Simon Starling in der Temporären Kunsthalle Berlin

Die Sukkulente auf Welttournee

Gerrit Gohlke, Astrid Mania
6. Februar 2009
Simon Starling: „Under Lime“, Temporäre Kunsthalle Berlin. Vom 7. Februar bis 18. März 2009

Die schönsten Komödien sind wahrscheinlich die ungeplanten. Nicht die Tragikomödien, nicht die gewitzten Screwball-Stücke, sondern die Komödien, die nur deshalb aufgeführt werden, weil es an einem korrekten Drehbuch fehlt. Komödien aus Überforderung oder Gedankenlosigkeit. Komödien, die an der nächsten Straßenecke morgens beim Zeitungshändler spielen, oder sich hin und wieder an öffentlichen Orten entwickeln, wie zurzeit auf dem Schlossplatz, im Herzen Berlins. Dort nämlich hat Simon Starling ein Gehäuse errichtet, das vor Kurzem noch die Morgengabe für eine ganz andere Institution war. Nicht im geometrischen Mittelpunkt einer Hauptstadt stand sein Lehmziegelbau im vergangenen Jahr, sondern im österreichischen Kunstraum Dornbirn. Dort, weit genug von Berlin entfernt, damit sich niemand mehr so recht erinnern kann, war Starlings Lehmziegelhütte im Kleinkathedralenmaßstab eine geradezu demütige Serviceleistung, ein freundliches Stück Entwicklungshilfe. Plant Room (2008) klimatisierte den Dornbirnern ihren baufälligen, witterungsanfälligen und zugigen Ausstellungsraum. Wo man sich kein ordentliches Museumsklima leisten konnte, verfügte man plötzlich über eine Art ästhetisches Pflanzenzuchtzentrum. Die Starlingkammer schuf auf technologisch komplexe Weise eine wohltemperierte Ausstellungszone für Karl Blossfeldts empfindliche Silbergelatineprints. Während alle Welt vom gefährdeten Klima spricht, schützte Starling die Kunst mit der größtmöglichen Unverhältnismäßigkeit. Nun aber, da sein Schutzraum in Berlin angekommen ist, nimmt ihn das Publikum als hochkünstlerische Juxbude wahr. Die Antwort auf die Not wird zum Flirt mit dem Massenpublikum. Dabei hat der unfreiwillige Witz eine doppelte Pointe: Wäre nämlich nicht ein Kakteenhaus von 2002 als zweites Starling-Werk in der Kunsthalle aufgebaut, wäre das Klima für Blossfeldts Prints ohne jede künstlerische Intervention ideal. Erst die Unterhaltungslust der Institution schafft hier einen geschlossenen Kreislauf. Die zu warme Kakteenluft wird von der mitgelieferten Lehmziegelsakristei ausgeglichen. Ein in Österreich noch ortsspezifisch atmendes System wird als Herz-Lungen-Maschine eines kuratorischen Zombies eingesetzt. Dr. Jekyll und Mr. Hyde japsen nach Luft. Soll man das als Sinnbild für die um ihre Identität ringende Temporäre Kunsthalle Berlin verstehen?

Immerhin ist Simon Starling ein Experte für die Komplexität von Systemen. Dabei kann es sich um natürliche Umgebungen ebenso wie um technologische handeln. Es kann auch um kulturelle Systeme gehen. Richtig glücklich ist der Künstler, wenn die verschiedenen Systemkreisläufe sich gegenseitig paralysieren, in ihrer Wirkung verstärken oder gegenseitig zu Tode regeln. Gerne zeigt er auch, wie fragil kulturelle genauso wie ökologische Systeme sind, welche Kettenreaktionen bis hin zum Kollaps die Folge sein können, wenn ein Element aus einem komplexen Ganzen entnommen oder wenn einem solchen ein Fremdkörper aufgepfropft wird. Starling ist aber kein Architekt hermetischer Selbstreferenz. Seine Perspektive schaut von außen auf den Ausstellungsort und misst die ästhetische Praxis an einem äußeren Kontext, auf den sie sich bezieht. Ist es wirklich sinnvoll, solche Arbeiten umzutopfen, bis von ihnen mehr spektakuläre Hülle als Forschungsexpeditionshandwerk übrig bleibt?

