Singspiel von Alice Creischer, Andreas Siekmann und Christian von Borries

Das Paradies bei Weltbildplus

Christoph Bannat
2. Juli 2007
„Auf einmal & gleichzeitig. Eine Machbarkeitsstudie“, Musikalische Szenen zur Negation von Arbeit von Alice Creischer, Christian von Borries und Andreas Siekmann im City-Point am Königsplatz, Kassel. Am 2., 3. und 4. Juli 2007

Der City-Point am Kasseler Königsplatz ist eine Shoppingmall, an der man vom Flair der documenta 12 eher wenig spürt. Aber vom 2. bis 4. Juli werden hier zwischen „Hertie“ und „dm“ vor den Toren von „Hair World“ und „Weltbildplus“ jeweils um 17 Uhr fünf „Musikalische Szenen“ aufgeführt: „Auf einmal & gleichzeitig. Eine Machbarkeitsstudie“ – so der Untertitel. Alice Creischer, Andreas Siekmann und Christian von Borries bezeichnen ihr ungewöhnliches, in kein klassisches Genre einzuordnendes Gemeinschaftswerk als „Machbarkeitsstudie zur Negation von Arbeit“. Zehn Darsteller singen, skandieren und sprechen parolenhafte Texte, um damit einer scheinbar geschlossenen Welt ihre Negation vorzuführen. Einkaufspassagen weisen – wie Walter Benjamin in seinem „Passagen-Werk“ ausführte – alle Insignien des Paradiesischen auf, sind aber absolut kapitalistisch durchorganisiert.

Alice Creischer und Andreas Siekmann lernten sich Anfang der 1990er Jahre während des Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie kennen. Sie arbeiten seitdem immer wieder gemeinsam, sind aber auf der documenta 12 auch mit jeweils eigenen Projekten vertreten; Siekmann zudem in Münster. Siekmanns Karussell Die Exklusive auf dem Friedrichsplatz, ein radikal kritischer Kommentar zu den Ausgrenzungsprozessen im Zuge der Globalisierung, hat sich schon als eines der Signets der documenta eingeprägt. Die „zeitgenössische Psychohistorie des Kapitalismus“ (Clemens Krümmel im d12-Katalog) hingegen, die Alice Creischers 1998 begonnene, im Aue-Pavillon platzierte, Raum greifende Bild- und Textcollage Machen wir heute Lobby vorzuführen versucht, gehört zu den Werken, die sich erst dem geduldigen Publikum wirklich erschließen.

Auf der Protestveranstaltung gegen die Flick Collection Ende 2004 lernten Creischer und Siekmann den Komponisten und Dirigenten Christian von Borries kennen. Von Borries, einst Soloflötist am Opernhaus Zürich, beschäftigt sich mit Aneignungsmöglichkeiten und Rezeptionszusammenhängen klassischer Musik. Er ist Mitentwickler der Software „soundalike“, die eine beliebige Klangquelle in eine spielbare Partitur rückversetzt. Auch dafür wird er schon mal als „Guerilla-Dirigent“(SZ) und „Schlingensief der Klassik“ (Welt) bezeichnet oder der „imperialistischen Ausbeutung von geistigem Eigentum“ (Karl-Heinz Stockhausen) beschimpft, da seine Methode das herrschende Copyright in Frage stellt. Christian von Borries entwickelte die Partitur der „Musikalischen Szenen“ und leitet bei den Aufführungen das Landesjugendsinfonieorchester Hessen. Mit Christoph Bannat sprach er über das Projekt.

artnet Magazin: Als man erstmals von Ihrem Projekt hörte, war von einer Oper im Einkaufszentrum die Rede. Ist es denn eine Oper?

Christian von Borries: Wir nennen es bewusst nicht Oper, auch wenn es innerhalb des Kunstsystems kein Problem wäre. Aus Sicht der Musik, also meiner Herkunft, würde der Gattungsbegriff „Oper“ eine Diskussion auslösen, die wir nicht wollen – nämlich, was heißt und was kann Oper im 21. Jahrhundert. Wir nennen es „Musikalische Szenen“. Es gibt eine Handlung, ein Libretto und einen Bühnenbildersatz sowie gesungenen und gesprochenen Text.

artnet Magazin: Sie sind bewusst nicht in den Kunstraum gegangen – warum?

Christian von Borries: Die Arbeit für die documenta wird nur dreimal live aufgeführt. Darüber hinaus wird nichts innerhalb der Ausstellung gezeigt. Der interventive Charakter funktioniert nur direkt in der Shoppingmall. Diese ist für uns erst einmal ein eher kunstferner Ort, den wir aber bewusst gesucht haben, weil die Themen, um die es uns geht, hier direkt verhandelt werden.

artnet Magazin: Können Sie konkreter sagen, worum es Ihnen geht?

Christian von Borries: Es geht um die Arbeit und die Waren, die man auch in der Shoppingmall finden kann. Und um den Begriff  der arbeitsfreien- oder arbeitsbefreiten Gesellschaft die, unserer Meinung nach, in der Mall-Situation propagiert wird. Die Leute wandeln in einem sicheren und sauberen Raum, dort kann man Dinge anfassen und sie werden mit ästhetischen Lebensentwürfen verbunden. Es gibt Verkäuferinnen und Verkäufer, die gut gekleidet sind und einen bedienen. Es ist eine Art Utopie einer Gesellschaft. Man sieht den Waren die Bedingungen, unter denen sie hergestellt werden, natürlich nicht an. Diese Bedingungen möchten wir verhandeln. Es ist natürlich auch ein problematischer Ort, den wir nicht vollständig verstören dürfen. Wir haben uns also auf eine freiwillige Gratwanderung begeben.

artnet Magazin: Zwischen Affirmation und
Subversion ?

