden kollektiven Zusammenrücken einer globalen Öffentlichkeit vermitteln, noch erzählen die Zeichnungen von Elsners persönlichen Empfindungen oder Reaktionen auf die Anschläge. Genauso wenig jedoch kommentiert er mit „Windows on the World“ die Medienbilder, die sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis eingegraben haben, wie dies beispielsweise Gerhard Richter getan hat, der eines der fotografischen Bilder vom Anschlag abmalte und dann mit einem Rakel so lange von der Leinwand gekratzt hat, bis es unkenntlich wurde (September, 2005). Dabei ist Elsner durchaus fähig, die Ambivalenz in der Rezeption von Medienbildern aufzuzeigen, wie beispielsweise in seiner Serie Landschaften (2003), die auf Reportagefotos von aktuellen Kampfschauplätzen beruht. Hier übersteigert er die Optik von Infrarot- und Nachtsichtgeräten, mit der nächtliche Raketenangriffe medial aufbereitet werden, durch eine kontrastreiche und leuchtende Farbigkeit derart, dass die Diskrepanz zwischen visueller Faszination und zerstörerischer Auswirkung deutlich zu Tage tritt. Angesichts seiner aktuellen Werke aber lässt sich allenfalls erahnen, dass die Ereignisse des 11. September vor gerade einmal sieben Jahren die Welt derart erschüttert haben, dass manche Historiker in dem Ereignis sogar den Beginn eines neuen Zeitalters zu erkennen glaubten. Aber vielleicht ist das ja auch nur ein erstes Zeichen für die allmähliche Historisierung des Ereignisses in Zeiten, die längst von neuen Krisenängsten geprägt sind.


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