16. Januar 2007
art_clips.ch performativ. Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern. 24. November 2006 bis 17. März 2007 In einer idyllischen ländlichen Umgebung, mit dem Auto etwa 15 Minuten von Bern entfernt, befindet sich die Galerie Henze & Ketterer. Wichtrach nennt sich der Ort. „Noch nie gehört“, denken sich die einen. Die anderen gehören einem internationalen Kunstpublikum an, das dieses Berner Dorf - dank der Galerie, die erst kürzlich als Verwalterin des Nachlasses von Ernst Ludwig Kirchner im Zusammenhang mit dem Restitutionsfall des Gemäldes „Berliner Strassenszene“ in die Schlagzeilen kam - bestens kennt. Die Landstrasse entlangfahrend, vorbei an Bauernhäusern, Feldern und Dorfkirchen stößt man auf der Höhe der Galerie plötzlich auf einen sehr modernes Gebäude. Es ist das 2001 von den Architekten Gigon/Guyer entworfene Kunstdepot. Dessen Funktion ist zweifach: Das Erdgeschoß dient der Galerie als Depot, im ersten Stock befindet sich ein großzügig gestalteter Ausstellungsraum, der für Wechselausstellungen genutzt wird. Noch bis zum 17. März 2007 ist hier eine bemerkenswerte Video-Ausstellung zu sehen, die vom in Bern wohnhaften Kulturphilosophen und Videospezialisten Gerhard Johann Lischka kuratiert wurde.
Es handelt sich dabei um eine Ausstellung, die man im Umfeld der mehrheitlich auf „traditionelle“ Kunst spezialisierten Galerie nicht unbedingt erwarten würde. Betritt man nämlich den überdimensionierten, hohen Raum im ersten Stock des Depots, so wird man überflutet von einem Schwall großformatiger flimmernder Videobilder und übermäßig lauter Geräuschen - nichts mehr da von ländlicher Besinnlichkeit und hehrem Kunstgenuss in meditativer Stille! Es ist in der Tat so laut, dass man am liebsten gleich wieder umkehren möchte. Doch bleibt man schnell bei den an die Wand projizierten Bildern hängen, die sich, eins nach dem anderen, friesartig über beide Längs- und eine Stirnwand ziehen. Stellt man sich vor eine der Projektionen, mit dem Rücken an die gegenüberliegende Wand gelehnt, flauen die Geräusche ein wenig ab - denn man steht direkt unter einem Lautsprecher, der ausschließlich den Ton des Videos im Blickfeld wiedergibt und die anderen Klänge und Stimmen übertönt. Zumindest beinahe. Doch das genügt, um sich, mehr oder weniger konzentriert, den neun Videos und ihrem Inhalt widmen zu können.
Derart an die Wand gelehnt, kann man die Bekanntschaft mit neun Schweizer Künstlern machen, die sich in ihren Videos selbst in Szene setzen. Den Anfang bestreitet Ariane Andereggen. Bekannt als Schauspielerin und Medienkünstlerin erzählt sie uns einige kurze Minuten lang die gefilmte Geschichte ihres Ichs. Erik Dettwiler braucht etwas mehr als drei Minuten für seine Levitation mit Bürodrehstuhl und Lori Hersberger dreht bedächtig und mit viel Lärm mit dem Motorrad Kreise auf einer Plattform und hinterlässt so seine malerischen Spuren in der Überspitzung einer abstrakt-expressiven Geste. Frantiček Klossner ist mit seinem spektakulären Video Mess Up Your Mind vertreten. Mit einer Highspeed-Kamera filmte er prustende Lippen, die nun - in Großaufnahme und verlangsamt - ihre absurde Wirkung nicht verfehlen. Wir sehen Heinrich Lüber in selbst gewählter Pose rezitierend und Chantal Michel, die sich als wilde Furie gebart und in Die Falle Unverständliches in die Kamera stammelt und dabei jault. Victorine Müller taucht mit anderen Frauen in einen Wassertank ab, und das Künstlerduo Chiarenza/Hauser alias RELAX hantiert mit selbst kreierten Plastikringen. Den krönenden Abschluss bildet schließlich Rudolf Steiners Mystery Park #7, das den Künstler an eine Wand mit Steckdose pinkeln zeigt, bis ihn schließlich ein elektrischer Schlag trifft und er umfällt.
Zwei Dinge haben diese Videos gemeinsam. Zum einen handelt es sich um performative Inszenierungen, in denen die Künstler sich selbst zum Thema machen. Zum anderen dauern alle Arbeiten im Schnitt wohl nicht länger als drei Minuten. Dass beides kein Zufall ist, versteht sich von selbst. Gerhard Johann Lischka hat in Bern eine Auswahl an Künstlern getroffen, die er seit Jahren kennt und beobachtet, ja teilweise sogar selber unterrichtet hat und die vielfach aus dem Umfeld des in Bern ansässigen Performance-Künstlers Norbert Klassen stammen. Die Kunst der eigenen Körperinszenierung ist bei diesen Künstlern Programm. Aber es geht Lischka um mehr als die Thematisierung des Selbst. Die Arbeiten der Berner Künstler, die im Kunstdepot der Galerie Henze & Ketterer gezeigt werden, stellen nämlich nur eine Auswahl von insgesamt 90 Videos dar, die Kurator Lischka zu einer DVD zusammengestellt hat und die parallel zu dieser Ausstellung ihre Schweizer Premiere feiert. „art_clips.ch.at.de“ lautet der Titel der DVD, die Kurzvideos aus Österreich, der Schweiz und Deutschland aus den Jahren 2000 bis heute vereint. Ihr gemeinsames Merkmal ist ihre Länge – oder besser gesagt - ihre Kürze.
Nichts weniger als die Präsentation einer neuen Kunstform verspricht uns Lischka mit seiner Sammlung von so genannten „art_clips“. In Analogie zum Videoclip, wie wir ihn vom Fernsehen her kennen, bietet uns der „art_clip“ die zeitgemäße Form von Kunst – kurz und prägnant, schnell und hektisch, angepasst an die Beschleunigung des Lebens. Er zeichnet sich aus durch „(räumliche) Verkürzung und (zeitliche) Komprimierung“ - so Yvonne Spielmann, die unter anderem das Phänomen „art_clip“ in einer Publikation beschreibt, die begleitend zum Symposium „In the Zapping Zone“ erschien, das Lischka zur Thematisierung des Kurzvideos organisierte hatte.
Noch nicht einmal zappen ist nötig in der Ausstellung in Wichtrach. Gab es im Kunstraum Innsbruck – der ersten Station der DVD – noch Fernsehmonitore mit Kopfhörern und Sitzmöbeln davor, so dass man von einen Video zum andern ziehen konnte, ist jetzt alles auf einmal angesagt. Die Totalüberflutung für die heutige zerstreute Aufmerksamkeit? Oder „Bilder, die einen umarmen“ wie es Lischka in einem Interview in der Berner Zeitung „Bund“ nannte? Sagen wir es einmal so: manchmal wären ein wenig Stille und Meditation auch ganz wohltuend. Ausstellung hin oder her - die Produktion dieser DVD ist mehr denn lobenswert, ist es doch selten genug, dass man so viele spannende Videos auf einmal sehen kann. Und es steht nun jedem frei, ob auf Grossleinwand oder Monitor.