„Say it isn’t so – Naturwissenschaften im Visier der Kunst“ im Museum Weserburg Bremen

Reagenzglas Kunst

Ludwig Seyfarth
10. September 2007
Gegen Ende seines Lebens, in den 1960er Jahren, konstatierteMarcel Duchamp, Kunst sei „das einzige, was den Leuten bleibt, die der Wissenschaft nicht das letzte Wort überlassen wollen.“ Was waren das dagegen noch für Zeiten in der Renaissance, als Kunst und Naturwissenschaft in der Personalunion eines Universalgenies wie Leonardo da Vinci gleichwertig aufgehoben waren! Das Verhältnis beider Bereiche ist eine lange wechselvolle Geschichte von Konkurrenz, Annäherung, gegenseitiger Missachtung oder heftigen Flirts. Vielleicht sah Duchamp die Alleinherrschaft wissenschaftlicher Rationalität gerade deshalb so skeptisch, weil er mit vielen seiner künstlerischen Projekte eine gleichwertige Annäherung zwischen Kunst und Wissenschaft angestrebt hatte. Seine „3 stoppages étalon“, auf deutsch in etwa Kunststopf-Normalmaße, bilden einen wichtigen Bezugspunkt (oder besser –faden) für die Bremer Ausstellung „Say it isn’t so“, die ein breites Spektrum künstlerischer Annäherungen an oder kritische Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Verfahren vorführt. Der Schwerpunkt liegt auf zeitgenössischen Positionen, wobei drei Künstler eine leicht historische Perspektive einbringen: Bruce Nauman, der deutsche „Spurensicherer“ und Reliktsammler Nikolaus Lang und – eben – Duchamp.

Letzterer ließ 1913 drei Fäden von je einem Meter Länge aus einem Meter Höhe jeweils auf eine Leinwand fallen und fixierte sie mit Firnis ohne weiteres Arrangement genau so, wie sie dort zufällig liegengeblieben waren. Duchamp, der sich programmatisch von der Malerei abgewandt hatte, sah Bilder nicht mehr wie bis dahin üblich als Fenster zur Wirklichkeit, sondern als eine Fläche, auf der er wie ein Wissenschaftler experimentierte. Die „3 stoppages étalon“ sind das Resultat einer Art Versuchsanordnung und, wie der Duchamp-Kenner Herbert Molderings in einem Katalogbeitrag ausgezeichnet erläutert, eine Auseinandersetzung mit den damals intensiven Diskussionen um eine nicht-euklidische Geometrie und um die Etablierung neuer räumlicher Maßeinheiten jenseits der Dreidimensionalität. So haben manche Interpreten das Werk als ernsthafte Auseinandersetzung mit Riemanns Theorie de gekrümmten Raumes sehen wollen, aber dabei außer acht gelassen, dass Duchamps „Längennormale“, wie Molderings betont, „für die wissenschaftliche Arbeit völlig unbrauchbar“ waren.

Und so ist der als Referenz ansonsten so überstrapazierte Duchamp in dieser Ausstellung nicht der Vorläufer der Concept Art oder der Institutionskritik, sondern einer ironischen und kritischen Auseinandersetzung mit der Wissenschaft, deren experimentelle Vorgehensweisen denen von Künstlern oft erstaunlich ähnlich sind, auch wenn Intentionen und Ziele sich stark unterscheiden. Künstler haben, so Guido Boulboullé, neben Peter Friese undSusanne Witzgall Kurator der Ausstellung, das „Interesse, Experimentalsysteme als Wahrnehmungssysteme, nicht als Forschungseinheiten zu reflektieren.“

Wenn sich immer mehr Vertreter der „Hard Sciences“ von Kunst inspirieren lassen, liegt das vor allem an der Einsicht, dass der gedankliche Findungs- und Erkenntnisprozess auch in den Wissenschaften nur teilweise exakter Logik und Rationalität folgt und stark von Intuition, spontaner Eingebung und Zufall bestimmt ist – oder bestimmt sein könnte, denn allzu häufig lässt das hierarchisch arbeitsteilige Betriebsmodell der „Big Sciences“ einen so offenen Kreativitätsbegriff kaum zu.

