25. November 2009
Sean Paul: „Sprachbarrierenstrasse“ – COMA Centre for Opinions in Music and Art, Berlin. Vom 30. Oktober bis 23. Dezember 2009Augenwischerei, Scharlatanerie, fauler Zauber, es sind solche Anschuldigungen, in denen sich bis heute die Skepsis gegenüber einer Kunst äußert, die sich ihrem Kern nach als relational begreift. Das Wesen der Kunst, ihr eigentliches Sein besteht – das ist die allerwichtigste Lektion der Moderne – in der grundsätzlichen Verhandelbarkeit. Das heißt, dass Kunst im Prinzip alles sein kann. Es heißt aber nicht, dass sie damit automatisch alles wäre. Und ob wir’s mit gelungener oder einer weniger gelungenen Kunst zu tun haben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Hier unterscheidet sich Kunst wesentlich von den Spekulationsgeschäften auf dem Finanzmarkt, die uns mit ungebrochener Vehemenz – und wider alle Vernunft – vor Augen führen, dass sich aus weniger als Nichts Gold gewinnen lässt.
Wenn Kunst aber alles sein kann, dann kann eine Ausstellung auch wie ein cooles, end-stylishes Foyer etwa einer Bank aussehen. Da, wo das Weiß weißer strahlt als noch die reinste Weste, wo unter Atmosphäre spendenden Palmen tiefe, solide-schwarze Ledersessel im Norman-Foster-Design die Wartezeit bis zum Termin verkürzen. Wo die Kunst an den Wänden hinreichend modern, doch immer unauffällig genug ist, um unsere Gedanken nur ja nicht vom Geschäftlichen abzulenken. Wo uns stets attraktive und stets entgegenkommend lächelnde Empfangsdamen mit stets ähnlich unverbindlichen Worten darauf vertrösten, dass wir sicher bald an die Reihe kämen.
Ein bisschen ist es so in Sean Pauls aktueller Soloschau bei COMA. Der Galerieraum erstrahlt in weißer, steriler Weite. Monochrome, teils als Bild, teils als Fries an den Wänden arrangierte Dibond-Tafeln unterschiedlichen Formats und Zuschnitts lassen uns im Unklaren darüber, was wir da eigentlich sehen. Und das hintere Kabinett der Galerie ist wie eine Lounge eingerichtet. Mit einem wuchtigen Sessel (tatsächlich ein Foster-Entwurf!) samt dreier allmählich vor sich hin welkender Bäumchen – einmal vom Typ amerikanischer, zweimal deutscher Eiche –, die, ohne Wurzelwerk, wie aus dem Boden gestampft auf dem schicken Betongrau stehen. Ihr welkes Laub, die abfallenden Blätter, ebenso wie ein offenbar vom Transport etwas derangiertes, aufquellendes Baumwollpaket stören das ansonsten klinische Bild der Ausstellung. Konterkarrieren den ornamental-minimalen Chic des ansonsten so elegant-lapidaren Arrangements.
„Sprachbarrierenstrasse“ nennt Paul (Jg. 1978) adäquat kryptisch seine Schau. Und dennoch trifft er damit den Nagel auf den Kopf. Sprachbarrieren, sie bestehen zwischen dem, was das ästhetische Vokabular dieser Schau ausmacht, und seiner Übersetzbarkeit. Eine in ihrer interpretativ/assoziativen Offenheit fast schon nervende Tour der Zeichen und Bezüglichkeiten, der Buchstäblichkeit und des Referenziellen, der Dinge und Displays hat uns der US-Amerikaner vorgesetzt. Doch will man wissen, wie sich diese entschlüsseln ließen und was ihr Anliegen sein könnte, scheint es nicht nur die prognostizierten Sprachbarrieren zu geben, sondern gar handfeste Kommunikationssperre zu herrschen. Erst wenn wir von dem stabilen Gefüge des installierten Zusammenhangs aus ins Detail gehen, wenn wir uns darauf einlassen, wie der Text dieser Ausstellung konfiguriert ist (und nicht gleich sehen wollen, was er bedeutet), kommt Leben in die „Sprachbarrierenstrasse“.
Die grafisch-diagrammatische Sprache, die Sean Pauls Monochrome sprechen – sie zerfällt beispielsweise in verschiedene Themenkreise, auf deren Provenienz uns ihre Titel hinweisen: Denn bei so gleichförmigen Bildreihungen wie A2 x 5 oder A4 X 7 (alle 2009) ist der Name Programm. Hier haben wir es mit Standardformaten zu tun, wie sie die deutsche Industrienorm etwa für Papiergrößen festlegt und die hier zum ornamental installierten Bildobjekt werden. Das Rätsel der gleichfalls aus monochrom-weißen Dibond-Tafeln geschnittenen Mauerstrasse oder der verschiedenen Varianten von Five oder Zero löst sich durch einen Blick auf den Stadtplan von Berlin auf. Mauerstrasse bildet das kartografische Raster der benachbarten gleichnamigen Straße nach, Five oder Zero erklärt sich als grafische Darstellung von Zahlen auf Geldscheinen. Dieses Bildprogramm dekliniert damit Idiome des Abstrakten, der Kartografie, der Normierung, der Typisierung durch. Es demonstriert uns in seinen installativ erzeugten Leer- und Anschlussstellen, in der Buchstäblichkeit der Objekte und ihrer metaphorisch gewendeten Fragmenthaftigkeit als Zeichen, wie alltäglich, vertraut, ja, wie banal – auf der Ebene der Repräsentation – Abstraktionsprozesse und deren Dechiffrierung geworden sind.
Den zwischen Polen wie Monochromie/Entleerung und Installationsrequisit/Anwendung eingespannten „Bildern“ stehen handfeste Gebrauchsgegenstände gegenüber: der massive Baumwollballen, der schwarze Designersessel sowie die kurz über der Wurzel abgeschnittenen Eichenbäumchen. Nicht Ready-made-Skulpturen aber auch nicht mehr (oder noch nicht) Funktionsgegenstände, bilden diese Objekte den denkbar schärfsten Kontrast zu den Monochromen. Tatsächlich aber verweisen sie, mit Ausnahme des Sessels, auf die Rohstoffe, die bei der Herstellung von Banknoten nötig sind. Der materiale Aufwand, der bei dieser Produktion zum Einsatz kommt, steht in starkem Kontrast zu der enormen Abstraktionsleistung, die sich in der Erfindung und dem Gebrauch von Papiergeld äußert.
Denn, laut Pressetext, entspinnt Paul seine Ausstellung um die Idee der Währung herum, konkret am Beispiel der noch jungen Erfindung des Euros. Dadurch wird das Anliegen dieser Schau nicht unbedingt zugänglicher. Aber was ihre Stärke sein könnte, weist sie ohnehin aus eigener Kraft nach. Ihr ist nämlich bewusst, dass die Währung der Kunst auf Vereinbarungen basiert. Und sie zeigt, wie Vereinbarungen zustande kommen, so wie sie ihr Material, von den Dingen bis zum Zeichen, von der konkreten Form bis zur möglichen Bedeutung, im Prozess der Abstraktion und Neucodierung findet und bearbeitet. Solches Wissen ist in den herrschenden Krisenzeiten, die – wie wir gerade an den staatlichen Rettungsaktionen sehen können, Vertrauenskrisen sind – fast hilfreicher als eine Bank.