„Scorpio’s Garden“ in der Temporären kunsthalle berlin

Nährkultur für Berlin-Klischee

Astrid Mania
14. Oktober 2009
„Scorpio’s Garden“, zusammengestellt von Kirstine Roepstorff – Temporäre Kunsthalle Berlin. Vom 25. September bis 15. November 2009

Zeit ist bekanntlich relativ. Wenn man eine begrenzte Lebenserwartung von gerade einmal zwei Jahren hat, dann können zwölf Monate schon eine sehr lange Zeitspanne sein. Und so hat im Jahr zwei der Temporären Kunsthalle Berlin auch nicht einfach ein neuer Abschnitt begonnen, sondern eine neue Ära. Die Marschrichtung gibt nun Angela Rosenberg vor, die seit dem Weggang von Thomas Eller das Ausstellungsprogramm entwickelt, „in Absprache mit den künstlerischen Beratern (Dieter Rosenkranz und Coco Kühn), sowie Benjamin Anders, dem Geschäftsführer der Temporären Kunsthalle Berlin“. Und um die Umwälzungen auch nach außen hin zu demonstrieren, wurde die Fassade der Kunsthalle ebenfalls neu gestaltet. Gerwald Rockenschaubs eckige Wolkenmalerei, die in ihrem markanten Blau-Weiß fast schon zum Signet des Ausstellungskubus geworden war, ist einer Palast-der-Republik-Mimesis gewichen. Bettina Pousttchi hat mittels Fotoinstallation den abgerissenen DDR-Renommierbau wieder auferstehen lassen. Bemerkenswerterweise war der Kölner Fotograf Lukas Rothmit einem fast identischen Vorschlag – allerdings wollte er den Palast nicht in kühlem Schwarz-Weiß, sondern im glühenden Orange eines Sonnenaufgangs zeigen – vergebens an die Kunsthalle herangetreten.

Auch im Innern wird ab jetzt alles anders, wenn die Kunsthalle auch nicht wirklich zu vermieten ist, wie ein bestellter PR-Gag auf einer Immobilien-Internetseite suggeriert. Aber nachdem der Reigen der vier Einzelausstellungen eher mehr als weniger bekannter Berliner Künstler an sein Ende gelangt ist, dämmert nun das Zeitalter der Künstler-kuratierten Gruppenausstellungen. So soll endlich den Forderungen nach einem breiteren Einblick in die Berliner Kunstszene begegnet werden, nach einem Ort, der ein Spiegelbild der experimentellen, vielfältigen und internationalen Szene der Stadt sein könnte. Denn wollte das die Temporäre Kunsthalle nicht einmal sein? Jetzt besinnt man sich also auf die Gründungsideale. Es scheint, als würde nun der Anschluss an die erfolgreiche und nahezu legendäre Ausstellung „36x27x10“ im „White Cube“ des Palastes der Republik anno 2005 gesucht. Diese war seinerzeit von Coco Kühn und Constanze Kleiner – den Initiatorinnen der Temporären Kunsthalle – gemeinsam mit Thomas Scheibitzrealisiert worden. Wie also wird nun verordnet, was seinerzeit improvisiert und spontan entstand? Und lässt sich der Charme der Selbstorganisation mit all ihren Chancen und Risiken überhaupt in den geordneten Bahnen institutioneller Lenkung nachbilden?

Von geordneten Bahnen ist man, zumindest kuratorisch, derzeit weit entfernt. Kirstine Roepstorff, der die undankbare Aufgabe zufiel, als Erste die Bühne betreten zu müssen, hat, wenn man es positiv wenden möchte, ein kreatives Chaos entfesselt. Dabei nimmt sie bescheiden das Etikett „zusammengestellt von“ für ihre Schau „Scorpio’s Garden“ in Anspruch. Der Garten soll Metapher für das schöpferische Berlin sein, dessen fruchtbarer Boden allerlei künstlerische Ausdrucksformen hervorbringt, aber auch Sinnbild sichtbar in die Natur eingeschriebener Kultur mit all ihren Konventionen und Normen. Doch schon die Ausstellungslegende mit ihren sage und schreibe 50 Positionen und Nummern erinnert an ein unübersichtliches Spielbrett, dessen einzelne Felder sich eigenmächtig von ihren Koordinaten wegbewegt haben. Der Weg durch die Ausstellung wird so zu einer mühevollen Schnitzeljagd. Wohl dem, der die hier gezeigten Künstler kennt und nicht auf den Plan zum Zwecke der Orientierung und Identifikation angewiesen ist. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, sich eine Schneise durch die Schau zu schlagen: über die Rampe, die den Betrachter gleich vorneweg zu einem erhöhten Aussichtspunkt führt, und über den Gang um diesen architektonischen Einbau herum. Auf der Schräge haben sich etliche Skulpturen aufgebaut, die den Betrachter dazu zwingen, einen irgendwie stabilen Standpunkt ihnen gegenüber einzunehmen. Aber auch ringsum, auf dem flächenmäßig stark reduzierten Bodenniveau, herrscht Horror Vacui. Jeder Winkel wurde ausgenutzt – die Wände, Nischen in und unter der Rampe, der verbleibende freie Raum. Einiges ist durch halbdurchsichtige Stoffbahnen voneinander abgegrenzt, um wenigstens etwas Struktur zu schaffen. Wer die dichten, mit Psychoanalyse, Identitätskonstruktion, medialer Repräsentation, Utopien, Politik und künstlerischer Selbstreflexion kokettierenden Collagen von Kirstine Roepstorff kennt, der wird in diesem visuellen und inhaltlichen Overkill unbestreitbar die Handschrift der Künstlerin wiederfinden.

Wobei die Frage, inwieweit sich ein künstlerisches Prinzip im Akt des Kuratierens niederschlägt, ob Künstler-Kuratoren andere Ausstellungen hervorbringen als „Kuratoren-Kuratoren“, ob sie gar ein anderes Empfinden für die Installation der Werke im Raum haben, ausgesprochen spannend ist. Roepstorff überträgt ihren ästhetischen Ansatz jedenfalls ziemlich genau von der Fläche in den Ausstellungsraum. Die Auswahl der Künstler ist wohl überwiegend auf Netzwerke und Freundschaften zurückzuführen, was nicht in jedem Fall ein Manko sein muss. Doch inhaltlich wird diese Schau dadurch nur lose zusammengehalten – allenfalls das Befragen von Konventionen, seien sie sozialer oder ästhetischer Natur, rankt sich als Sujet an einigen Werken entlang: Man findet es bei Monica Bonvicinis Gartenzäunen und Einfriedungen als Sinnbilder sozialer Demarkationslinien wie auch in den Reflexionen über Homosexualität und geschlechtliche Normen von Henrik Olesen oder Dean Sameshima. Laura Horelli arbeitet sich am Rollenbild der Frau ab, während Judith Hopf allegorisch das karge Ästlein eines Essigbaums als Hommage an dessen unerschütterliche Widerständigkeit an die Wand montiert. Kunstimmanente, genrespezifische Konventionen werden in Sharyar Nashats kühlen Sockeln oder Bänken erkundet, die sich selbst, ihr Material und ihre Form zur Schau stellen, wie auch in den seltsam dräuenden, schwarzen Skulpturen Julian Göthes, die an überdimensionierte Schachfiguren denken lassen. Daneben und dazwischen die malerisch-installativen Erinnerungsaltäre und Therapieliegen Amelie von Wulffens, die aus Aktuellem gespeisten, an mittelalterliche Weltbilder erinnernden Verschwörungs-Diagramme von Suzanne Treister, Kirsten Pieroths aufblasbares Gummiboot, das durch das Spiel eines Akkordeons mit Luft gefüllt wurde. Und natürlich dürfen auch Elmgreen & Dragset nicht fehlen, die einen künstlichen Blumenstrauß mit einer überschwänglichen Dankeskarte, angeblich von der Hand des umtriebigen Kunstsammlers Christian Boros, gleich am Beginn der Ausstellung auf einem Sockel platziert haben. Als Vanitas-Symbol verkauft der Pressetext das. Eitel ist das sicherlich.

Am Ende hat man viel gesehen, vielleicht sogar ein wenig zu viel. Wer von dieser ersten Ausstellung einen Wegweiser durch den Berliner Kunstdschungel erwartet, der sieht sich enttäuscht. Wer von einer Gruppenausstellung eine kuratorische These erhofft, wünscht vergebens. Wer aber das Klischee ungezügelter Kreativität und sprudelnder Vielfalt sucht, der kommt in dieser Ausstellung auf seine Kosten. Aber muss sich Berlin, müssen sich Teile des Kunstbetriebs immer noch selbst abfeiern? Das Bild von der ach so coolen Szene aufrechterhalten? Nichts zeigt diese Ausstellung genauer, als dass sich das Improvisierte und Spontane nicht in der Retorte nachzüchten lässt. Der Selbstversuch im White Cube Marke Eigenbau ist etwas anderes als die auf Hipness getrimmte Gruppenschau im Treibhaus einer Institution. Hier darf man thematische Stringenz und inhaltliche Konzentration erwarten (und vielleicht auch eine Präsentationsform, die intensiv, aber weniger klaustrophobisch ist). Mit anderen Worten: Man würde erwarten, dass die Kunsthalle mit ihren Ausstellungen in ihrem zweiten Jahr reflektiert, was sie tun will und wozu sie gut ist, anstatt ein Erfolgsmodell von gestern zu reproduzieren, das sich der Verpflanzung aus seinem ursprünglichen Kontext widersetzt. Die Quittung für dieses Herumlavieren haben jetzt alle Berliner erhalten. Seit Montag ist die permanente Kunsthalle vom Tisch. Die Regierungskoalition hat sich auf eine „mobile Kunsthalle“ geeinigt, die nichts anderes als die Schrumpfversion aller bisherigen Pläne ist. Berlin darf aus dem Kunsthallentraum nicht mehr erwachen. Die SPD kündigt einen weiteren zweijährigen Probebetrieb an. Der Etat von 200.000 im ersten und 400.000 Euro im zweiten Jahr lässt kühne Visionen nicht mehr zu.

Es hilft nichts, mit dem Finger auf die planlose Politik zu zeigen, die auf diesem Weg die Kunsthallenpläne schrittweise beerdigt. Man muss auch die kuratorische Verantwortung der Temporären Kunsthalle und die Konturlosigkeit der öffentlichen Debatte beklagen. Keiner der Kunsthallenvisionäre hat bisher einen einleuchtenden Plan für die Institution vorgelegt. Sollte Berlin vielleicht endlich darüber nachdenken, was seinen Institutionen fehlt und was es wirklich als hauptstädtischer Kreativstandort leisten will?

Mit Werken von Monica Bonvicini, Enrico David, Jason Dodge, Elmgreen & Dragset, Isa Genzken, Julian Göthe, Karl Holmqvist, Alexandra Hopf, Judith Hopf, Laura Horelli, Anna-Kavata Mbiti, Shahryar Nashat, Henrik Olesen, Kirsten Pieroth, Lotte Reiniger, Dean Sameshima, Dash Snow, Josef Strau, Suzanne Treister, Susanne Winterling, Amelie von Wulffen

Performances & Lectures von Nevin Aladag, assume vivid astro focus, Gerry Bibby, Juliette Blightman, Kerstin Cmelka, Simon Fujiwara & Tim Davies, Karl Holmqvist, Judith Hopf, Fiona James, Sergey Karamyshev, Douglas Kløvedal, Warren Neidich, Gustav Opland, Yorgos Sapountzis, Elvis Schlaegel, Egill Sæbjörnsson & Marcia Moraes


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