Nicht wenige Künstler sind vielleicht auch deshalb Emigranten aus der Wissenschaft und haben sich nach einer naturwissenschaftlichen Ausbildung vom Wissenschaftsbetrieb ab- und dem Kunstbetrieb zugewandt. Ein prominentes Beispiel etwa ist Carsten Höller, der sich einst als Agrarbiologe habilitierte und mit empirischen Versuchsanordnungen wohlvertraut ist. Höllers „Swinging Corridor“ ist ein für die Besucher selbst erfahrbares Wahrnehmungsexperiment, andere Künstler führen Wissenschaft und Ästhetik in laborartigen Situationen zusammen. Carsten Nicolais System zur künstlichen Erzeugung von Schneeflocken ist zugleich wissenschaftliches Experiment als auch Beitrag zu einer generativen Ästhetik, die präzise Ausgangsbedingungen für das Ineinandergreifen regelhafter und zufälliger Prozesse herstellt.

Sind Kunst und Wissenschaft etwa doch identisch? Nana Petzet proklamierte dies bereits 1987 und führt ihre programmatische Aussage seitdem durch konsequente Verfolgung ad absurdum. Wenn Petzet den Esszimmerbereich ihrer Wohnung nachbaut und diesen als Lebensraum für das Kaninchen Robby untersucht, stellt sich schließlich die Frage, wer hier wen beobachtet und ob Künstlerin und Kaninchen nicht längst die Rollen getauscht haben. Da ist es sicherer, wenn man seine Forschungsobjekte rechtzeitig gut wegsortiert und klassifiziert. Wie dies historisch in Museen geschieht, reflektieren die Installation des Amerikaners Mark Dion. Die Ausstellung dokumentiert aber auch die „Biologische Forschungsstation“, die Dion zusammen mit der Hamburger Galerie für Landschaftskunst entwickelt hat, die mit zahlreichen „forschenden“ internationalen Künstlern kooperiert und sich als wichtiger Ankerplatz des Kunst-Wissenschaft-Diskurses in Deutschland etabliert hat. Aber sind Forscher nicht manchmal auch verrückt? Judith Walgenbachs „Forschertisch“ lässt einen gigantischen Hefeteig wie das wild gewordene Produkt eines Zauberlehrlings hervorquellen, und der britische Künstler John Isaacs führt uns den „Mad Scientist“, eine aus Literatur und Film wohlbekannte Figur, als lebensgroße naturalistische Skulptur vor. Die filmischen Erzählmuster des zwischen Genie und Wahnsinn schwankenden besessenen Forschers, der in Dr. Jekyll und Frankenstein nur seine bekanntesten Ausprägungen fand, sind durch das Münchner Künstlerduo M+M in eine kühle digitale 3-D-Welt und in die narrative Struktur von Computerspielen überführt worden. Wer sich hingegen in der realen Welt und in kleinen Dimensionen wohler fühlt, wird von Brian Collier aufgefordert, sein Archiv von „very small objects“ zu ergänzen, was die Besucher offenbar mit Freude tun.

Die Ausstellung „Say it isn’t so“ und der mit informativen und gut geschriebenen Textbeiträgen aufwartende Katalog sind ein wichtiger Beitrag zu einer zeitgemäßen, unaufgeregten und differenzierten Diskussion um das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft, wie sie 2006 auch die Reihe „Art and Science“ im Brandenburgischen Kunstverein Potsdam anvisiert hat. Und es wird am Beispiel der Naturwissenschaften exemplarisch deutlich, dass es zu den zentralen Vorgehensweisen heutiger Künstler gehört, die Bilder und visuellen Vorstellungen zu beobachten, die die soziale Praxis in unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbereichen bestimmen und diese gleichsam im Reagenzglas der Kunst zu reflektieren und bewusst zu machen. Überschaubare Ausstellungen mit einer präzisen Fragestellung können auch für das grundsätzliche Nachdenken über the state of the art ergiebiger sein als die kuratorisch kaum mehr kontrollierbaren und für die meisten Besucher nur noch partiell erfassbaren Mega-Events, mit denen uns der diesjährige Kunstsommer überschwemmt hat.


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