Skulptur Projekte Münster 2007

Zarte Utopie

Saskia Draxler
11. Juli 2007
Eine Erfahrung zu machen "und es (noch) nicht zu wissen", so könnte man Jean-François Lyotards hoffnungsvolle Erwartung an die Wirkung der Kunst auf den Begriff bringen. Artnet versucht in einem Dossier, die Aktualität dieser allgemeinen, in der gegenwärtigen Kunstbetriebsamkeit fast schon utopischen Vorstellung zu beschreiben. In einer Serie von Beiträgen nehmen wir dabei die Skulptur Projekte Münster zum Anlass, nach prototypischen Situationen einer solchen ereignishaften, vorbewussten Erfahrung zu fragen. In der ersten Folge beschreibt Saskia Draxler am Beispiel Nairy Baghramians, wie ihr auf einem Parkplatz mitten in Münster ein Stück überraschenden, utopischen Eigensinns begegnet ist.

Ecke Wollbecker Strasse/Eisenbahnstrasse. Am Rand eines frequentierten Parkplatzes befindet sich die Skulptur Entr’acte  von Nairy Baghramian. Auf uneben geteertem Grund steht eine zickzackförmige Stellwand, bestehend aus einer Sichtbetonplatte, die eingeklemmt einen Spiegel hält, und einer wackeligen Stangenkonstruktion, die mit hellgrauer und weißer PVC–Plane schlaff und leicht faltig bespannt ist. Spiegel und Beton, schwere Materialien, die einander visuell abstoßen, sind verschränkt, nur ein schmaler Rand des Spiegels ist überhaupt sichtbar. Die Planen scheinen eher beiläufig montiert. Von weitem wirkt Entr’acte wie das stehen gebliebene Stück eines Bauzauns, der Funktion enthoben und nicht abgeholt.

Was man auf den ersten Blick für Dilettantismus oder Schlampigkeit halten könnte, ist im Gegenteil ein hoch reflektiertes Verfahren der Künstlerin, sich mit zentralen Fragen von Kunst und Architektur der Moderne auseinanderzusetzen. Was den Eindruck von bis an die Grenze zum Einsturz strapazierter Instabilität erweckt, ist planvoll und virtuos konstruiert und zusammengefügt. Die Randlage am äußersten Eck der Parkfläche sowie die leichte Schieflage von Entr’acte gegenüber dem Raum und in sich selbst ist künstlerischer Ausdruck einer zielsicheren Reaktion auf Kunstgeschichte, Ortsspezifik und die Ausstellungsgeschichte der Skulptur Projekte Münster.

Die Skulptur spielt in ihrer nüchternen Form auf Minimal Art und Konzeptkunst an. Statt aber elegante Formvollendung anzustreben, führt sie auf präzis humoristische Weise deren Brüche vor. Sie teilt nicht die Kapitulation gegenüber dem Material, wie sie die strenge Konzeptkunst ausgesprochen hat, seit sie versuchte, alles Gegenständliche durch abstrakte Anweisungen zu ersetzen. Diese Kapitulation weist sie zurück, sie steht da als Kunstwerk, und löst durch ihr in positivem Sinne schwaches formales Auftreten die Kritik an der Autonomie des Kunstwerks ein; eine Kritik, die die strenge Konzeptkunst verfehlte, weil sie sich in das Feld konkreter Produktion gar nicht mehr einmischen wollte.

Der Aufbau blockiert zwei Parkplätze und wird nicht durch eine Absperrung geschützt, sodass die parkenden Autos nah an die Skulptur herankommen. In der absurd anmutenden Gegenüberstellung überträgt sich slapstickhaft die Konkurrenz zweier Ökonomien. Einerseits der Ökonomie der Verschwendung und der Ablenkung, wie sie sich in der provokativen Dysfunktionalität des Kunstwerks darstellt, andererseits einer alltäglichen Ökonomie der Knappheit. Die schräge Skulptur besetzt in einer florierenden Einkaufsstadt ohne U-Bahnnetz wertvolles Terrain. Auch der Außenraum ist fragil und balanciert am Abgrund, soghaft kippt er hinein — wenn die Wand kippt, kippt der Raum. Was übrigens, wenn sie tatsächlich umkippte? In ein Auto etwa. Ein Machtkampf mit schwachen Bandagen.

In der Nacht vor der Eröffnung der Ausstellung wurde ein Graffiti auf einer Seite der Betonwand von Entr’acte angebracht, ein sogennanntes „Tag“, eine schriftartige Signatur also, in schwarzer Farbe. Der Eingriff hebt die Verletzlichkeit der Skulptur noch mehr hervor, die irgendwie droht, unter dem Gewicht des leichten Schriftzugs zusammenzubrechen.
Doch, das ist die Kunst, es scheint nur so. Im Schein des Changierens zwischen Aufbau und Einbruch sind Autonomie und Schwäche miteinander vereint.

Der Modernismus in der Architektur tendiere in seiner Liebe zur Funktionalität dazu, die konkreten Lebensverhältnisse zu totalisieren und ihnen seine Form aufzuzwingen, so Nairy Baghramian im Katalogtext. Entr’acte demonstriert formale Unterlegenheit, bzw. formalisierte Schwäche, die nicht mit Understatement verwechselt werden darf, denn sie verbindet sich inhaltlich gerade mit dem höchsten Anspruch: Kunstwerk zu sein.

Die Form von Entr’acte gleicht der eines Paravents, der zwei Bereiche voneinander abteilt, seiner ursprünglichen Funktion zufolge die von zeigen und verbergen. Hinter einem Paravent zieht man sich gewöhnlich um oder aus, was hier in der Münsteraner Innenstadt nicht zu erwarten ist. Die verbergende Funktion des Paravents ist im offenen Außenraum außer Kraft gesetzt. Es gibt einen  klassischen Traum, in dem der Protagonist am Morgen das Haus verlässt und irgendwann merkt, dass er vergessen hat, sich anzuziehen. Die traumhafte Auflösung von Ich-Grenzen, in einen Bereich, der keinen Halt bietet, ist angst- und schambeladen. Die beiden offenen Räume in Münster gab es vorher in der Wahrnehmung der Einwohner nicht.  Höchstwahrscheinlich gab es nur einen durch die alltägliche Erzählung der Gewohnheit umschlossenen Raum. Jetzt gibt es gleich zwei, und obwohl man nur die Hälfte sieht, fühlt man sich eher beobachtet als zuvor, und zwar auf beiden Seiten. Entr’acte, wörtlich übersetzt „zwischen zwei Akten“, ist nicht von Dauer. Der ästhetische Zwischenakt vermittelt ganz klar, dass seine Zeit die vorübergehende Ausstellung ist. Die Frage ist nur, was nach dieser Zeit mit der Teilung geschieht.

Der schmale Spiegelstreifen am Rand der Betonplatte gibt nicht Personen und Gegenstände wieder, sondern Blickwinkel. Kunst ist schwach und eignet sich nicht dazu, Bedürfnisse zu manipulieren. Sie kann aber ihre eigenen Bedingungen reflektieren und ihrem Umfeld darbieten: dies sind immer gesellschaftliche Bedingungen.

Nairy Baghramian ist 1971 in Isfahan, Iran geboren. Sie lebt und arbeitet in Berlin.


Mehr im Dossier  Art Happens

Weitere Artikel von Saskia Draxler


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken