Silke Otto-Knapp im Kunstverein München

Reibungslose Eleganz

Evelyn Pschak
16. April 2010

Silke Otto-Knapp: „Many many women“ – Kunstverein München. Vom 26. März bis 23. Mai 2010

Es ist ein heiter-geselliges Geistertreffen, zu dem Silke Otto-Knapp in den Kunstverein München lädt: Ätherisch, kaum wahrnehmbar sind die Frauengestalten auf ihren Tanz- und Gartenbildern. Unter den monochrom grauglänzenden Aquarell- und Gouache-Schichten, die Otto-Knapp immer wieder Auswaschungen unterzieht, verblassen ihre Protagonistinnen mehr, als dass sie sich manifestieren. Der Ausstellungstitel, „Many many women“, zitiert aus einem Essay Gertrude Steins. Das Element der ständigen Wiederholung liegt nicht nur dem Schreibstil der amerikanischen Schriftstellerin zugrunde, es ist auch charakteristisches Merkmal des Tanzes, aus dessen Formenrepertoire Otto-Knapp schöpft. Zugleich ist mit dem Bezug auf Stein und andere Literatinnen wie Florine Stettheimer oder auf Pionierinnen des Tanzes – die Gemälde beruhen weitgehend auf alten Schwarz-Weiß-Fotografien – ein feministischer Kontext gegeben, der jedoch ebenso unaufdringlich bleibt wie die zart-ephemeren Werke selbst.Vor diesem Hintergrund überrascht es schon ein wenig, wenn Bart van der Heide, der neue Leiter des Kunstvereins München, sein kuratorisches Debüt mit Werken von Silke Otto-Knapp als „Dialogausstellung zwischen einer jungen konzeptuellen Künstlerin und einem historischen, in seinen Dimensionen sehr präsenten Ort“ versteht. Und damit umreißt der 35-jährige Niederländer auch schon den eigenen Ansatz seines Wirkens: „Ich gehöre zur context generation und sehe meinen Ehrgeiz und meine Verantwortung darin, einem Raum zusätzlichen Wert zu geben.“ Die künftig gezeigten Künstler haben also auf das Gebäude zu reagieren – das könnte schwierig werden, in diesen zwar klassizistischen aber gar nicht heil’gen Hallen, die bekanntermaßen 1937 die hämische Schau „Entartete Kunst“ beherbergten. Ist dadurch nicht schon der Weg zum kontextuellen Arbeiten thematisch eingeengt? Müsste dann nicht jeder Künstler ein zeitgenössisch provokantes, ein die Diffamierung diffamierendes Mahnmal erschaffen? Hat nicht Maria Lind, von 2001 bis 2004 Leiterin des Kunstvereins, mit ihrem institutionskritischen Ansatz die schwierige Geschichte dieses Hauses zur Genüge problematisiert und aufgearbeitet?„Es geht für mich auch darum aufzuzeigen, dass dieses Haus hier weiter zurückreicht als nur bis in die Zeit des Nationalsozialismus“, entgegnet van der Heide. „Zudem war ‚Entartete Kunst’ als Schau in ihrer manipulativen Weise der Bildpräsentation geradezu wegweisend: Die Bilder hingen chaotisch und viel zu nahe beieinander. Preisschilder informierten über den Kaufpreis, den frühere Besitzer zu zahlen bereit gewesen waren. Das war allerdings nicht anerkennend gemeint, sondern eher als ‚wie können Leute für diesen Mist so viel Geld ausgeben?’ Wie auch bei anderen Ausstellungen, die verfemend institutionell Ausgeschlossene vorführen sollten, wurde aus Zeigen politisches Agieren. Diese Art der Präsentation ist es also, die ich im Kunstverein näher untersuchen möchte.“Nun, für eine künstlerisch gestaltete Geschichtsaufbereitung sollte der Kunstverein in der Tat genügend Material bieten: 1823 von ortsansässigen Künstlern sowie dem Architekten Friedrich von Gärtner gegründet, galt der Verein gemeinsam mit der Kunstakademie im 19. Jahrhundert als wichtige Institution zur Entwicklung des kunstmarktrelevanten Standorts München. Bald aber schoss sich der Verein mit süßlichen Tierbildern und verkitschter Landschaftsmalerei ins künstlerische Aus, ignorierte Impressionismus ebenso wie Jugendstil. Bis Ende der 1960er-Jahre sollte der Kunstverein