Shanghai Contemporary 2008

Auf dem Weg nach oben

Stefan Kobel
12. September 2008
„ShContemporary“ – Shanghai Exposition Center, Schanghai. Vom 9. bis 13. September 2008

Schlechte Nachrichten für Berlin und Köln: „Ich bin überzeugt, dass es in fünf oder sechs Jahren nur drei Top-Messen auf der Welt gibt”, so Lorenzo Rudolf, Direktor der ShContemporary, die gerade zum zweiten Mal stattfindet. „Und wenn alles gut geht, wird Schanghai eine davon sein.” Die Aussichten sind gut, denn aktuell ist keine Veranstaltung so global aufgestellt wie die des ehemaligen Art-Basel-Chefs. Dazu liefert die Messe selbst einen gehörigen Beitrag. Das beste asiatische Programm bietet nämlich der vollständig von der Künstler- bis zur Werkauswahl unter Federführung von Huang Du stehende Bereich „Best of Discovery“, der von elf Kuratoren betreut wird, mit Teilnehmern aus dem asiatisch-pazifischen Raum und aus China selbst bis hin zu Ausstellern aus Israel und der Türkei.

Darunter befindet sich beispielsweise mit Chen WenlingsThe God of Materialism eine riesige Muttersau mit einer Fratze, die verzerrte asiatische Züge trägt, umringt von einer kleinen Armee von Ferkeln. Alle paar Augenblicke kommt eine junge Dame und besprüht das Ensemble mit Chanel No. 5. In der Auswahl der Kuratoren fällt auf, wie sehr sich Künstler aus dem gesamten asiatischen Raum mit sozialen Phänomenen beschäftigen – meist verschlüsselt und auf durchweg hohem Niveau. Zum Kuratorenteam gehört auch die Londonerin Sara Raza, die außer für die Tate Modern schon für das Haus der Kulturen der Welt in Berlin gearbeitet hat. Bei Ernst Hilger aus Wien hat sie eine Videoinstallation des Bulgaren (!) Ergin Cavusoglu ausfindig gemacht, bei der auf mehreren Bildschirmen Musiker unterschiedlicher – im realen Leben nicht immer friedlich koeexistierender – Völker auf ihren Instrumenten scheinbar in sich versunken einfache Melodien spielen, die aber zusammen ein komplexes, hypnotisches Klanggewebe erzeugen.

Die zweite Sonderschau sind die „Outdoor Projects“, der Baseler „Art Unlimited“ nicht unähnlich, allerdings mit asiatischem Schwerpunkt. Wim Delvoyes tätowierte Schweine haben es hierher nicht geschafft. Seine bekannte Performance, die eigentlich den Hof des Shanghai Exhibition Centers beleben sollte, fand keine Gnade vor den Augen der Zensoren. Daher durften auch die Messekataloge mit einer entsprechenden Abbildung zwei Tage lang nicht verteilt werden. Das Vorgehen befremdete etwas, denn das Projekt war doch lange bekannt gewesen und hatte bis dahin keinen Anstoß erregt. Die Zensoren fürchteten wohl eine öffentliche Diskussion über Tierquälerei. Systemkritik nämlich ist durchaus erlaubt, wie allenthalben zu sehen ist. Die Installation Kowtow Pumps von Shen Shaomin ist ebenfalls Teil der „Outdoor Projects“ und besteht aus Ölförderpumpen – die als Symbol des Fortschritts gründlich demontiert werden. Die drei rostigen Maschinen sind mit Betongewichten behängt und rattern und rumpeln hin und her, anstatt regelmäßig kreisend ihren Dienst zu versehen. Als Kommentar auf die Zustände im Land ist das deutlich genug. Direkt daneben steht ein in rosa Schrumpffolie gepackter Wegstein des Tibetaners Kesang Landmark aus seiner Heimat.

Auch die Galerien scheuen sich nicht, kritische Werke mitzubringen. Michael Schultz aus Berlin, Seoul und Peking, der in einem angekündigten Eklat ein Gemälde mit Mao-Porträt dabei hatte – das mittlerweile an einen Europäer verkauft wurde – umging den Ausschluss durch temporäres Überkleben, während Urs Meile aus Peking und Luzern kurz nach der Eröffnung mit ansehen musste, wie Beamte eine Bronze Li Zhanyangs abholten, die ein Gewaltverbrechen mit sexueller Komponente aus einem bekannten verbotenen Roman aus der Zeit der Ming-Dynastie darstellt. Die Arbeit wurde trotzdem für 30.000 Euro von einem Chinesen gekauft. Es wäre aber zu kurz gegriffen, die Messe auf das leidige Thema Zensur zu reduzieren. In der Tat zählt die ShContemporary aktuell zu den interessantesten Messen weltweit.

