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sculpture@City Nord in Hamburg

Bühnen für den Geist

Belinda Grace Gardner
7. August 2006
sculpture@CityNord – Skultpturenprojekt 2006”, City Nord Park, Hamburg. 14. Mai bis 24. September 2006

„Machen Sie zwei Schritte gleichzeitig“, so lautet eine hintersinnige Botschaft am Eingang des aktuell von allerlei wundersamen Konstruktionen belebten Parks in der Hamburger City Nord. Inmitten künstlich angelegter Landschaft, wo man bisher vor allem das Gras wachsen hören konnte, haben rund 30 Künstlerinnen und Künstler temporäre Skulpturenprojekte realisiert. Großenteils wurden sie speziell für den weitläufigen, circa 500 Meter langen und 150 Meter breiten Grünstreifen geschaffen, der sich zwischen brutalistischen Betonklötzen hinzieht – charakteristische Bebauung der in den 1960er und 1970er Jahren hochgezogenen Bürostadt. Einst war hier innovativer Sitz der Hauptverwaltungen großer Konzerne, von ineinander verwobenen Wohnkomplexen und Ladenpassagen, heute herrscht viel Leerstand und entsprechend wenig pulsierendes Leben.

Mit der Freilichtausstellung sculpture@CityNord, die bis September im Park gastiert, hat sich das Bild schlagartig geändert. Sie ist Ergebnis eines Zusammenwirkens zwischen der Grundeigentümer-Interessengemeinschaft City Nord GmbH (GIG), die auch als Veranstalterin des Skulpturenprojekts fungiert, mit dem Galeristen Peter Borchardt und dem mittlerweile recht bekannten Jung-Sammler Rik Reinking – beide aus Hamburg. Finanziert wurde das Projekt ausschließlich aus privaten Mitteln mit dem Ziel, die ins Abseits geratene City Nord zu vitalisieren.

Das eigenwillige Schild zu Beginn des Skulpturenparcours entspringt der Serie Anweisungen von Matthias Berthold. Seine Aufforderungen gegenläufiger Art laden dazu ein, Alltagshandlungen einmal ganz anders aufzufassen. Dieses Bewusstsein erweiternde Potenzial verbindet die präsentierten Beiträge. Die geglückte Zusammenstellung skulpturaler Arbeiten von jungen und arrivierten, örtlichen und internationalen Produzenten überzeugt nicht nur in Sachen Kunst im öffentlichen Raum, sondern auch in Bezug auf die Frage, wie sich der Begriff „Skulptur“ zeitgemäß umsetzen lässt. Ganz zu schweigen von der positiven Aufladung des spezifischen urbanen Quartiers – wo immerhin noch 300 Firmen mit etwa 30.000 Beschäftigten ansässig sind – durch die Kunst.

Die im Zuge schrumpfender Haushaltskassen stark reduzierten Kunst-im-öffentlichen-Raum-Realisierungen, für die Hamburg einst deutschlandweit wegweisend war, erhalten in Gestalt dieser Privatinitiative eine neue Umdrehung. Galerist Peter Borchardt, bereits seit 2003 mit der GIG über denkbare Kunstkonzepte für die City Nord im Gespräch, konnte Reinking vor gut einem Jahr als Kurator für das Skulpturenprojekt gewinnen. Etliche der von Reinking ausgewählten Teilnehmenden sind auch in seiner Sammlung zu finden. Allerdings geht es hier weniger um dubiose Wertsteigerungsmaßnahmen oder gar Selbststilisierung. Die von Reinking gesammelten Positionen gehören nicht zu den gepushten Spekulationsposten des Kunstbetriebs. Generell favorisiert er konzeptuelle Ausrichtungen, die zum Nach- und Mitdenken anregen, denen etwas Prozessuales, Ephemeres, Partizipatorisches und tendenziell Provisorisches innewohnt.

Eben solche Ansätze kommen gegenwärtig im City Nord Park zum Tragen, denn nicht die möglichst attraktive Möblierung eines wiederzubelebenden Stadtteils stand im Fokus, sondern die intensive Bespielung eines komplexen, von vielen divergierenden Aspekten determinierten urbanen Raums. Die poetische Intervention, das magische Zeichen, das überraschende Gegenbauwerk zu den „monolithischen Gebilden“ (Borchardt) der bestehenden Architektur erweisen sich als adäquate Mittel der Unterwanderung, Hinterfragung und Umdeutung der vorgefundenen städtebaulichen Konstellationen.

Vielfach geht es dabei märchenhaft zu – im mehrdeutigen Sinne. Das gilt beispielsweise für die kleinste, aber vielleicht implikationsreichste Arbeit, ins Spiel gebracht von Johannes Esper. Vor der Eröffnung des Skulpturenparcours Mitte Mai begab er sich im Morgengrauen ins Ausstellungsgelände und warf im Beisein eines Notars einen Diamanten in hohem Bogen fort. Dass der winzige Stein je wieder gefunden wird, ist höchst unwahrscheinlich. Dennoch weckt der verborgene Brillant Begehrlichkeiten und wirft eine Werte-Debatte auf: Die Miniatur-Skulptur in Form des geschliffenen Kristalls operiert als Auslöser einer Debatte über Form und Inhalt, künstlerischen (Mehr-)Wert und gesellschaftliche Wertesysteme.

Die Brüche zwischen den realen Erscheinungen und den Wunsch- oder Phantasiebildern kommen in der Skulpturenschau an vielen Stellen zum Ausdruck: in Jimmie Durhams eiserner Hintertür (Back Door), die nirgendwo hinführt, ebenso wie bei Sonja Vordermaiers von Spinnen umwobener, zum üppigen Kronleuchter mutierten Straßenlaterne. Sie offenbaren sich in George Lappas’ winzigen Feenstühlen im Baumgeäst, in Christian Forsens Hirnkrippe, im zarten Farbspiel einer „drehbaren Nische im Raum“ (Ponton) von Winter/Hörbelt oder in Stefan Panhans’ mit sprechenden Details angereichertem Calibra, aus dessen verschlossenem Interieur dröhnender Sound boomt.

Yoshiaki Kaihatsus Blue Sky Cloakroom – eine Garderobe unter offenem Himmel – symbolisiert die Utopie einer öffentlichen Stätte, wo jeder seine Sachen zur Aufbewahrung hinterlegen kann, ohne dass sie abhanden kommen. Die wie Pilze aus dem Boden schießenden Keramikzungen von Hermine Antoine verdichten sich unter einem Baum zum – etwas monströsen – Sinnbild vielstimmiger Kommunikation, während Nir Alons in den Lüften schwebender Sitz an einen sorgfältig austarierten Zustand zwischen Himmel und Erde denken lässt und Rolf Bergmeiers durchlässiger geometrischer Raum aus verschnörkeltem Geäst Natur und Kultur vereint.

Formale Strenge, durch inhaltliche Dynamisierung in Wallung gebracht, ist ein weiterer thematischer Strang des Skulpturenprojekts – zu entdecken beispielsweise im rot leuchtenden Farbguss auf freier Wiese von Rainer Splitt, in poison ideas Großer Pfütze in der Landschaft oder Lawrence Weiners diskretem statement 020, bestehend aus Straßenfarbe, die auf den Rasen aufgesprüht wurde, und solange bestehen bleibt, bis sie von selbst herauswächst. Wulf Kirschner wiederum stellt sein stählernes Buchobjekt 200 als Stoff in den Raum, der auf nonverbale Weise zu lesen ist. Und Daniel Man präsentiert einen minimalistischen Regentempel nach chinesischem Vorbild, der beim Durchschreiten ein anmutiges Muster aus Wasserstrahlen erzeugt.

Weiteres zentrales Thema ist der gebaute Raum als Plattform für Zusammenkünfte, Gespräche, Lesungen, Konzerte und Aufführungen. „Skulptur“ bedeutet in diesem Fall, wie Kurator Reinking es formuliert, „Bühnen zu schaffen, wo etwas passiert“; sei es im Geiste oder in der greifbaren Wirklichkeit. Erfahrbar etwa in Thorsten Passfelds Bahnhofsklo zum letzten Anfang, einem absurden Häuschen, das sporadisch als Aktionsfläche dient. Oder in Till F. E. Haupts Real Life L.A.B. aus fünf begehbaren Kuben mit Bücherwand, Bett, Sitzecke und Bar – einer Art sozio-kultureller Forschungsstation, die angeblich zeitweilig sogar vom Künstler bewohnt wird.

Von poetischer Wirkungskraft dann wieder Volker Langs 8 1/2 Circus Space, das „Tortenstück“ eines Zirkuszelts, das dennoch genug Platz für Auftritte der Berliner Artistengruppe Orbiscularum Oculis bietet. Die Idee für die Bruchstückbühne knüpft an literarische Vorlagen, unter anderem von Kafka, an. Nach profanerem Vorbild entstand Jan Köchermanns Unterführung 3 als originalgetreuer Nachbau einer Passage in der Hamburger Innenstadt. Die hier widersinnig-überirdisch platzierte Unterführung ist ihrerseits Schau- und Hörplatz für Bandauftritte im Rahmen der seit elf Jahren bestehenden legendären Hamburger Musikerperformance 1 Liter Diesel.

So bringen die vielen Erlebnisse, die durch die Kunst vorübergehend im City Nord Park geboten werden, zum Staunen und involvieren das Publikum unmittelbar ins ästhetische Geschehen. Es ist zu wünschen, dass sculpture@CityNord, wie bereits avisiert, den Auftakt für eine Folgeveranstaltung in zwei Jahren bildet und womöglich langfristig zur regelmäßigen Experimentierplattform wird. Dass ein so umfängliches Projekt auch künftig vermutlich nur auf Basis privater Finanzierung umgesetzt werden kann, ist Spiegel unserer Zeit.


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