Das Kakteenhaus, die älteste der drei gezeigten Installationen, ist ein typisches Beispiel für die ausgeprägte Liebe dieses Künstlers zum Absurden, der hier eine Recycling-Anlage der widersinnigsten Art erfunden hat. Im Mittelpunkt steht ein großer Kaktus, den Starling seiner ursprünglichen Umgebung, der spanischen Tabernas-Wüste entnommen hatte. Dabei ist der Kaktus selbst kein Ureinwohner Iberiens, sondern wurde dort im Rahmen von Dreharbeiten angesiedelt, nämlich für Sergio Leones Spaghetti-Western. Der Kaktus, ein Kino-Opfer. Doch damit nicht genug. Die sensible Sukkulente musste im Volvo des Künstlers gen Norden reisen, in kältere Gefilde, wo ihm der Künstler dann aber mit Hilfe des Automotors ein behagliches Klima im Frankfurter Portikus geschaffen hatte. Dort stand besagter Volvo schon einmal vor einer temporären Kunsthalle herum. Damals wie heute lief ein Motor im Innern des Gebäudes, der durch überlange Auspuffrohre und Benzinleitungen mit seiner Kraftstoffquelle verbunden ist und den Raum durch seine Abwärme Kaktus-tauglich temperiert, während die Abgase unentwegt in die städtische Schmutzluft hinausgeblasen werden. So wird das mobile Transportmittel zur provisorisch installierten Heizungsanlage (Friert der Kaktus eigentlich, wenn er nicht ausgestellt wird?) in einem provisorischen Bau, und die gesamte Installation zu einem anspielungsreichen Sinnbild für den ökologischen Irrsinn, der fossilen Brennstoffen, langen Transportwegen, Gewächshäusern und Verpflanzungen sämtlicher Art innewohnt. Sagt das aber noch etwas über den Berliner Standort aus, oder wiederholt sich hier ein Witz, der als Kommentar in Frankfurt noch eine gewisse boshafte Originalität für sich beanspruchen durfte?

Man könnte die doppelte, sich gegenseitig neutralisierende Reprise noch hinnehmen und sich mit intellektuellem Vergnügen auf all die Wege und Abwege begeben, auf die Starling die Betrachter schickt, würde die neue, eigens für die Kunsthalle entwickelte Arbeit für den Archivcharakter der Ausstellung entschädigen. Doch das tut sie nicht. Für Under Lime (2009) sägte Starling einen Ast von einer der Linden, die der Berliner Prachtstraße ihren Namen gaben, nutzte die Kettensäge dann als Antrieb für einen selbstgebauten Flaschenzug, mit dessen Hilfe er sich samt Ast unter die Decke der Kunsthalle beförderte, wo der Ast nun neben den hölzernen Dachbalken hängt und so tut, als wäre er diesen entwachsen. Gut, der Wortspielmöglichkeiten gibt es hier viele. Sicher könnte man auch Julian Heynen, dem verantwortlichen Kurator folgen, der in seiner Interpretation sämtliche Bezüge zur Linde als Kulturbaum durchdekliniert. Aber ist damit mehr bewiesen, als dass Simon Starling kein Mann für Schnellschüsse und spontane Arbeiten ist? Wenn man hört, wie Starling auf der Pressekonferenz etwa von seinem ortsspezifischen Infestation Piece (Musselled Moore) spricht, das für Torontos Power Plant entstand und aufs Feinste Kunstgeschichte, Ökologie und Politik verschränkt, dafür aber eine Inkubationszeit von zwei Jahren benötigte, wird eines deutlich: Starling braucht Zeit. Zeit aber hat die Temporäre Kunsthalle nicht. Zeit hat sie jeden Tag weniger, könnte man sogar sagen, was sich aber nicht durch eiligere künstlerische Antworten, sondern nur durch einen situationsangepassten kuratorischen Arbeitsstil ausgleichen lässt. Wenn man sich als temporäre, vermeintlich experimentierfreudige Halle überhaupt mit etablierteren Einzelpositionen vorstellen muss, hätte man sich unter einem derartigen Zeitdruck für einen Künstler entscheiden müssen, dessen Werke eine Ortsverlagerung vollkommen unbeschadet überstehen, oder dessen Werke Ortsspezifizität im Schnellverfahren erlauben. Beides trifft auf Starling nicht zu, und so tut die Kunsthalle mit dieser Ausstellung weder sich selbst einen Gefallen, noch dem Künstler und seinem Werk. Berlin aber wartet weiter darauf, dass die Kunsthalle sich selbst erfindet, die verbotenen Fragen stellt, die Kunst aus der Routine kitzelt, weniger Materialschlachten schlägt und mehr Ideenlust zeigt. Ach, wie würden wir diese Halle lieben, wenn sie streitlustig wäre, wagemutig gar. Wenn sie uns verblüffen würde. Reprisen jedoch überraschen nur selten.


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