Die chinesischen Galerien leisten dazu allerdings keinen bemerkenswerten Beitrag. Zu viel Appropriation, zu viel Pop und bunte Beliebigkeit prägen hier den Eindruck. Das Gespür für künstlerisch relevante Positionen scheint am Markt deutlich unterentwickelt, zugleich stellt sich aber die Frage, wie das Publikum ein solches entwickeln soll. Wer einmal das Penthouse der Großgaleristin Pearl Lam gesehen hat, weiß, warum etwa Klaus Biesenbach das Kleid der Gastgeberin erkennbar interessanter fand als den wilden Stilmix aus chinesischen Möbeln und Ron-Arad-Liegen zwischen pinkfarbener Decke und wellenförmigem Wandputz, als er sich eine offiziöse Abendeinladung mit auf Kosten des Hauses eingeflogenen New Yorker Journalisten teilen durfte. Zu denken gibt der Umstand, dass an Lam mit ihren fünf Galerien (drei in Schanghai, je eine in Hongkong und Peking) kaum jemand vorbeikommt, der einen Fuß in die Tür zum asiatischen Kunstmarkt setzen will. Das wissen die Messeleiter von Frieze bis Art Basel ganz genau, die am Abend zuvor ebenfalls ihre zeremonielle Aufwartung gemacht hatten.

Unter den internationalen Teilnehmern der Messe sieht man bekannte Gesichter. Die Basel-Prominenz gibt sich ein Stelldichein und trifft auf die entsprechenden Sammler, obgleich das nicht von allen Ausstellern so wahrgenommen wird. Vor allem die europäischen Galerien vermissen mehr europäische Sammler. Das mag zum Teil daran liegen, dass man sich von der gleichzeitigen Biennale mehr versprochen hatte. Vielleicht sind in diesem Jahr aber auch einfach so viele Asiaten vom ganzen Kontinent angereist, dass sie nun die überwältigende Mehrheit stellen. Die üblichen Amerikaner, darunter die Familien Rubell und Mordes, sind ebenfalls dabei. Das passende Publikum ist also da und oft ebenso sachkundig wie lernwillig, bemerkt Hans Mayer aus Düsseldorf. Er vergleicht die Messe sogar mit den ersten Ausgaben des Kölner Kunstmarktes, dem Vorgänger der Art Cologne: „Es ist ein bisschen wie in den ersten Jahren in Köln, als alle deutschen und europäischen Sammler kamen. Das gilt hier für den gesamten asiatischen Raum.“

Eine große plastische Wandarbeit Tom Wesselmanns hat er schon in den ersten Stunden für 250.000 Euro an einen Hongkong-Chinesen verkauft. Ähnlich positive Erfahrungen hat Ursula Krinzinger aus Wien gemacht, die gleichfalls zum zweiten Mal dabei ist und wegen des Erfolges gleich eine One-Man-Show mit Arbeiten von Hans op de Beeck arrangiert hat, der bei asiatischen Sammlern und Kuratoren gut ankommt. Es ist wohl schon so, wie Waling Boers von der Boers-Li Gallery aus Peking sagt: „Chinesischen Mainstream kann man in Hongkong zeigen, aber das ganz Zeitgenössische ist wegen der Internationalität besser in Schanghai aufgehoben.“ Gleichwohl ist das Geschäft mit der westlichen Kunst schwierig, wie etwa Thomas Schulte aus Berlin und Karsten Greve aus Köln/Paris/St. Moritz feststellen. Aus dem Kaffeesatz der ersten Tage wollen sie jedoch nicht lesen. Florian Baron von der Galerie Christian Nagel aus Köln und Berlin, die sich einen Stand mit Alexander Ochs und Tian Yuan aus Berlin und Peking teilt, meint gleichfalls: „Ich denke, wenn sich eine Messe etabliert, dann eher die hier als die CIGE (China International Gallery Exposition) in Peking“. Es braucht halt einige Jahre, bis die zu Geld gekommenen Chinesen den Anschluss gefunden haben. Das gilt nicht nur für Sammler, sondern ebenso für große Bereiche des künstlerischen Angebots. Auch deshalb sollte man der ShContemporary einen langen Atem wünschen.


Mehr im Dossier  Kunst in China

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