Christian von Borries: Wir befinden uns auf einer Bühne, auf der sonst Wahrsager auftreten, Waren präsentiert werden oder das örtliche Polizeiorchester spielt. Aber wir verhalten uns analytisch in Bezug auf das vorhandene Umfeld. Die Dinge, die wir verhandeln, sind alle öffentlich zugänglich und sichtbar.

artnet Magazin: Ist es ein gemeinsames Anliegen von Alice Creischer, Andreas Siekmann und Ihnen, ortsbezogene Themen öffentlich zu verhandeln?

Christian von Borries: Allem, was wir gemeinsam machen, geht eine ortsbezogene Recherche voraus, die sich dann in unserer Arbeit wieder findet. Der Ort hier ist eine ECE-Mall. ECE ist der größte Mall-Entwickler Europas, der zum Otto-Konzern gehört. Auch das wird bei uns thematisiert.

artnet Magazin: Was ist das Charakteristische an Ihrer Form der Intervention ?
 
Christian von Borries: Alles kann ganz schnell auf– und schnell wieder abgebaut werden. Die Darsteller bewegen sich vor Tableaus, die von zwei Leuten getragen werden. Mehr an Bühne gibt es nicht. Technisch ist also alles sehr einfach. Die Musiker sitzen an einer Stelle und die Sänger haben Mikroports. Dazu kommt, dass die Veranstaltung nicht nur von der documenta, sondern auch von der Shoppingmall selbst beworben wird und während der Öffnungszeit der Läden stattfindet, auch das gefällt uns. Wir wollen Leute, die dort ein Hemd oder einen Fisch kaufen, überraschen.

artnet Magazin: Noch einmal zur Intervention. Dieser Begriff wird im Kunstbetrieb momentan viel verwendet. Haben Sie darauf bezogen eine Theorie?

Christian von Borries: Ich hab da keinen theoretischen Begriff. Was ich praktisch sagen kann ist, dass wir einen Moment lang den Fluss an Vereinbarungen, der dort stattfindet und die man als gegeben übernimmt, kurz anhalten, indem wir ihn hinterfragen. Zu diesen Vereinbarungen gehört, dass es ein öffentlicher Raum ist, was es aber faktisch nicht ist, da wir uns dort in einem privaten und kommerziellen Zusammenhang befinden, der aber verbal verkleidet wird, wenn etwa die Managerin des Centers sich Bürgermeisterin nennt.

artnet Magazin: Was bedeutet das Nachdenken über solche Zusammenhänge für Ihre Musik?

Christian von Borries: Für mich als Musiker stellt sich da natürlich die Frage, was politische Musik war, ist und sein kann. Da gibt es ähnliche Rückbezüge wie etwa bei Andreas auf die politisch engagierten Maler der 1920er Jahre, auf die „Kölner Progressiven“ Gerd Arntz und Franz Wilhelm Seiwert. Im Musikalischen würde ich so etwas als „plug ins“ bezeichnen, wenn etwa die „Die Internationale“ extrem verlangsamt gespielt wird.

artnet Magazin: Wenn ich Sie so höre, denke ich an Autoren wie Karl Marx und Walter Benjamin und sein „Passagen-Werk“…

Christian von Borries: Der Titel „Auf einmal und gleichzeitig“ ist ein Karl-Marx-Zitat. Das, was Andreas und Alice machen, ist natürlich eher aufklärerisch im klassischen Sinne als das, was ich mache. Ich versuche, auch mit dem Vokabular der Gegenseite zu arbeiten. Deshalb heißt es im Untertitel „Eine Machbarkeitsstudie“, ein Vokabular aus der Betriebswirtschaftslehre.

artnet Magazin: Wie sieht bei Ihnen die Arbeitsteilung aus?

Christian von Borries: Erst einmal gibt es einen riesigen gemeinsamen Fundus bildlicher, textlicher und musikalischer Referenzen in Bezug auf unsere politische Arbeit. Aus diesem bedienen wir uns, da muss man gar nicht viel erfinden. Aber es gab natürlich eine gewisse Aufgabenverteilung. Wir haben uns gefragt, wer denn was kann. Andreas und Alice treten beide in dem Stück auf und Andreas hat auch schon mal Geige gespielt. Aber es ist so, dass Andreas für die Bühnengestaltung zuständig ist, ich für die Musik und Alice dann gesagt hat, dass sie gerne Textvorschläge machen würde. Seit fast einem Jahr treffen wir uns wöchentlich und beraten uns gegenseitig in allen Belangen. So kommen auch von Andreas Vorschläge zur Musik und deren Signalcharakter. Ich bin nicht immer einverstanden, kann ich dies aber musikalisch kommentieren. Wir treten als drei Einzelpersonen auf, sind aber eine Gruppe. Ich habe das Gefühl, dass wir sehr viel voneinander lernen, und das ist der beste Nebeneffekt.

Mehr im Dossier  documenta 12

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