überregional bedeutungslos bleiben. Da hatte er schon – das herrschaftliche Gründungsgebäude in der Arcisstraße war im Krieg zerbombt worden – sein jetziges Quartier bezogen, das Galeriegebäude am Hofgarten beim Odeonsplatz.Großbürgerlich, beschaulich geht es hier zu. Höchstens das metallische Klack-Klack der Boulespieler stört gelegentlich die kastanienbeschirmte Ruhe – und leider auch zu selten ein Kunstvereinsbesucher. „Zwischen 15 und 30“ schätzt van der Heide die Anzahl der Tagesbesucher. In punkto Zielpublika und städtischer Sichtbarkeit tritt der junge Kurator ein schwieriges Erbe an. Seinen Vorgängern – zuletzt Stefan Kalmár, davor Maria Lind, Dirk Snauwaert und Helmut Draxler – wurde theorielastiger Elitarismus für Kunstseminaristen vorgeworfen. Schon Kalmár hatte bei seinem Antritt 2005 angekündigt, aus der Dauerdiskursecke raus zu wollen. Aber trotz der Kritikerwürdigungen Kalmárs – den van der Heide, ebenso wie sich selbst als „visuell orientiert“ einordnet – blieb das Programm nischig. Um innerhalb der Stadt deutlicher wahrgenommen zu werden, will Bart van der Heide künftig mehr mit den institutionellen Lokalheroen arbeiten – etwa durch die Einreihung in „Farbe bekennen. 6 x Malerei in München“, die den Kunstverein an parallel stattfindende Ausstellungen im Lenbachhaus (Maria Lassnig), Haus der Kunst (Ed Ruscha) oder in der Alten Pinakothek (Arnulf Rainer) andockt.Van der Heides Argumentation, warum sich die silbrig verwaschenen Aquarelle stilisierter Tanz- und Gartenszenen Silke Otto-Knapps so außerordentlich für München eignen sollen, klingt indes ein wenig hölzern: „Zum ersten Mal in ihrer Karriere musste sich die Künstlerin hier auf mehr als einen Raum ausrichten. In verschiedenen Kapiteln folgt sie der örtlichen Anordnung und nutzt ihre Bilder wie eine Bühne, ein narratives System. Wir Betrachter werden selbst zu Tänzern, geführt von Material, Farbe und den verschiedenen Präsentationsformen.“ Tatsächlich kommen die Werke in den drei schlichten und hohen Enfilade-Sälen des Kunstvereins hervorragend zur Geltung. Die Hängung ist ungewöhnlich niedrig, sodass man als Betrachter das Gefühl hat, in dieses diffuse Wunderland regelrecht eintreten zu können. Zusätzlich wurden einige der Oberlicht-Fenster im Kunstverein von ihrer opaken Folie befreit, sodass die Gartenszenen Otto-Knapps die Baumwipfel der Galeriestraße zu repetieren scheinen und das einströmende Tageslicht den ohnehin schemenhaften Tänzersilhouetten so weit zusetzt, bis sie ganz im gleißenden Silber zu verschwinden scheinen. Es ist eine überzeugende, spärliche Hängung, die ganz auf die Räume und die Architektur des Kunstvereins zugeschnitten scheint.Mehr leistet die Präsentation aber nicht. Die angestrebte Ortsspezifizität, ja, mehr noch, die Befragung der politischen Implikationen des Zeigens von Kunst an diesem speziellen historischen Ort bleibt aus. Konzeptuell könnte diese Schau in jeder anderen Institution stattfinden, denn sie verhält sich im Grunde völlig neutral. Wenn van der Heide nicht mit einem so ambitionierten kuratorischen Gesamtkonzept angetreten wäre, man hätte eine nicht besonders tiefschürfende, aber sinnliche und elegante Ausstellung gesehen, die tatsächlich exzellent gehängt ist – eine Fähigkeit, die noch lange nicht jedem Kurator gegeben ist. Vielleicht sollte sich der Kunstverein ganz auf die „visuelle Orientierung“ seines neuen Leiters verlassen. Denn institutionskritisiert wurde dieser Ort im Grunde genug. 


Kästchen in Zartrosé von Evelyn Pschak
Wer meint, in München ginge es beschaulich zu, kennt die Galerienszene der Stadt nicht. Denn die ist in Bewegung und so rege wie nie.


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